Knapp 3 Millionen Alleinerziehende gibt es laut Statistik in Deutschland. Davon sind etwa 2,3 Millionen Mütter und rund 500.000 Väter - Tendenz steigend. Einer von ihnen ist Eduard Bergmann aus Detmold, Vater von 3 Kindern. Im Interview mit Men's Health Dad erzählt er, vor welchen Herausforderungen Männer wie er stehen und wie er den Alltag mit seinen Kids bewältigt.
Seit wann bist du alleinerziehend?
Ich bin seit Sommer 2021 alleinerziehend. Nachdem meine Ex-Frau und ich uns getrennt haben, bin ich mit den Kids aus der gemeinsamen Wohnung in unser Haus eingezogen. Wir haben somit unseren Lebensmittelpunkt an unserem bisherigen Wohnort erhalten. Das war mir in der Situation als Stabilität für unsere Kinder auch super wichtig. Meine Ex-Frau wohnt seither rund 80 Kilometer von uns entfernt und die Kids fahren in der Regel alle 14 Tage für ein Wochenende zu ihr. Das Sorgerecht teilen wir uns. Die Hauptverantwortung trage aber ich, da die Kids eben 90 Prozent des Jahres bei mir leben.
Wie sieht ein typischer Alltag bei dir aus – und welche Aufgaben fordern dich besonders heraus?
Ich habe 3 Kinder im Alter von 7, 10 und 13 Jahren. Die Kleinste geht noch in die Grundschule, die beiden Älteren auf die weiterführende Schule. So einen ganz typischen Alltagstag gibt’s bei uns deshalb auch gar nicht, einfach, weil bei 3 Kids jeder Tag etwas anders ist. Was aber grundsätzlich gilt: Der Tag beginnt früh und endet spät. Die Brotdosen bereiten wir schon am Vortag zu, morgens machen sich die Kids dann fertig, es gibt was zum Frühstück und die Kleine bringe ich zur Schule. Die beiden Großen fahren inzwischen selbst mit dem Bus. Mittags muss immer irgendwas Essbares da sein – da muss ich entweder vorkochen, schnell was zaubern oder pragmatisch sein, wenn die Zeit knapp wird. Ich arbeite im Büro oder Homeoffice und fülle die Stunden zwischen Schule, Fußballtraining und Terminen flexibel auf. Das bedeutet aber auch, dass ich abends mal länger am Rechner sitze, wenn ich tagsüber mehr mit den Kids beschäftigt war. Sie zum Beispiel zu Freunden oder zum Fußballtraining gefahren habe. Die größte Herausforderung sind ganz klar die Termine. Drei Kinder bedeuten drei Stundenpläne, Elternabende, Klassenfahrten, Geburtstage, Sportevents. Ich schaffe es nicht immer überall hin und habe oft das Gefühl, nicht jedem gerecht zu werden. Zumal sich so Termine auch irgendwie immer bündeln. Letztens waren an einem Abend Elternabende bei allen 3 Kindern angesetzt. Ich kann mich nicht zerteilen und deshalb ist dieses Jonglieren für mich echt das Härteste.
Wo bekommst du Unterstützung – und wo fehlt es deiner Meinung nach an Hilfen?
Also eine riesige Unterstützung ist sicherlich mein Arbeitgeber. Meine Chefs lassen mir frei, wann und wie ich arbeite. Ich muss mich nicht rechtfertigen, wenn ich mal aus einem Meeting raus muss oder wenn ich mich ausstempele, um die Kids früher irgendwo abzuholen und dann zu betreuen. Ich werde auch vom Team nicht misstrauisch beäugt, wenn ich mal kurz weg muss, sondern, im Gegenteil, immer unterstützt. Ohne dieses Vertrauen wäre mein Alltag überhaupt nicht machbar. Dazu kommen Freunde, die je einmal pro Woche die Kids von der Schule abholen, den Tag mit ihnen verbringen und sie dann abends nach Hause bringen. Wir helfen uns da gegenseitig. Was fehlt? Eine bessere finanzielle Entlastung für Alleinerziehende. Betreuungskosten richten sich zum Beispiel nur nach dem Brutto – egal, ob da eine zweite Person verdient oder nicht. Zeit und Geld sind definitiv die zwei Dinge, die immer am knappsten sind.

Alleinerziehender Vater: Eduard Bergmann hat drei Kinder
Was waren für dich die größten Veränderungen, als du zum alleinerziehenden Vater wurden?
Eigentlich etwas völlig Banales: der Haushalt. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich vorher nicht gesehen – und auch nicht unbedingt wertgeschätzt – habe, wie viel Care-Arbeit im Hintergrund eigentlich läuft. Auf einmal hing dann alles an mir: Wäsche, Einkäufe, Schulmaterialien besorgen, Arzttermine, Kochen. Und das zusätzlich zum 40-Stunden-Job. Diese Alltagsdinge wirken klein, aber wenn man sie allein wuppt, merkt man erst, wie viel und wie herausfordernd das wirklich ist.
Welche gesellschaftlichen Erwartungen oder Vorurteile begegnen dir im Alltag?
