Regretting Fatherhood: Wann bereuen Männer ihre Vaterschaft?

Die Folgen von Regretting Motherhood
Regretting Fatherhood: Bereuen auch Männer ihre Vaterschaft?

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ArtikeldatumZuletzt aktualisiert am 28.10.2026
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Ein Vater sitzt am Handy, seine beiden kleinen Töchter tröten ihn mit Papierrollen ins Ohr
Foto: Getty Images / MoMo Productions

Die ganze Diskussion begann im Jahre 2015. Damals veröffentlichte die israelische Soziologin Orna Donath eine Studie, die für Schlagzeilen sorgte: Für die Untersuchung mit dem Titel "Regretting Motherhood" befragte die Soziologin Frauen, die es dauerhaft bereuen, Mutter geworden zu sein, und die Rolle als Mutter negativ erleben.

Ungeachtet ihrer Gefühle und Begründungen schlug diesen Frauen eine Welle der Empörung entgegen: Muttersein sei ein Geschenk und der erfüllendste Job der Welt, wie könnten sie bloß so etwas über ihre Kinder sagen! Und überhaupt, heutzutage sei doch kaum noch jemand gezwungen, Nachwuchs in die Welt zu setzen, wenn sie oder er nicht wolle!

Was bei diesen Diskussionen oftmals unter den Tisch fiel: Fast keine dieser Frauen sagte aus, ihr Kind nicht zu lieben. Sondern dass sie an der Gesellschaft verzweifelten, in der sie ihren Nachwuchs erziehen müssen. Für alle, die tiefer in die Materie eintauchen wollen: Die besagte Studie von Orna Donath gibt es auch als Buch: "Regretting Motherhood: Wenn Mütter bereuen". Das Buch kannst du zum Beispiel über Amazon bestellen.

Was bedeutet Regretting Motherhood genau?

Der deutschsprachige Instagram-Account @regretting.motherhood will in dieser Hinsicht Aufklärungsarbeit leisten und Betroffenen einen Safe Space zum Austausch bieten. Auch dort heißt es: "Es handelt sich bei Regretting Motherhood nicht um die Ablehnung der Kinder an sich, sondern lediglich um die Ablehnung der Mutterschaft (und auch der Mutterrolle)."

Die Kritik zielt dabei vor allem auf Erwartungshaltungen ab: "Die herrschenden patriarchalen Ideologien der Mutterschaft definieren die Mutterliebe: Eine gute Mutter empfindet immer und in jeder Sekunde ihres Daseins nichts als reine Liebe und unverfälschte Freude für ihre Kinder. Dieser verbreitete Muttermythos besagt außerdem, dass eine Mutterschaft der Lebenszweck aller Frauen sei." Gemeint ist unter anderem der unerfüllbare und widersprüchliche Erwartungsdruck, gleichzeitig eine perfekte Mutter, eine perfekte Arbeitnehmerin, eine perfekte Ehefrau und eine perfekte Hausfrau zu sein – in einer Gesellschaft, die all das nicht zulässt und Frauen an den Pranger stellt, die versuchen, nur eines davon zu sein. Oder mehreres. Oder keines.

Regretting Fatherhood: Was bedeutet das?

Mal abgesehen von den Typen, die nach einem One-Night-Stand Alimente zahlen müssen, drängt sich die Frage auf: Gibt es auch Regretting Fatherhood? Männer, die ihre Vaterschaft bereuen? Die Wissenschaft antwortet mit einem klaren Jein. Für eine Studie unter dem Namen "Regretting Parenthood" befragte die Forschungsplattform YouGov im Jahr 2022 mehr als 1000 Eltern zu Themen wie Kindererziehung während Corona und Kinder und Karriere.

Wenig überraschend: Je jünger die Elternteile waren, desto häufiger gaben sie zu, keine Kinder mehr bekommen zu wollen, wenn sie sich noch einmal entscheiden könnten. Im Durchschnitt stimmten – wie schon fünf Jahre zuvor – 20 Prozent dieser Hypothese zu. 56 Prozent der befragten Männer (und 51 Prozent der Frauen) konnten zudem nachvollziehen, dass es Mütter gibt, die ihre Mutterschaft bereuen. Über Väter wurde diese Frage nicht gestellt. Hm!

Podcast-Tipp: Der Autor dieses Artikels, der auch das Buch "Väter können das auch!" geschrieben hat, war auch schon mal zu Gast in unserem Podcast, hier geht's zum Gespräch:

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Regretting Fatherhood kritisch gesehen

Die Journalistin und Autorin Heide Oestreich stellte schon 2016 einen großen Unterschied fest. In einem Zwischenruf für die Heinrich-Böll-Stiftung argumentierte sie, dass Väter, die die Familiengründung bereuen, schon deshalb kaum auffielen, weil ihre Vaterliebe nach wie vor als Glücksfall gelte. Ein distanzierter Vater sei zwar nicht erwünscht, gelte oft aber noch immer als "unvermeidliches Schicksal".

