Baby-Blues: Väter im Wochenbett

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Väter im Wochenbett Wie man eine Wochenbett-Depressionen erkennt – bei der Mutter und beim Vater

Unter einer postpartalen Depressionen können nicht nur Mütter leiden. Auch Väter kann diese Art der psychischen Störung treffen. Auf welche Warnsignale du achten musst

Eigentlich müsste nach der Geburt des lang erwarteten Wunschkindes der Himmel voller Geigen hängen, aber einer im Orchester spielt gehörig falsch: schlechte Stimmung im Wochenbett. Das Kind hat auch einen Namen: Baby-Blues oder postpartale Depression. Bisher wurde immer angenommen, dass nur Mütter darunter leiden, inzwischen hat die Wissenschaft aber herausgefunden, dass auch Männer nach der Geburt ihres Kindes eine Depression bekommen können. Das bestätigt auch Bestsellerautorin Nicola Schmidt vom "artgerecht-projekt", die gerade mit Väter-Coach Klaus Althoff einen Geburtsvorbereitungskurs für Väter geschrieben hat: "Vater werden – dein Weg zum Kind". Im Interview erklären die beiden die Zusammenhänge zwischen Wochenbett, Baby-Blues und postpartaler Depression bei Müttern – und Vätern.

Was versteht man eigentlich genau unter dem Begriff "Wochenbett"?

Nicola Schmidt: Wochenbett nennen wir die Zeit nach der Geburt, in der sich Mutter und Kind erholen und einander kennenlernen. Beiden hilft Zeit und Ruhe, damit sich die Abläufe einspielen können und beispielsweise das Stillen klappt. Kuscheln und sich ineinander verlieben stehen ganz oben auf der Tagesordnung.

Klaus Althoff: Keinesfalls sollte die Mutter jetzt arbeiten, den Haushalt und Geschwisterkinder versorgen oder ständig stressigen Besuch empfangen. Und was viele nicht wissen: Das Wochenbett dauert mindestens sechs bis acht Wochen.

Nicola Schmidt: Eine alte Regel besagt: Zwei Wochen im Bett, zwei Wochen ums Bett und zwei Wochen ums Haus.

Wie kann der Mann seine Frau in dieser Zeit unterstützen?

Klaus Althoff: Es ist sein Job dafür sorgen, dass die Mutter im Bett bleiben kann und die Familie gut versorgt ist. Leckeres, gesundes Essen ist jetzt für alle wichtig – jeden Tag schnell den Döner von der Ecke oder Spaghetti mit Fertigsauce werden nicht reichen. Jemand muss sich um den Haushalt kümmern, die junge Mutter mit dem Baby unterstützen und sich liebevoll um die älteren Geschwisterkinder kümmern. Und schließlich braucht auch der Vater Zeit, um sich durch viel Kuscheln, einfach da sein und Tragen mit dem Baby zu verbinden. Daher ist es gut, wenn er nicht von morgens bis abends rödelt.

Nicola Schmidt: Holen wir uns also frühzeitig Hilfe: Freunde, die Essen mitbringen, Großeltern, die den Geschwisterkindern etwas vorlesen oder Besuch, der auch mal schnell durchwischt.

Wie erkennt man eine postpartale Depression bei seiner Partnerin?

Nicola Schmidt: Was oft verwechselt wird, sind Stimmungstiefs nach der Geburt – auch bekannt als Baby-Blues – und postpartale Depressionen. Der Baby-Blues erwischt 50 bis 80 Prozent aller Mütter meist wenige Tage nach der Geburt. Durch die Hormonumstellung sind viele Frauen jetzt besonders empfindsam. Wenn dann Schlafmangel und Herausforderungen mit der neuen Rolle dazu kommen, zeigen sich manche Frauen ängstlich, erschöpft oder ungeduldig. Manchmal wissen sie gar nicht, ob ihnen nach Weinen, Lachen oder beidem gleichzeitig zumute ist. Der Baby-Blues vergeht meist innerhalb weniger Tage von selbst. Hält das Stimmungstief länger an und geht tiefer, kann es sich um eine postpartale Depression handeln. Typische Symptome sind andauernde Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit, Erschöpfungszustände, Schlaf- und Konzentrationsstörungen bis hin zu Fantasien, das Kind wegzugeben oder zu verlassen.

Wie wird eine Wochenbettdepression bei einer Frau behandelt und wie kann der Partner helfen?

Klaus Althoff: In jedem Fall – auch beim Baby-Blues – ist es wichtig, dass wir die Mutter nicht mit ihren Gefühlen allein lassen – und sie auch nicht mit einem 'Das wird schon wieder' vertrösten. Mein Tipp: Nimm deine Frau in den Arm. Hör ihr zu. Signalisiere ihr, dass all ihre Gefühle, die freudigen und die ängstlichen, die lachenden und die weinenden, da sein dürfen, dass du das aushalten und bei ihr bleiben kannst. Die postpartale Depression, die sich übrigens auch später im Jahr nach der Geburt zeigen kann, erfordert zusätzlich eine Behandlung durch Profis. Die Hebamme und das gynäkologische Fachpersonal sind da die ersten Ansprechpartner.

Kann auch ein Vater den Baby-Blues bekommen?

