Fehlgeburt: Wie werdende Väter diese Ausnahmesituation verkraften

Umgang mit Fehlgeburten
Wie werdende Väter eine Fehlgeburt verarbeiten

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ArtikeldatumVeröffentlicht am 07.05.2025
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Eine Frau liegt in einem Krankenhausbett, ein Mann sitzt gekrümmt davor und weint.
Foto: Shutterstock.com /Lightfield Studios

Fehlgeburten sind ein Thema, über das keiner gerne spricht. Dabei ist jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens davon betroffen. Aber wie erleben Väter die Fehlgeburt ihrer Partnerin?

Der Berliner Damijan Pezdicek erzählt im Interview mit Men's Health Dad, wie seine Frau ihr 16 Wochen altes Kind verloren hat. Und was ihm in der schweren Situation geholfen hat. Vier Jahre später erinnert er sich noch genau an die Nacht, in der es geschah.

Wann hatte deine Frau ihre Fehlgeburt und was genau ist passiert?

Das Ganze passierte an einem Wochenende. Wir waren abends noch bei Freunden zu Besuch. Die Schwangerschaft war bis dahin gut verlaufen, wir hatten auch schon vielen unserer Freunde und Bekannten davon erzählt, schließlich war meine Frau bereits im 4. Monat. In dieser Nacht weckte sie mich plötzlich. Sie hatte Blutungen. Sie ging dann auf die Toilette und rief von dort nach mir. Ich habe an die ganze Situation bis heute nur bruchstückhafte Erinnerungen. Es war ein Schock, mitten in der Nacht. Ich war gerade noch im Tiefschlaf gewesen, mir wurde schwindlig und übel.

Ich weiß noch, dass ich meiner Frau geholfen habe, unser Kind auf die Welt zu bringen. Ich habe es dann in ein Handtuch gewickelt und in die Badewanne gelegt, mich weinend daneben auf dem kalten Fliesenboden zusammengekrümmt. Schließlich kam der Notarzt und hat uns in die Klinik gebracht. Dort lief alles sehr steril ab. Die Ausschabung wurde vorgenommen. Es war für die anwesenden Ärztinnen und Ärzte offensichtlich nichts Besonderes. Sie waren professionell, aber ich hätte mir mehr Anteilnahme gewünscht. Schließlich hatten wir gerade unser Kind verloren.

Gab es etwas, was dir in dieser Situation geholfen hat?

Wirklich geholfen hat mir ein Gespräch mit dem Seelsorger, den uns die Klinik empfahl: Wir konnten ganz offen sprechen und er hat uns einfach zugehört. Wir hatten damals bereits eine dreijährige Tochter, die sich auf ihr Geschwisterchen gefreut hatte. Wie sollten wir es ihr sagen? Und wie sollten wir selbst als Eltern und als Paar mit dem Verlust umgehen? Mir hat es sehr geholfen, mit jemandem zu sprechen, der für unseren Schmerz und unsere Trauer Verständnis hatte.

Einige Monate später konnten wir auch an einer Beerdigung für Sternenkinder teilnehmen. Auf den Sarg haben wir Bilder gemalt für unser Kind. Außerdem waren dort noch andere Eltern, die ihr Kind verloren hatten. Ich habe gemeinsam mit drei anderen Vätern den Sarg getragen. Wir haben alle geweint. In meinem Schmerz nicht allein zu sein, hat mir sehr geholfen.

Wie seid ihr als Paar mit der Situation umgegangen?

Direkt nach der Fehlgeburt haben wir, während unsere Tochter im Kindergarten war, lange Spaziergänge gemacht, viel miteinander geredet, auch geweint. Ich denke bis heute, dass die Zeit, die wir damals füreinander hatten, für unsere Beziehung sehr wichtig war. Zwei Wochen lang hatten wir den Raum, uns gemeinsam unserem Schmerz zu widmen, wirklich füreinander da zu sein. Hätte ich sofort wieder arbeiten müssen, wäre das in der Form nicht möglich gewesen.

Daher gilt mein Dank auch meinem damaligen Arbeitgeber. In diesem Unternehmen sind ganz regulär zehn Tage Freistellung eingeplant für familiäre Krisen wie diese. Bis heute denke ich, es war sehr wichtig, dass ich mich damals mir selbst und meiner Familie widmen konnte. Und letztlich war es auch im Sinn meines Arbeitgebers, sonst hätte ich die Trauer und den Schmerz bloß verschleppt und wäre später vielleicht komplett ausgefallen.

Podcast-Tipp: Das Thema Fehlgeburten haben wir auch schon mal in unserem Podcast besprochen - hier geht's zum Gespräch.

Wie war es für dich, mit so starken Gefühlen konfrontiert zu sein?

Die Fehlgeburt ist bis heute die schmerzlichste Erfahrung meines Lebens. Der Schmerz war so groß, dass ich ihn einfach nicht schlucken konnte. Bis dahin war ich eher der Typ "Reiß dich zusammen!". Aber das ging jetzt einfach nicht mehr. Ich bin dann proaktiv auf meine Freunde und auch Arbeitskolleginnen und -kollegen zugegangen und habe von der Fehlgeburt meiner Frau berichtet.

