Paartherapie: Warum sie sich besonders für Eltern lohnt

Update für die Beziehung
Paartherapie: Warum sie sich besonders für (werdende) Eltern lohnt

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ArtikeldatumVeröffentlicht am 07.01.2026
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Aufnahme aus der Vogelperspektive: ein Paar sitzt einer Therapeutin gegenüber
Foto: GettyImages / Fiordaliso

Blick durchs Schlüsselloch: In der erfolgreichen NDR-Serie "Die Paartherapie" sind die Zuschauerinnen und Zuschauer bei den Therapiesitzungen des Hamburger Paartherapeuten Eric Hegmann dabei und können zuschauen wie Paare an ihrer Beziehung arbeiten.

Dabei stellt sich die Frage: Wie verändert diese mediale Öffentlichkeit das Tabuthema Paartherapie? Im Interview mit Men's Health Dad spricht Experte Eric Hegmann über Väter in der Krise, Care-Arbeit-Konflikte und darüber, warum Paartherapie kein Scheitern ist.

Ihre ARD-Sendung "Die Paartherapie" läuft inzwischen in der dritten Staffel, der Podcast ist ein Hit. Schafft diese mediale Sichtbarkeit eine neue Offenheit, über Beziehungskrisen zu sprechen – gerade auch unter Männern?

Absolut, zumindest bei unserem Publikum. Wir bekommen massenhaft Zuschriften von Paaren, die sich die Folgen gemeinsam anschauen und danach ins Gespräch kommen. Sie diskutieren über einzelne Szenen, greifen Gedanken auf und reflektieren ihre eigene Beziehung. Das ist die schönste Rückmeldung, die wir bekommen können. Ob sich daraus ein gesamtgesellschaftlicher Trend ableiten lässt, müsste die Soziologie klären.

Hat sich Paartherapie in den letzten zehn Jahren verändert? Kommen die Paare heute früher?

Das Entscheidende hat sich gewandelt: Paartherapie gilt nicht mehr als allerletzte Rettungsmaßnahme vor der Scheidung. Viele Paare kommen heute früher und präventiv. Sie wollen ein Beziehungs-Coaching, bevor die Krise eskaliert. Sie möchten aktiv an ihrer Partnerschaft arbeiten, Werkzeuge lernen für den Umgang mit Konflikten. Das ist ein fundamentales Umdenken und extrem wichtig. Denn Veränderung gelingt leichter, wenn es uns noch gut geht und wir Lust haben, gemeinsam daran zu arbeiten – nicht erst, wenn alles in Scherben liegt.

Haben sich auch die Themen verändert?

Die Rahmenbedingungen ja, die Kernkonflikte kaum. Wir leben im Gegensatz zu früheren Generationen in einer Zeit freiwilliger Beziehungen. Das ist ein enormer Fortschritt, besonders für Frauen. Aber die grundlegenden Konflikte bleiben: "Du machst es nicht so, wie ich es mir wünsche. Du machst es nicht so, wie ich es tun würde. Du erfüllst nicht meine Erwartungen." Aus dieser Erwartungshaltung entstehen alle Konflikte. Das muss nicht negativ sein – im besten Fall beeinflussen Partner einander positiv, lernen voneinander und wachsen gemeinsam. Aber wenn dieser Wille fehlt, arbeiten sich die Partner aneinander ab. Die Beziehung gerät in destruktive Dynamiken. Wir nennen das "Partner Blaming": Man gibt dem anderen die Schuld dafür, dass es einem selbst so dreckig geht. Aus dieser Haltung rauszukommen ist für die meisten Paare extrem schwierig.

Paartherapeut Eric Hegmann
PR (Janine Meyer)

Kommen Paare mit Kindern besonders häufig zu Ihnen?

Nicht zwangsläufig häufiger, aber das Elternsein ist definitiv ein Stresstest für jede Beziehung. Kinder verändern den Alltag radikal. Die Elternrollen dominieren über Jahre die Paaridentität. Das gilt besonders für Kleinfamilien ohne Unterstützungsnetzwerk. Es gibt diesen alten Satz: "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen." Doch dieses Dorf steht den meisten nicht zur Verfügung. Das führt zu Herausforderungen, die objektiv nicht lösbar sind: weniger Paarzeit, weniger Schlaf, weniger Autonomie. Hier braucht es einen konstruktiven Umgang mit diesen unlösbaren Konflikten. Paare, die sich länger kennen und bewusst Eltern wurden, fällt das oft leichter. Wer dagegen nach kurzer Kennenlernphase – in dieser symbiotischen Verliebtheitsphase, wo Unterschiede ausgeblendet werden – plötzlich Eltern wird, hat keine Erfahrung darin, Gegensätze zu verhandeln. Die prallen dann mit voller Wucht aufeinander, wenn das Baby da ist

Welche typischen Konflikte sehen Sie bei Paaren mit kleinen Kindern?

Am häufigsten wird über unterschiedliche Erwartungen ans Elternsein gestritten – Erziehungsstile, Tagesabläufe, Prioritäten. Das ist normal und bis zu einem gewissen Grad sogar gesund. Schließlich treffen zwei Menschen mit völlig unterschiedlichen Biografien und Prägungen aufeinander. Der gemeinsame Mittelweg muss erst gefunden werden. Die Fragen sind hochexplosiv: Was will ich genauso machen wie meine Eltern? Was auf gar keinen Fall? Diese Reflexion prägt massiv, wie wir unseren Partner oder unsere Partnerin in der Elternrolle wahrnehmen – und bewerten.

Ein Thema in der Paartherapie-Serie ist auch die ungleiche Verteilung der Care-Arbeit. Wie gehen Sie damit in der Therapie um?

