Das Baby schreit stundenlang, lässt sich nicht beruhigen. Vater und Mutter sind überfordert, hilflos, seit Wochen schlafen sie schlecht. Und dann kommt es zu einem unkontrollierten Moment, das Baby wird geschüttelt. Es soll endlich ruhig sein. Die Folgen dieser besonders schweren Form der Kindesmisshandlung sind dramatisch, im schlimmsten Fall endet das Schütteltrauma tödlich. Im August des letzten Jahres wurden zwei Väter zu langen Haftstrafen verurteilt, nachdem sie ihre wenige Monate alten Kinder zu Tode geschüttelt hatten. Doch leider sind das keine Einzelfälle.
Bis zu 200 Fälle vom sogenannten Shaken-Baby-Syndrom melden Kliniken und Jugendämter pro Jahr, die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. "Besonders tragisch finde ich, dass Aufklärung über die Folgen des Schüttelns und mehr Begleitung der Eltern die Zahlen deutlich senken könnte", sagt Bianca Schattauer, Babylotsin bei der Hamburger Stiftung SeeYou. Sie berät Familien vor und nach der Geburt und vermittelt ihnen passende Unterstützung, egal ob bei Elternschulen, Hebammen-Sprechstunden oder Sozialberatungsstellen.
Warum werden Säuglinge geschüttelt?
Als Hauptauslöser für das Schütteltrauma gilt elterliche Überforderung. "Oft kommen hier viele Dinge zusammen: die Überlastung durch Schlafmangel, fehlende familiäre Unterstützung und keine Betreuung durch eine Hebamme, dazu noch weitere Belastungen wie finanzielle Probleme oder Bindungsprobleme. All das führt dann zu einer folgenschweren Affekthandlung", erklärt Bianca Schattauer.
So zeigen Untersuchungen auch, dass es bei Schreibabys besonders häufig zu einem Schütteltrauma kommt. Auch die dramatischen Folgen des Schüttelns sind längst nicht allen Eltern bekannt. Laut einer Umfrage des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) kennen fast die Hälfte der Deutschen zwischen 16 und 50 Jahren den Begriff "Schütteltrauma" nicht. 24 Prozent glaubten sogar, dass Schütteln für ein Baby "vielleicht nicht so schön sei, ihm aber auch nicht schade". Ein fataler Irrglaube.
Was passiert bei einem Shaken-Baby-Syndrom?
Für die Babys hat das Schütteltrauma, auch Shaken-Baby-Syndrome genannt, fatale Folgen. Im frühen Lebensalter ist die Nackenmuskulatur noch sehr schwach und der Kopf im Vergleich zum restlichen Körper sehr groß. Genau das verstärkt die Kräfte, die beim Schütteln auf den kleinen Körper wirken.
Das Gehirn schlägt stark gegen die Schädelwände. Das Hirngewebe kleiner Babys ist deutlich empfindlicher als das von Erwachsenen, die Blutgefäße reißen schneller ein. So kommt es oft zu Blutungen und anderen schweren Verletzungen. 10 bis 30 Prozent der Kinder sterben durch schwere Hirnverletzungen. Bei bis zu 70 Prozent entstehen bleibende körperliche und geistige Behinderungen. Nicht umsonst gilt ein Schütteltrauma als schwere Form der Kindesmisshandlung. Nur etwa 10 Prozent der Babys überleben das Schütteltrauma ohne bleibende Schäden.
Wie häufig kommt ein Schütteltrauma vor?
Wie viele Babys und Kleinkinder ein Schütteltrauma erleiden, lässt sich nur schwer schätzen. Laut offizieller Meldungen durch Kliniken sind es bundesweit etwa 100 bis 200 Kinder pro Jahr, dazu kommt eine hohe Dunkelziffer. Nicht alle Eltern gehen nach einem solchen Vorfall sofort zum Arzt oder ins Krankenhaus. Auch in der Notaufnahme oder beim Kinderarzt sind die schweren Verletzungen im Gehirn oft nicht sofort sichtbar. Die Symptome sind oft eher unspezifisch: Erbrechen, Schläfrigkeit, Trinkschwäche und Krampfanfälle.
Um Schädigungen im Gehirn oder an der Halswirbelsäule festzustellen, müssen die Kinder schnellstmöglich mittels Computertomographie untersucht und dann behandelt werden. Hier müssen Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte genau hinsehen und erkennen, dass hier kein Baby vom Wickeltisch gefallen oder mit dem Kinderwagen über holpriges Pflaster gefahren wurde. Unbehandelt überleben die Babys vielleicht. Langfristige Folgen zeigen sich dann sogar Monate oder Jahre später, durch körperliche und geistige Beeinträchtigungen, Seh- und Hörverlust oder Krampfanfälle. Auch in 5 Prozent der Fälle von plötzlichem Kindstod, so vermuten Ärzte in einer Studie, sind Schütteltraumen und Misshandlungen die tatsächliche Todesursache. Nachträglich die schwere Kindesmisshandlung nachzuweisen, fällt extrem schwer, selbst wenn die Kinderärztinnen und Kinderärzte einen klaren Verdacht haben.
Weshalb sind die meisten Täter männlich?