Klaus Althoff: Nein, denn der Baby-Blues ist hormonell bedingt, da sehen Fachleute einen klaren Unterschied. Aber schon in den ersten Wochen nach der Geburt kann der Vater ebenso wie die Mutter Symptome einer postpartalen Depression zeigen, zum Beispiel nach als traumatisch erlebten Geburten. Dass es auch die Männer treffen kann, haben die Forschenden erst seit kurzem auf dem Radar und es ist in der Geburtsbegleitung noch fast gar nicht angekommen.

Nicola Schmidt: Die Zahlen sind noch sehr unklar, man schätzt, dass es 5 bis 15 von 100 Vätern trifft. Eine kanadische Studie spricht von 4 bis 25 Fällen auf Hundert. Die ungenauen Zahlen liegen wahrscheinlich daran, dass das Geburtspersonal Depressionen bei frisch gebackenen Vätern nicht systematisch erfasst und daher nicht erkennt. In Australien zum Beispiel bekommt jede frisch entbundene Frau in den ersten Wochen einen entsprechenden Fragebogen in die Hand gedrückt – die Väter aber nicht. Außerdem schieben viele Betroffenen ihre Symptome beiseite oder denken, das wird schon wieder.

Und was sind bei Männern die Symptome einer postpartalen Depression?

Klaus Althoff: Viele depressive Väter reißen sich erst noch zusammen und funktionieren weiter, aber irgendwann geht es nicht mehr. Oft tigern sie dann antriebslos durch die Wohnung, ihre Stimmung schwankt, tagsüber sind sie reizbar und nachts kommen sie nicht zur Ruhe.

Nicola Schmidt: Die Mütter berichten oft, ihr Mann sei nicht mehr erreichbar, hätte sich zurückgezogen. Sie hoffen oft, dass er sich an die neue Situation gewöhnt und es dann vorbei geht.

Klaus Althoff: Mancher Vater hat auch das Gefühl, er hätte bei der Geburt seine Frau nicht ausreichend geschützt und versagt oder könnte gar kein richtiger Vater sein. Die Väter empfinden weder Lust auf Sex noch die große Liebe für Mutter und Kind. All diese Symptome gelten oft als normale Anpassungsschwierigkeiten, aber wenn es so stark wird, dass es den Alltag oder die Beziehung belastet, sind sie möglicherweise Zeichen für eine postpartale Depression.

Was tun, wenn man unter einer postpartalen Depression leidet?

Klaus Althoff: Die gute Nachricht ist: Eine postpartale Depression heilt in der Regel zu 100 Prozent aus, wenn sie gut behandelt wird. Deshalb ist es wichtig, dass ein Mann sagt, wie es ihm geht oder ehrlich antwortet, wenn er zum Beispiel auf seine Reizbarkeit angesprochen wird. Nur so bekommt er die Hilfe, die er braucht und die übrigens auch das Baby braucht. Ansprechpartner sind auch hier wieder die Hebamme oder der Hausarzt.

Nicola Schmidt: Wenn einem depressiven Vater niemand hilft, ist das für alle eine Belastung – auch für die Kinder. Wenn ein Vater in eine postnatale Krise kommt, steigt deren Risiko für spätere Verhaltensprobleme erheblich. Die Kinder leiden schon als Babys massiv unter ihren abwesenden, depressiven Vätern.

Warum bekommen Väter nach der Geburt eine Depression?

Nicola Schmidt: Wir wissen es nicht genau. Als Risikofaktoren gelten unter anderem eine als traumatisch erlebte Geburt, frühere depressive Erkrankungen, finanzielle Sorgen, Probleme in der Partnerschaft oder besonders hohe Erwartungen an die Vaterrolle. Erschöpfung und Schlafmangel machen dann sichtbar, was wir sonst vielleicht noch hätten wegdrücken können.

Klaus Althoff: Der größte Risikofaktor scheint jedoch eine postpartale Depression der Partnerin zu sein. Ein Grund mehr, sehr genau hinzuschauen, wenn einer in der Familie den Baby-Blues schiebt.

Kann man einer Wochenbettdepression auch vorbeugen?

Klaus Althoff: Väter müssen Verantwortung für ihre Gefühle und für ihr Gehirn übernehmen, müssen lernen, Stress zu bewältigen und auch kleine Auszeiten – mehr gibt es mit Baby nicht – zu nutzen, statt am Rechner zu versacken. Dazu gehört auch Bewegung an der frischen Luft, gerne mit Baby vor dem Bauch und auch für den Vater gesundes Essen – aber das brauchen in dieser Phase ja alle. Genauso wichtig ist es, dass wir auch als Männer auf unsere Gefühle achten und über sie sprechen – mit unserer Partnerin oder anderen Vertrauten.

Nicola Schmidt: Denn auch hier gilt: Was wir aussprechen, kann unser Gehirn besser verarbeiten. Mit einem offenen Gespräch beginnt oft die Heilung. Und es hilft uns, rechtzeitig Hilfe zu holen.

Schlechte Stimmung, gute Aussichten: "Wenn eine postpartale Depression behandelt wird, ist sie zu 100 Prozent heilbar“, sagt Bestsellerautorin Nicola Schmidt ("artgerecht – Das andere Baby-Buch"). Je früher man sich hier Unterstützung holt, desto besser. Schmidt: "Jeder Tag, an dem das Baby einen depressiven Vater hat, ist einer zu viel."

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