Ich habe nicht das Gefühl, dass irgendwelche speziellen Erwartungen an mich gestellt werden. Auch Vorurteile begegnen mir eher selten. Wenn, dann gehen sie meist in die Richtung, dass ich das als Mann doch sicher nicht alles allein schaffen würde. Oder aber, dass Kinder ohne ihre Mutter nicht richtig aufwachsen könnten. Was ich eher merke: Das soziale Umfeld verändert sich. Viele Freundschaften hängen an Paar-Dynamiken, und da passt man als Alleinerziehender irgendwann nicht mehr so gut rein. Das fühlt sich für mich manchmal komisch an – ist aber eher mein Thema als ein gesellschaftliches Urteil.
Gibt es Momente, in denen du dich als Vater bewusst anders wahrgenommen fühlst als eine alleinerziehende Mutter?
Was ich oft erlebe, ist Erstaunen. Viele rechnen einfach nicht damit, dass der Vater die Kinder hat. Ich höre also tatsächlich öfter Sätze wie "Krass, damit hätte ich nicht gerechnet". Aber Bevorzugung oder Applaus gibt’s deshalb nicht. Am Ende habe ich dieselben Erwartungen zu erfüllen wie jede alleinerziehende Mutter auch: Termine, Schule, Betreuung, ein offenes Ohr.
Wie organisierst du die Balance zwischen Beruf, Haushalt und Zeit mit den Kindern?
Es ist weniger eine Balance als vielmehr ein ständiges Abwägen von Wichtigkeiten. Was gerade brennt, mache ich zuerst. Schule und Arbeit haben für mich die höchste Priorität. Bei den Kids ist es mir wichtig, dass sie lernen, dass es läuft, dass sie da nicht abdriften in irgendeinem Fach. Da muss ich eben auch unterstützen – und das ist bei 3 Kids halt echt fordernd. Zeitgleich muss aber auch meine Arbeit laufen. Mir ist es wichtig, dass ich da abliefere, dass ich meine Leistung bringe und meine Chefs mit mir zufrieden sind. Danach kommt dann alles andere. Vieles, gerade im Haushalt, bleibt auch einfach mal liegen, weil es nicht anders geht. Gleichzeitig versuche ich bewusst Zeitinseln mit jedem Kind zu schaffen: Vater-Tochter-Tage, gemeinsame Nachmittage, kleine Auszeiten. Wichtig ist, dass meine Kinder merken, dass ich immer für sie da bin. Egal, wo der Schuh gerade drückt.
Wie erlebst du die institutionelle Unterstützung – etwa durch Kita, Schule, Arbeitgeber oder Behörden?
Wie schon erzählt, kommt meine persönlich größte Entlastung und Unterstützung sicherlich durch meinen Arbeitgeber. Ich kann hier wirklich flexibel arbeiten, weil mir enormes Vertrauen entgegengebracht wird und ich mich nicht rechtfertigen muss, wenn ich keine 8 Stunden komplett am Stück arbeiten kann. Behördenkontakt habe ich quasi keinen und bin ehrlich gesagt froh drum. Kitas und Schulen funktionieren grundsätzlich, aber echte Entlastung sieht halt anders aus. Oft genug musste ich zum Beispiel die Kids früher aus der Kita abholen, weil dort nur noch eine Notbetreuung gegeben war. Das crasht dann halt alle Pläne, die du so hast. Und man muss eben auch ehrlich sagen: Alles, was wirklich spürbar hilft – wie Betreuungsangebote oder Mittagessen in der Schule, kostet halt Geld. Es ist kein System, das einem etwas abnimmt. Wenn man kann, kauft man sich die Entlastung.
Was wünschst du dir von Politik und Gesellschaft, um den Alltag alleinerziehender Väter zu erleichtern?
Für den Alltag aller alleinerziehenden Eltern wünsche ich mir vor allem finanzielle Entlastungen. Viele Alleinerziehende rutschen in Armut, weil die Kosten hoch und die Spielräume gering sind. Niedrigere Betreuungskosten, Steuererleichterungen oder Zuschüsse würden da sicherlich enorm helfen. Ein riesiges Plus wären aus meiner Sicht auch mehr oder bessere Unterstützungsmöglichkeiten, die Zeit schaffen, zum Beispiel Haushaltshilfen, mehr und leicht zugängliche Betreuungsangebote, flexible Babysitter-Modelle. Zeit ist einfach das wertvollste Gut für Alleinerziehende.
Was würdest du anderen Vätern raten, die gerade erst in die Rolle des Alleinerziehenden kommen?
Das ist eine gute Frage. Das Ding ist halt, dass man sich auf diese Situation nicht vorbereiten kann. Am Anfang funktioniert man einfach nur und vergisst sich selbst schnell dabei. Mein Rat: Arrangiere dich mit der Situation und mach dir keinen Stress, dass vom ersten Moment an alles funktionieren muss. Und dann hol dir auf jeden Fall Unterstützung, schotte dich nicht ab und bleib auf jeden Fall im Austausch mit Freunden!





