Trad-Dads: Stehen veraltete Rollenbilder kurz vorm Comeback?

Diskussion um Geschlechterrollen
Trad-Dads: Wieso veraltete Rollenbilder kurz vor einem Comeback stehen

ArtikeldatumVeröffentlicht am 04.03.2026
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Eine Frau saugt unter einem Sofa auf dem ein Mann liegt
Foto: Getty Image / Sturti

Wir hätten es ahnen können. Seit Jahren trendet der Begriff der sogenannten Tradwives – Frauen, die entgegen jeder ebenfalls trendenden Gleichberechtigungsversuche ihre traditionelle Rolle als Hausfrau medienwirksam inszenieren und patriarchale Strukturen propagieren.

Nun, da Männer, die konservative Rollenbilder und Frauen als Heimchen mögen, wieder das Weltgeschehen bestimmen und statt Fortschritt Backlashs forcieren, ist plötzlich auch von Trad-Dads die Rede. Aber was und wer soll damit gemeint sein?

Vor den Trad-Dads gab es die Tradwives

Um den Begriff des Trad-Dads einordnen zu können, bedarf es einer kurzen Wiederholung der Definition von Tradwives. Unter diesem Etikett re-kultivieren Influencerinnen seit den späten Zehner-Jahren des neuen Jahrtausends, also seit Donald Trumps erster Amtszeit als US-Präsident, zunehmend öffentlichkeitswirksam das Bild von Hausfrauen aus den 1950er-Jahren.

In den sozialen Medien zeigen sie stolz und lächelnd ihre strahlend sauberen Küchen und Kinder. Sie backen Brot und Kuchen. Sie tragen Schürzen, aufwendige Hochsteckfrisuren und ihrem Mann, wenn der denn da wäre, wahrscheinlich sogar Zeitung und Pantoffeln hinterher. Ihren Haushalt verkaufen sie als Lebensinhalt, ihren Gatten als heldenhaften Alleinverdiener. Sie prügeln – gezielt oder als Kollateralschaden – Jahrzehnte des mutmaßlichen Fortschritts mit dem Nudelholz aus ihrem Vorgarten heraus. Und sie erreichen damit mitunter ein Millionen-Publikum.

Warum die Rückkehr der Tradwives so problematisch ist

Anfangs mag dieses Phänomen noch als Schönrederei der eigenen Abhängigkeit von ihren Ehemännern zu bedauern oder tatsächlich bloß ein harmloses Hobby von Stay-At-Home-Moms gewesen sein, aus dem sich ein Nebenjob entwickelte. Die Zeiten aber haben sich geändert.

Erstens wurde schnell klar: Die Sache mit dem Geld verdienen steht meist im Vordergrund. Um sich als Content Creator Reichweite aufzubauen, braucht es neben bereits vorhandenem Geldpuffer Professionalität und Zeit – die Vollzeit-Care-Arbeitende eigentlich kaum haben, wenn nicht abseits der Kameras bereits Nannys beschäftigt werden, um das eigene Tradwife-Dasein bloß vorzugaukeln, dafür aber monetarisieren zu können.

Zweitens versammeln sich unter den reichweitenstärksten Tradwife-Accounts auf TikTok einer 2025 veröffentlichten Studie zufolge auch zunehmend people of colour. Drittens steckt seit Trumps zweiter Amtszeit erschreckend oft eine MAGA-Agenda dahinter. Seine Politik propagiert klassische Rollenmodelle, heteronormative Kernfamilien als einzig zulässigen Standard und negiert jede Form von Diversität. Trump, Tradwives und Trad-Dads (zu denen wir gleich kommen): It's a match.

Das Private wird politisch

Deutschsprachige Tradwife-Accounts teilen nicht selten direkt oder indirekt Werte, mit denen auch die AfD auf Wahlfang geht. Wegen dieses Umschwungs hat es der Begriff der Tradwife seit 2024 auch in Deutschland in den sogenannten Mainstream geschafft. Die "Tagesschau" berichtet von einer Rückbesinnung auf Antifeminismus und im "Zeit"-Podcast "Die sogenannte Gegenwart" fragen sich Nina Pauer und Ijoma Mangold, wieso es keine linken Tradwives gebe.

Um Tradwives geht es auch in Rebekka Endlers aktuellem Sachbuch "Witches, Bitches, It-Girls" sowie in Hannah Lühmanns Roman "Heimat". Sophie Passmann bewirbt in "Der Sophie-Passmann-Podcast" in ihrer Folge vom 16. Januar 2026 ihr kommendes Buch "Wie kann sie nur?" damit, dass es auch ein ausführliches Kapitel über Tradwives und die Tatsache gebe, dass "wir nur junge hotte Tradwives unter 35 sehen." Eine separate Folge zum Thema soll folgen.

