Von Helikoptereltern, die ihre Kinder überbehüten bis zu Schneepflugeltern, die ihnen jedes Hindernis aus dem Weg räumen: Experten warnen regelmäßig vor einer Generation übervorsorgter, unselbstständiger Kinder.
Doch stimmt das überhaupt? Julian Schmitz, Professor für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Leipzig, sieht in seiner Praxis ein ganz anderes Bild – und erklärt im Interview mit Men's Health Dad, warum elterliche Zuwendung Kinder nicht schwächt, sondern stärkt.
Herr Schmitz, ich habe einen sehr interessanten Satz von Ihnen gelesen: "Ich habe viele Kinder gesehen, die zu wenig Verständnis und Zuneigung erfahren haben, aber noch keines mit zu viel." Gleichzeitig haben wir einen großen medialen Diskurs über eine mögliche Überbehütung der Kinder von heute. Wie passt das zusammen?
Das lässt sich am besten mit dem kritischen Blick der älteren Generation auf die Jugend von heute erklären. Das ist ein sehr altes Phänomen – schon Platon im alten Griechenland machte sich Sorgen über eine faule Jugend. Wir neigen einfach dazu, uns selbst rückblickend zu idealisieren. Wenn wir an unsere eigene Jugend denken, romantisieren wir sie schnell. Auch wenn das selten der Realität entspricht, entsteht daraus ein "Früher haben sich Kinder besser verhalten?"-Gefühl. Gleichzeitig sind Kinder und Jugendliche nun einmal impulsiver, sprunghafter und weniger fokussiert als Erwachsene. Das ist entwicklungspsychologisch normal. Eine zentrale Aufgabe in der Jugend ist es dann außerdem, Autonomie zu erwerben und auch zu rebellieren. Das haben alle Generationen getan. Für die Generation, gegen die rebelliert wird, ist es allerdings bequemer, dieses normale Verhalten kritisch zu bewerten, als auch eigene Denkmuster zu hinterfragen.
Die Kritik an den überbehüteten Kindern macht auch vor den Eltern nicht halt. Oft lesen wir von Helikopter-, Rasenmäher- oder Schneepflugeltern, die ihren Kindern alles abnehmen und ihnen so jeden Entfaltungsrahmen nehmen. Sind auch sie eher eine mediale Erzählung als echte Realität?
Die gibt es durchaus. Aber sie machen nur einen sehr kleinen Teil der Elternschaft aus. Häufig handelt es sich dabei um ein Zusammenspiel zwischen kindlichem Temperament und elterlichem Verhalten. Wenn Kinder von sich aus ängstlicher sind oder schneller überfordert reagieren, dann schützen Eltern sie stärker – nicht als Ursache, sondern als Reaktion auf ein teilweise angeborenes Muster. Von einer ganzen Generation von Helikoptereltern möchte ich ungern sprechen. Das ist schlicht nicht die Realität.
Dann formulieren wir es doch mal positiver: Was bedeutet denn eine größere Zugewandtheit der Eltern?
Es ist sehr wichtig, dass Eltern Vorbilder sind, dass sie andere einbeziehen, nach Meinungen fragen, Gefühle ernst nehmen und vorleben, dass es keine verbotenen Emotionen gibt. Das hilft Kindern, auch ihre eigenen Gefühle zu regulieren und einzuordnen. Wenn ich ein Kind nach seiner Meinung frage, lernt es, innere Zustände mit Gedanken und Erfahrungen zu verbinden. Das heißt natürlich nicht, dass nicht jede Reaktion oder jedes Verhalten akzeptiert werden sollte.
Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?
Ein Kind wird wütend und schlägt jemand anderen. Dann sollte man mit ihm sprechen und verstehen wollen: Was ist passiert? Warum warst du so wütend? Gleichzeitig kann man ruhig deutlich machen: Das ist nicht in Ordnung und da ziehe ich eine Grenze. Ich verstehe, dass du wütend warst und dir nicht anders zu helfen wusstest. Aber Schlagen ist absolut nicht in Ordnung und darf nicht wieder vorkommen. Das ist liebevoll, klar und wirksam zugleich. Setzen Eltern keine Grenzen, ist das auch keine gute Zuwendung zum Kind.
Bedürfnisorientierung heißt deshalb auch nicht, dass Kinder alles dürfen?
Genau. Wenn ein Kind in einem Wutanfall ist, möchte ich als Elternteil ja, dass es wieder aus dieser Wut herausfindet. Dann ist es absurd, selbst mit Härte und Wut zu reagieren – man würde genau das Dysfunktionale spiegeln. Stattdessen geht es darum, das Gefühl anzuerkennen und Brücken zu bauen: Was hat das Kind frustriert? Gibt es einen Kompromiss? Das Kind erlebt so, "Ich kann mich gemeinsam regulieren, ich finde einen Weg aus schwierigen Gefühlen heraus". Oft reicht schon das Benennen des Gefühls. Wenn Kinder sich verstanden fühlen, beruhigen sie sich schneller. Sonst müssen sie immer wieder zeigen: Ich bin wirklich wütend – und das wird dann eher lauter als leiser. Das kennen wir ja auch als Erwachsene.