Oestreich erklärte: "Väter, die ihre Vaterschaft bereuen, könnten zum Beispiel mit der Ausrede 'Papa muss arbeiten' viel leichter als Mütter den Kontakt zu ihrer Familie reduzieren – oder gleich ganz abhauen und Mama als Alleinerziehende zurücklassen." Das Fazit der Autorin: "Männer können vor Rollenanforderungen fliehen, Frauen nicht. Männer brauchen ihre Vaterschaft gar nicht zu bereuen, sie können sie nämlich auf ein Minimum begrenzen."

Das ist der Unterschied zu Regretting Motherhood

Noch anschaulicher illustrierte diese Schieflage und die verschiedenen Arten von Reue eine Userin in einem Gastbeitrag auf der Instagram-Seite @regretting.motherhood. "Ich bereue meine Mutterschaft. Mein Mann bereut seine Vaterschaft. Den Unterschied macht der Mental Load", schrieb sie und führte aus: "Mein Mann geht morgens sehr früh aus dem Haus und kommt gegen 19 Uhr zurück. Lohnarbeiten. Ich hingegen, stehe auf, wecke die Kinder, mache das Kleine fertig, bereite Essen vor, schicke das große Kind zur Schule, düse mit dem Kleinen zur Kita. Düse zurück, studiere, mache das Nötigste im Haushalt, um nicht völlig im Chaos zu versinken, gehe einkaufen, hole das Kind wieder aus der Kita, koche, lese vor, spiele, male, mache das Kind bettfertig. Ich weiß, welche Kleidergrößen die Kinder tragen, ob und wann wir neue Kleidung brauchen, wenn wir neue brauchen, besorge ich sie. Ich kümmere mich um Arzttermine, Kitatermine, Geburtstage, um große und kleine Sorgen, plane Essen. Schlafe abends völlig fertig bei der Einschlafbegleitung mit ein. Wenn mein Mann und ich von Reue sprechen, reden wir von völlig unterschiedlichen Dimensionen, völlig anderen Realitäten."

Es ist ja eigentlich logisch: Solange von Männern nicht erwartet wird, ein genauso vorbildlicher Vater wie Arbeitnehmer zu sein, solange wir also in Politik und Wirtschaft noch keine echte und in Form von Financial Load, Gender Pay Gap und Gender Care Gap skalierbare Gleichberechtigung erreicht haben, kann Regretting Fatherhood für Männer statistisch kein so großes Problem werden wie Regretting Motherhood für Frauen. Da Männer seit Jahren zunehmend Angst vor Karriereeinbrüchen durch Kinder, Eltern- und Teilzeit haben wie Frauen seit Jahrzehnten schon, nimmt die Zahl derer, die unter zunehmend komplexer werdender Vereinbarkeit verzweifeln, zwangsläufig zu. Derart strukturell benachteiligt wie Frauen, die genau deshalb ihre Mutterschaft bereuen, sind sie deshalb nicht. Ernstnehmen sollte man auch ihre Sorgen trotzdem.

Regretting Fatherhood: Ursachen, Symptome und Lösungswege

Väterberater Heiner Fischer weiß, wie dies funktionieren könnte. Der Coach aus Krefeld sagt: "Väter brauchen Austausch". Erst der schaffe Sichtbarkeit, Verständnis, Zugehörigkeit und infolgedessen Gleichberechtigung und Gleichzeitigkeit. All das brauche es, um auch ein Thema wie Regretting Fatherhood in all seinen Facetten und Emotionen besprechen zu können. Fischer bietet Väterkreise an und weiß aus Erfahrung: "Auch Männer brauchen geschützte Räume und eine vertrauensvolle, nicht verurteilende und wertfreie Atmosphäre, in der alles gesagt werden kann." Als Beispiel erzählt er, dass er schon mit Vätern sprach, die ihre Kinder schlugen, "sich scheiße fühlen und das übelst bereuen. Sie leben mit diesem Stigma, trauen sich nicht, darüber zu sprechen. Sie haben Angst vor Verurteilung, vielleicht gar vorm Jugendamt".

Reden als erster Schritt – doch wie können Betroffene im nächsten Schritt Lösungsstrategien entwickeln? Väterberater Fischer sagt: "Väter, die etwa ihre Vaterschaft bereuen, müssen dafür sorgen, dass eine Sinnhaftigkeit zurück ins Leben kommt. Dass sie Perspektiven sehen und Selbstwirksamkeit erfahren. Dass sie nicht in eine depressive Verstimmung geraten, sondern dort herauskommen." Wie das gehen kann? Durch Begleitung in Form von Coaching und psychosozialer, professioneller Beratung. Fischer: "Ich plädiere in solchen Fällen dafür, dass die Beratenden männlich gelesene Personen sind, die eine ähnliche Lebenswelt haben und männlich sozialisiert wurden. Die verstehen, wie Männer groß geworden sind, die auch unter Gewalt gelitten oder gar selbst Gewalt ausgeübt haben und die wie die Hilfesuchenden im Patriarchat stehen. Weil denen das Problem weniger erklärt werden muss. Die kennen das."

Fazit