Das ist tatsächlich einer der häufigsten Konfliktpunkte. Väter wollen – zu Recht – für ihre Leistungen gewürdigt werden, genau wie Mütter. Aber in der Realität ist die Care-Arbeit eben nicht so gleichmäßig verteilt, wie sich viele Väter das vorstellen oder selbst wahrnehmen. Mental Load, emotionale Arbeit, das ständige Mitdenken – das wird oft übersehen. Das richtige Maß muss ausgehandelt werden. Und hier kann ich nur sagen: Augen auf bei der Partnerwahl. Paartherapie kann das nicht nachträglich korrigieren. Was hilft: frühzeitige, ehrliche Gespräche über Erwartungen und die realistische Bestandsaufnahme, ob diese Vorstellungen überhaupt kompatibel sind.

Woran erkennen Väter und Mütter, dass sie professionelle Unterstützung brauchen?

Ehrlich gesagt: Alle Eltern brauchen Unterstützung. Aber die muss nicht zwingend therapeutisch sein. Oft ist die praktische, alltägliche Hilfe von Großeltern, Babysittern, Freunden oder Verwandten viel wichtiger. Ein Warnsignal für therapeutischen Bedarf ist, wenn ihr als Paar nur noch im Modus "Eltern" funktioniert, wenn jede Interaktion von Vorwürfen geprägt ist, wenn einer von euch denkt: "Mit dem oder der hatte ich mir mein Leben anders vorgestellt."

Sollten Paare also schon präventiv in die Beratung gehen, bevor sie Eltern werden?

"Sollten" ist mir zu fordernd. Aber: Es kann definitiv helfen, einen Workshop zu Paarkommunikation zu besuchen oder einen Online-Kurs zum Umgang mit Unterschieden zu machen. Auch ein offenes Gespräch über Erwartungen ans Elternsein ist wertvoll. Aber Vorsicht vor der Illusion, dass sich alle zukünftigen Konflikte durch Vorgespräche vermeiden lassen. Diese Erwartung erzeugt nur unnötigen Druck in einer ohnehin intensiven Lebensphase. Elternwerden ist Teil eurer gemeinsamen Reise und die darf auch mal holprig sein.

Beim Zuschauen oder Zuhören der Serie hat man schnell einen Schuldigen an der Misere im Kopf. Geht ihnen das als Therapeut ähnlich?

Als Therapeut bin ich kein Schiedsrichter, der urteilt. Die Zuschauer dürfen gerne Partei ergreifen, das gehört zum Format. Aber die Paare selbst müssen ein Lebensmodell finden, mit dem sie leben können. Ob es mir persönlich gefällt, ist irrelevant. Entscheidend ist: Ich kann meinen Partner nicht dauerhaft kritisieren und erwarten, dass er sich mir zuliebe komplett ändert, obwohl er sein Verhalten für richtig hält oder gar nicht ändern will. Vor dieser Vorstellung warne ich alle Paare: Partner fixing gehört nicht zu meiner Job-Beschreibung.

Wie schwer fällt es Männern in Ihrer Praxis, offen über Gefühle und Erwartungen zu sprechen?

Ich möchte nicht zu tief in die Klischee-Kiste greifen – das wäre therapeutisch kontraproduktiv. Mein Ziel ist, dass beide Partner ihre Emotionen benennen und daraus konkrete Wünsche formulieren können. Aber ja, die Praxis zeigt: Nicht jeder, der Zugang zu seinen Gefühlen hat, kann sie auch klar benennen und begründen. Zwischen "Gefühle zeigen" und "Gefühle reflektieren und kommunizieren" liegt ein riesiger Unterschied. Vielen Jungen und Männern wurde beigebracht, Emotionen zu verdrängen oder wegzurationalisieren – besonders, wenn sie die eigenen oder die Gefühle der Partnerin nicht aushalten können. Die gute Nachricht: Den Umgang mit Emotionen kann jeder lernen. Dazu gehört auch, die eigene Reaktivität zu kontrollieren – zum Beispiel in dem Moment, in dem die Partnerin Nein zu einem Wunsch sagt.

Was hilft Paaren am meisten, wenn sie im Familienmodus feststecken und sich als Liebespaar verlieren?

Die einfachste und gleichzeitig schwerste Antwort: gemeinsame Zeit. Und zwar bewusst, geschützt, ohne Kinder. Die muss man sich aktiv schaffen – notfalls durch Streichen von Hobbys oder Arbeitszeit. Und das müssen beide tun, nicht nur einer. Ob diese gemeinsame Zeit auf dem Sofa stattfindet oder als Date im Kino oder Restaurant, müssen die Paare selbst entscheiden.

Kommt jedes Paar mit der Erwartung zu Ihnen, zusammenzubleiben? Kann Paartherapie auch mit einer Trennung gut enden?

Paartherapie ist immer ergebnisoffen. Natürlich liegt im Kommen schon ein Commitment – die Bereitschaft, an etwas festzuhalten. Aber eine Trennung kann ebenfalls ein gutes Ergebnis sein, wenn sie beiden die Chance auf neue, bessere Erfahrungen öffnet. Ich frage die Partner oft: "Gibt es eine Vorstellung in Ihnen, wie Ihre Beziehung aussehen müsste, damit Sie begeistert nach Hause kommen und sich auf Ihren Partner freuen? Wie sähe diese Beziehung im Alltag aus? Und was ist Ihr Anteil daran, sie so zu gestalten?" Wenn diese Vorstellungen überhaupt nicht zusammenpassen und beide nichts ändern wollen oder können, dann ist die Trennung die logische und oft auch gesündere Konsequenz. Und das ist okay.

Fazit