Jetzt kommen natürlich auch die Trad-Dads

Was folgt, ist keine Überraschung: Wo zunehmend Frauen einen Raum einnehmen, sind die eigentlich abwesenden Männer nicht weit weg. Der Begriff des Trad-Dads – also der Väter, die ihre klassische Rolle des Familienernährers hochhalten und dadurch ihren Tradwives ihr ach so schönes Leben erst möglich machen – sorgte in Deutschland erstmals im Dezember 2025 für Schlagzeilen.

Unter der Überschrift "Hier spricht der Trad-Dad: Alleinverdiener – und stolz darauf" veröffentlichte die "Zeit" Interviews mit drei um Verständnis buhlenden Vätern, die in Vollzeit einer Erwerbsarbeit nachgehen, während ihre Frauen sich um Haushalt und Kinder kümmern. Der Artikel und dessen Protagonisten ernteten viel Kritik, weil auch hier Lebensrealitäten ausgeblendet würden: Erstens hätten diese Väter als Väterberater selbst eine Agenda. Zweitens arbeiteten sie allesamt in Führungspositionen, verdienten also mehr Geld als der deutsche Durchschnitt. Drittens würde (und wurde) der Aspekt der finanziellen Abhängigkeit der Frau von ihrem Mann ausgeblendet.

Die Realität hinter dem mutmaßlichen Phänomen

Die durchschnittliche Wahrheit sieht anders aus. Mal abgesehen von der Zurschaustellung auf Social Media sind Tradwives und Trad-Dads leider nicht das Phänomen, als das sie oft beschrieben werden – sie sind die Regel, so die Statistik: 2024 brachte in Deutschland bei 56,6 Prozent der Paare der Mann das Haupteinkommen nach Hause, nur bei 10,3 Prozent tat dies die Frau. Männer arbeiteten zu 12 Prozent in Teilzeit, Frauen zu 49 Prozent. Bei Elternpaaren fungierte 2022 bei 27 Prozent der Mann als Alleinverdiener, die Frau nur bei 4 Prozent. Bei 61 Prozent der Paare mit Kindern gingen beide Elternteile einer Erwerbsarbeit nach – mit ungleicher Verteilung. Den Großteil der sogenannten Care-Arbeit übernehmen immer noch die Frauen.

Dass sich diese Zahlen zuletzt milde annäherten, dürfte weniger dem gesellschaftlichen und individuellen Wunsch nach mehr Gleichberechtigung und Feminismus geschuldet sein, sondern schlichtweg der Tatsache, dass wegen Inflation und nicht gleichermaßen steigender Reallöhne ein Einkommen für eine Familie mit Kindern oft nicht mehr zur Deckung der Lebenshaltungskosten reicht. Die Armutsgefährdungsquote steigt; die Armutsgrenze bei einem Paar mit zwei Kindern lag in Deutschland 2024 bei 2900 Euro netto pro Monat. Klar, über so ein Einkommen können Top-Manager nur lachen. Aber die waren immer schon Trad-Dads.

Podcast-Tipp: Der Autor dieses Artikels, der auch das Buch "Väter können das auch!" geschrieben hat, war auch schon mal zu Gast in unserem Podcast, hier geht's zum Gespräch:

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Trad-Dads als Gegenentwurf zu bedürfnisorientierter Erziehung?

Woher also stammt der neue Begriff der eigentlich altbekannten Trad-Dads? Der US-Komiker, Moderator und Trump-Gegner Bill Maher war es, der 2024 in seiner Show "Real Time With Bill Maher" eine Rückkehr der Trad-Dads forderte – und ihnen damit diesen Namen verpasste. Er meinte damit laut eigener Aussage "nicht die Väter aus den 50ern, die niemals 'Ich liebe Dich' sagen und ihr Kind mit einem Gürtel verprügeln". Sondern diejenigen, die ihren Kindern klare Grenzen setzen. Maher kritisiert explizit den Erziehungstrend des "Gentle Parenting", also die bedürfnisorientierte Erziehung, bei der "zu Terroristen verzogene" Kinder angeblich niemals ein "nein" zu hören kriegten.