Es hat mir sehr geholfen, mich in dem Moment mit meinen Gefühlen zu zeigen und ihr Verständnis und Mitgefühl zu erleben. Manche waren auch überrascht, dass ich so offen über das Erlebte sprach. Aber dann haben sie sich selbst geöffnet. Eine Kollegin hat zum Beispiel von ihren eigenen sechs Fehlgeburten berichtet. Und auch die Frau meines damaligen Chefs hatte schon eine Fehlgeburt erlebt. Daher zeigte er mir gegenüber viel Verständnis. Mir bedeutet das bis heute viel.

Was wünschst du dir für Väter, die in einer ähnlichen Situation sind?

Ich wünsche mir, dass Väter die Möglichkeit bekommen, über ihren Schmerz zu sprechen und sich nach einer solchen Erfahrung Zeit für sich zu nehmen. Im Krankenhaus hat sich zum Beispiel niemand wirklich um mich gekümmert. Ich stand einfach daneben. Natürlich stand meine Frau zurecht im Mittelpunkt in Bezug auf die medizinische Versorgung. Aber ich hätte mir doch gewünscht, dass mich jemand gefragt hätte, wie es mir bei dem Ganzen ging. Das ist erst später passiert.

Über meinen Arbeitgeber gab es zum Beispiel nicht nur das Angebot, einige Tage komplett freizunehmen, sondern auch die Möglichkeit, eine telefonische Seelsorge zu nutzen. Das war sehr hilfreich. Dort konnte ich auch darüber sprechen, dass meine Frau und ich ganz unterschiedlich trauerten. Und ich konnte alle meine Fragen stellen. Es war einfach jemand da, der meiner Frau und mir zugehört hat. Aussagen wie: "Beim nächsten Mal klappt's!" oder "Es hatte wohl seine Gründe!" finde ich in einer solchen Situation übrigens überhaupt nicht hilfreich. Was mir dagegen geholfen hat, war, mit unserer Erfahrung offen umzugehen. So sind wir letztlich aus der traurigen Situation als Paar und Familie gestärkt hervorgegangen.

Vor kurzem wurde das Gesetz zum gestaffelten Mutterschutz bei Fehlgeburten verabschiedet. Wie stehst du dazu?

Ich finde es richtig und wichtig, dass Mütter dadurch nach einer Fehlgeburt die Möglichkeit haben, sich körperlich und seelisch zu erholen. Der gestaffelte Mutterschutz wird sicher vielen Frauen helfen, das Erlebte zu verarbeiten und mit neuer Kraft aus dieser schlimmen Situation hervorzugehen.

Dennoch bleibt es eine Tatsache, dass Väter bei diesem Gesetz nicht berücksichtigt werden. Mit Blick darauf, wie wichtig es für mich als Mann war, in dieser Situation Raum für mich und meine Familie zu haben, sage ich: Eine Auszeit auch für betroffene Väter nach Fehlgeburten wäre ein wichtiges Signal. Im Sinne von: "Wir sehen dich als Vater und geben dir den Raum, mit deiner Trauer und deinem Schmerz umzugehen."

Was würdest du einem Vater raten, der Ähnliches wie du erleben muss?

Ich würde ihm sagen: Lasse deine Trauer zu, schenke deinen Gefühlen Aufmerksamkeit, gehe in die Natur. Unterhalte dich offen mit deiner Partnerin, sprich über deine Gefühle und höre zu, was sie zu sagen hat. Suche dir außerdem Hilfe. Du musst diesen Weg nicht allein gehen. Und gib die Hoffnung nicht auf – auch nicht auf ein eigenes (weiteres) Kind. Wir selbst haben tatsächlich wenig später noch ein Kind bekommen. Unsere jüngere Tochter ist jetzt 2 ½ Jahre alt.

Vor allem aber würde ich Leuten, die sagen, es ist doch alles nicht so schlimm, den Stinkefinger zeigen. Die Erfahrung war ein echter Wendepunkt in meinem Leben. Dass ich gestärkt daraus hervorgegangen bin, liegt auch daran, dass ich bis heute offen darüber spreche. Natürlich hätte ich auf diese Erfahrung verzichten können. Aber letztlich hat sie uns als Paar und Familie einander nähergebracht. Auch die Zeit mit meinen Töchtern schätze ich dadurch umso mehr.

Fazit: Nach einer Fehlgeburt brauchst du Unterstützung – auch als Vater

Du hast eine ähnliche Erfahrung wie Damijan Pezdicek gemacht? Im Internet findest du viele Beratungs- und Selbsthilfeangebote bei Fehlgeburten, etwa www.sternenkindfamilie.de (mit einem Beratungsangeboten speziell für Väter), die Initiative Regenbogen und den Bundesverband "Das frühgeborene Kind". Auch zu empfehlen ist dieses Buch: "Wenn ein Kind gestorben ist oder Die Farben der Trauer: Trauerbewältigung für Familien". Ihr schafft das! Gemeinsam!