Blickt man in die Umfrage des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH), fällt noch etwas Zweites auf: Zwei Drittel der Befragten wussten nicht, dass Babys eine besondere Schreiphase haben können. Gerade in den ersten Lebenswochen schreien die Neugeborenen oft ein bis zwei Stunden pro Tag. In dieser Zeit durchlebt der Säugling verschiedene Anpassungs- und Reifungsprozesse und lernt Schlaf- und Wachzustände, Hunger und Sättigung zu regulieren. Mit dem Schreien macht es unter anderem auf diese neuen Bedürfnisse aufmerksam. Manche dieser Schreianfälle lassen sich nicht mit Singen, Körperkontakt oder Muttermilch beruhigen.
Manchmal halten diese Schreianfälle sogar länger an, in dieser Phase spricht man auch von Schreibabys. "Dieses Schreien kann bei den Eltern starke Gefühle von Hilflosigkeit, Frustration und Wut auslösen und schließlich zum Schütteln des Kindes im Affekt führen", sagt Expertin Schattauer. Anhaltendes Babyschreien gelte deshalb als Hauptauslöser für die schwere Kindesmisshandlung. Die meisten Opfer sind zwischen 2 und 6 Monate alt, also im Hauptschreialter. Studien zeigen außerdem, dass die Verursacher von Schütteltraumen häufiger männlich als weiblich sind. Bei Frauen sei oft die frühe Bindung zum Kind stärker, das verhindere solche Affekthandlungen.
Wie können Prävention und Aufklärung helfen, Leben zu retten?
Um diese Fälle zu verhindern, wäre deshalb eine breit aufgestellte Wissensvermittlung eine wichtige Präventionsmaßnahme, glaubt die Babylotsin. Und die sollte schon vor der Geburt beginnen. "Neben den Folgen des Schüttelns sollten wir den werdenden Eltern auch vermitteln, dass die erste Zeit mit einem Baby durchaus herausfordernd sein kann und es wichtig ist, sich Unterstützung zu holen, egal ob aus der eigenen Familie oder durch professionelle Anlaufstellen", sagt sie.
Umso wichtiger sei eine Begleitung der Familien während der Schwangerschaft und nach der Geburt. Gerade wenn das Schreien des eigenen Kindes die Eltern stark mitnimmt und die Erschöpfung immer größer wird, gäbe es so professionelle Hilfe, zum Beispiel durch eine sogenannte Schreiambulanz, die Kinderarztpraxis oder ein Familienzentrum.
Auch der Umgang mit Belastungssituationen lässt sich lernen, zum Beispiel als fester Teil des Geburtsvorbereitungskurses. Schattauer nennt das den eigenen Notfallplan in kritischen Situationen. Das schreiende Baby für 5 oder 10 Minuten sicher abzulegen und kurz ins andere Zimmer zu gehen und durchzuatmen, sei besser, als über die eigene Belastungsgrenze hinauszugehen. So einleuchtend die Forderung nach Aufklärung und Präventionsarbeit auch erscheint, so schwer ist die Umsetzung in der Praxis. Bundesweit fehlen Hebammen zur Wochenbett-Begleitung. Auch die Angebote für Eltern-Kind-Kurse oder offene Eltern-Treffen sind alles andere als flächendeckend vorhanden.
Wo findet man Unterstützung?
Genau daran arbeitet die Stiftung SeeYou mit dem Programm Babylotsen. 2007 wurde es vom Hamburger Kinderarzt Sönke Siefert ins Leben gerufen. Sein Ziel: Ein vorbeugender Kinderschutz und die frühe Gesundheitsförderung von Kindern aus belasteten Familien. Inzwischen gibt es in mehr als 100 Geburtskliniken und 62 Kommunen in allen Bundesländern Babylots:innen.
Das Konzept: Bei der Anmeldung zur Geburt oder in der Frauenarztpraxis oder beim Kinderarzt wird auf das Beratungsangebot durch die Babylots:innen hingewiesen. Ein zusätzlicher Fragebogen fragt ab, nach Familienverhältnissen und möglicher Unterstützung, ob es psychische Erkrankungen, wirtschaftliche Probleme oder Suchterkrankungen gibt. Die Eltern können auch eigene Beratungswünsche notieren oder eine der offenen Sprechstunden besuchen. Zusätzlich weisen Schwestern, Hebammen oder Ärzt:innen die Babylotsen auf möglichen Unterstützungsbedarf bei den Familien hin. Zum Beispiel wenn eine Mutter schon vor der Geburt oft erschöpft und antriebslos wirkt oder nach der Geburt kaum Körperkontakt zu ihrem Kind sucht.
Ob sie die Hilfe der Babylotsen in Anspruch nehmen, entscheiden die Eltern selbst. Das Angebot ist für sie nicht nur kostenlos, sondern auch freiwillig. "Die meisten Eltern sind über die Hilfe sehr glücklich", sagt Babylotsin Schattauer. Die Fragen und Hilfestellungen reichen von Anträgen für Eltern- und Kindergeld bis zur Vermittlung von Babykursen. Auch mit dem Jugendamt und anderen Stellen für die Krisenintervention stehen die Babylotsinnen im Kontakt - und können im besten Fall Kinderleben retten.