Wegen der Vermischung von pornografischen Witzen und dem Thema Erziehung, zumal von einem Kinderlosen ("Ich habe auch noch nie jemandem einen Blowjob gegeben, weiß aber, wann jemand es gut macht und wann nicht"), hat sein Take ein ziemliches Geschmäckle. Auch Mahers Meinung, ein Vater habe lediglich den Job, seinem Kind beizubringen, als Erwachsener allein zu überleben, nicht aber sein Freund oder emotionaler Ansprechpartner zu sein, kommt steinzeitlich daher. Seine zwar nachvollziehbare Kernbotschaft lautet: "Wer seine Kinder und sich selbst ernst nimmt, setzt Grenzen und erzieht hin zu Selbständigkeit."

Leider aber konterkariert er sie mit pädagogischer Ahnungslosigkeit und einer jedes Belegs entbehrenden und gefährlichen These, die er ein Jahr später in seiner Sendung wiederholte: Wenn Jungs "über-liberal" erzogen würden und kein "männliches" Vorbild zuhause erlebten, glaubt Maher, gingen sie raus, suchten sich eines – und liefen so in die Arme von Manosphere-Influencer Andrew Tate. Ob der Moderator in seiner Logik diese Gefahr auch bei Söhnen von alleinerziehenden Müttern erkennt, sagt er nicht.

Kinder brauchen keine Trad-Dads, sondern Bindungspersonen

Auch Familiencoach Kiran Deuretzbacher hat sich Mahers Video angesehen. Sie glaubt, dass er den von Jesper Juul geprägten Begriff der bedürfnisorientierten Erziehung mit Absicht missversteht. "In Wahrheit geht es bei dieser Erziehung um Gleichwürdigkeit. Grenzen, Orientierung und Führung sind ein Teil davon. Machtmissbrauch nicht. Die Bedürfnisse aller Familienmitglieder sind wichtig, nicht nur die der Kinder sollen gesehen werden. Aber die Eltern übernehmen die Verantwortung für die Beziehungsqualität", sagt die Autorin des Buches "Starke Gefühle, starker Halt" und ergänzt: Wünsche seien mit Bedürfnissen nicht gemeint.

Um eine gesunde, stärkende Beziehung zu Kindern aufbauen zu können, so Deuretzbacher, müssen Väter emotional ansprechbar sein. Sind sie es nicht, würden Beziehungen oft von emotionaler Gewalt geprägt. Dass diese für die psychische Gesundheit so wichtige emotionale Begleitung Müttersache sei, sei ein aus unserer Sozialisation heraus entstandener Mythos. Beide Elternteile hätten biologisch dafür die gleichen Kompetenzen.

Warum bindungswillige Väter wichtiger sind als Trad-Dads

In der Wissenschaft herrscht laut der Expertin Konsens darüber, wie wichtig es ist, dass auch Väter emotionalen Halt geben und Worte für Gefühle finden. Trad-Dads, wie Maher sie definiert, oder die nur an Wochenenden da seien, seien das Gegenteil: "Kinder brauchen Bindungspersonen und deshalb auch Väter, die da sind. Die Fehler machen, aufstehen, ihren Weg gehen, Beziehungen führen. Die Verantwortung übernehmen, wenn sie Fehler gemacht haben. Die einen Umgang mit ihren eigenen Gefühlen lernen, um ihre eigenen schlechten Erfahrungen, nicht ungefiltert an ihre Kinder weiterzugeben. Präsente Väter stärken Jungs wie Mädchen". Sie empfiehlt zur weiteren Lektüre Anne Dittmanns Buch "Jungs von heute, Männer von morgen". Eigentlich, so sagt sie, brauche es Menschlichkeit, nicht Männlichkeit.

Vor Mahers Vorbilder-These warnt die Mutter zweier Teenager aber aus einem anderen Grund: Je mehr Gewalt, Unterdrückung und Dominanz Kinder erlebten, desto wahrscheinlich schlügen sie selbst eine autoritäre Richtung ein. Auch Kinderarzt und Erziehungswissenschaftler Herbert Renz-Polster zeige in seinem Buch "Erziehung prägt Gesinnung": Umso härter Kinder erzogen würden, desto demokratiefeindlicher würden sie – und desto anfälliger seien sie dafür, unreflektiert falschen Idolen wie Tate, gerade auf Social Media, zu folgen. "Es ist gut belegt: Wer emotional intelligent und kompetent begleitet wird, fällt nicht auf so eine Mist herein", sagt sie. "Ein emotional starker Mensch hat es nicht nötig, andere Menschen kleinzumachen."

Fazit