Podcast-Tipp: Das Thema Gefühle haben wir auch schon mal in unserem Papa-Podcast behandelt, hier geht's zum Gespräch:
Ein weiterer Vorwurf an Eltern lautet: Sie seien körperlich da, aber geistig abwesend – am Handy. Macht das einen Unterschied für Kinder?
Ja, das merken Kinder sehr genau. Ich habe selbst zwei Kinder, und die sagen mir klar, wenn ich abgelenkt bin. Mein Sohn ist sechs und sagt schon manchmal: Papa, leg doch mal das Handy weg. Dass Eltern müde sind, gestresst nach Hause kommen und nicht ständig hundertprozentig präsent sein können, ist völlig normal. Dieser Anspruch wäre unrealistisch. Wichtig ist aber, dass es Zeiten gibt, in denen Kinder wissen: Jetzt wird mir wirklich zugehört. Das müssen keine Stunden sein. Manchmal reichen täglich 15 Minuten echter Präsenz – ein Gespräch, ein Spiel, Vorlesen, gemeinsames Tun. Solche Zeiten sind auch für uns Eltern schön. Man ist vielleicht erst erschöpft und erlebt dann Nähe, die sehr bereichernd ist.
Hat die Aufmerksamkeit für Kinder in unserer Gesellschaft insgesamt zugenommen?
Man muss differenzieren. Es gibt immer noch viele Kinder, die Vernachlässigung erleben oder Gewalt erfahren. Insgesamt ist aber das gesellschaftliche Bewusstsein für kindliche Bedürfnisse zum Glück gestiegen. Meilensteine waren etwa die Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention und das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Man muss sich das klarmachen: Erst seit gut 20 Jahren darf man Kinder in Deutschland nicht mehr schlagen.
Was hat sich konkret im Vergleich zu früher verändert?
Ich bin Mitte 40. Ich bin mit drei in den Kindergarten gekommen, wurde mittags abgeholt, die Grundschule ging bis 13 Uhr. Danach war ich zu Hause. Heute sind Kinder deutlich länger in Betreuung, gesellschaftlich erwartet und notwendig, gerade wegen der Berufstätigkeit von Eltern, insbesondere von Müttern. Und wer mal in einer Kita oder im Hort war, weiß: Kinder müssen sich dort viel anpassen, erleben auch Frustration, aber auch Freiheit, in der sie nicht permanent von Erwachsenen bespielt werden. Die Vorstellung, Kinder würden heute permanent überwacht, müssten keinen Frust mehr erleben, hätten keinen Freiraum mehr, passt schlicht nicht zur Realität.
Buch-Tipp: Das Thema Bindung behandelt auch die Autorin Nora Imlau in ihrem Buch "Bindung ohne Burnout: Kinder zugewandt begleiten ohne auszubrennen" - unsere Leseempfehlung!
Die Kernfrage: Sind Kinder heute weniger selbstständig?
Dafür gibt es aus Studien keine Hinweise, was viele überrascht. Ich werde oft gefragt, ob früher alles besser war, gerade mit Blick auf psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Gleichzeitig sehen wir, dass psychische Erkrankungen heute zu den häufigsten Gründen für Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung gehören. Und wir wissen aus Studien: Rund drei Viertel aller psychischen Störungen beginnen in Kindheit und Jugend. Wenn wir bei heutigen Erwachsenen große Probleme sehen, sagt das viel über deren Kindheit aus – nicht unbedingt über die heutige.
Gleichzeitig wird auch über große Belastung für heutige Kinder gesprochen, sogar von einer "Generation Krise" war unlängst die Rede – wie sehen Sie das?
Diese apokalyptischen Narrative sind problematisch. Die Daten zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der Kinder und Jugendlichen psychisch gesund ist. Etwa 85 bis 90 Prozent beschreiben sich selbst so. Der Alarmismus hängt oft mit der Corona-Pandemie zusammen. In dieser Zeit waren Kinder und Jugendliche sicher stärker belastet und die Folgen sind noch spürbar. Aber daraus eine generelle Krise einer ganzen Generation abzuleiten, entbehrt empirischer Belege.
Was bewirken Aufmerksamkeit und Zuwendung konkret bei Kindern?
Wir wissen sehr gut: Kinder, die in einem emotional warmen Klima aufwachsen, in dem ihre Bedürfnisse ernst genommen werden und sie zugleich klare Grenzen erleben, entwickeln sich selbstbewusst, empathisch und sozial kompetent. Sie können später besser mit Frustration umgehen. Wenn sie mal scheitern, wissen sie: Ich bin jemand, der gemocht wird und kompetent ist. Das ermöglicht, aus Fehlern zu lernen. Wer hingegen viel Ablehnung, Frustration oder Gewalt erlebt hat, zweifelt schneller an sich. Misserfolge werden dann als Bestätigung eigener Unzulänglichkeit erlebt, was eher zu Rückzug oder Aggression führt.





