"Das hat dir damals auch nicht geschadet!" Ein einziger Satz am Kaffeetisch von Oma oder Opa – und schon kippt die Stimmung. Kristina Weber und Johannes Molz kennen das nur zu gut. In ihrem Buch "Endgegner Großeltern?" nimmt das Autoren-Duo auseinander, warum es zwischen den Generationen so oft knirscht.
Im Interview mit Men's Health Dad erklären sie, warum es dabei weniger um "die Alten gegen die Jungen" geht – und mehr um Rollen, Erwartungen und Prägungen.
Euer Buchtitel "Endgegner Großeltern?" klingt nach Bossfight: Sind Großeltern heute wirklich Gegner?
Kristina: Das Fragezeichen ist hier essenziell. Es ist keine Anleitung, wie man gegen Oma und Opa gewinnt. Der Endgegner ist eher die eigene Prägung – also das, was in einem hochkommt, wenn die eigenen Eltern plötzlich wieder so nah dran sind. Da merkst du: Abgrenzen im Job kann ich, bei Erziehung habe ich meinen Stil – aber bei meinen Eltern rolle ich innerlich wieder mit den Augen.
Johannes: Genau. Die Beziehung zu den eigenen Eltern ist oft die prägendste überhaupt. Und wenn wir es schaffen, darüber wirklich zu kommunizieren, ist das eher ein Level-up als ein Kampf.
Woher kommt denn dieser Konfliktstoff – ist das ein Generationending?
Johannes: Teilweise wirkt es wie "Boomer gegen Millennials", aber strukturell ist das viel älter. Wo Nähe ist, reibt es sich – das war wahrscheinlich schon Steinzeit-Realität. Der Konflikt entsteht, weil wir ausziehen, erwachsen werden und dann mit eigenen Kindern wieder vor der Tür stehen: "So, jetzt betreut ihr mal." Dazwischen fehlt aber oft ein Schritt: Rollen neu sortieren.
Kristina: Und ja, es verändert sich auch viel: Wir haben heute Zugriff auf Forschung, Ratgeber, bindungsorientierte Ansätze. Viele Dinge standen unseren Eltern so nicht zur Verfügung – und das sieht man dann in den Diskussionen.

Ihr sprecht von einer Rollenneuordnung. Was heißt das?
Johannes: Da müssen alle ein Stühlchen weiterrutschen. Großeltern raus aus der Elternrolle – rein in eine Beziehung auf Augenhöhe mit uns Erwachsenen. Und wir Eltern müssen raus aus der Kinderrolle. Dieses "Mama, Mama, mach mal!" sitzt tief – aber wenn man das als Erwachsene noch erwartet, knallt es.
Kristina: Und es ist unfair, dass oft wir die sind, die das moderieren sollen: sich selbst regulieren, die Kinder – und dann auch noch die eigenen Eltern. Wir haben häufig durch Beruf und moderne Kommunikation einen Vorsprung. Die Generation unserer Eltern hat Feedbackkultur oder gewaltfreie Kommunikation oft nie gelernt.
Warum wird das Thema gerade jetzt so brisant?
Kristina: Weil Großeltern heute oft noch voll im Leben stehen. Im Schnitt wird man in Deutschland als Frau mit 53 und als Mann mit 56 Großeltern. Viele sind noch im Job, haben Hobbys, Ehrenamt, eigene Pläne. Und dann kommt diese riesige Rollenveränderung – ohne dass sie gefragt werden. Wir reden über Matreszenz bei Müttern, aber eigentlich bräuchte es auch eine Art Übergangsphase für das Großelternwerden.
Johannes: Eltern erwarten manchmal, dass die Großeltern Gewehr bei Fuß stehen. Und dann sind beide Seiten enttäuscht: die einen, weil Hilfe fehlt – die anderen, weil sie überrollt werden.
Was sind denn typische Zündpunkte zwischen den beiden Generationen?
Kristina: Alles, wo Eltern selbst noch unsicher sind: Schlafen, Essen, Stillen, Regeln, Grenzen. Wie konsequent muss ich sein? Wie viel darf das Kind entscheiden? Wenn dann jemand kommentiert, trifft es, weil das Urteil der eigenen Eltern emotional Gewicht hat.
Johannes: Und oft geht es gar nicht ums Kind, sondern um den Satz von früher. Wenn Opa heute etwas sagt, hörst du gleichzeitig den Schmerz von damals: Das hat mich geprägt und jetzt sagst du das zu meinem Kind? Da helfen Größenordnungen: Großeltern erziehen nicht unsere Kinder. Wir tun das.
Wie viele Unterschiede verträgt Familie, ohne dass Kinder Schaden nehmen?
Kristina: Mehr, als wir denken. Kinder können unterschiedliche Stile gut navigieren. "Good-enough parenting" reicht – du musst nicht in 100 Prozent der Fälle perfekt reagieren. 75 bis 80 Prozent reichen, damit Kinder sich sicher entwickeln. Großeltern dürfen anders sein: verwöhnen, mal einen blöden Spruch bringen – solange Eltern als sicherer Hafen da sind. Wir nennen das im Buch den "Daunenmantel": Viel prallt an uns Eltern ab, bevor es beim Kind landet.
Johannes: Unterhalb von echter Gefährdung: erst mal chillen. Ein Eis mehr, eine Stunde später ins Bett – das macht bei gelegentlichen Besuchen meistens gar nichts.
Podcast-Tipp: Unsere beiden Gesprächspartner:innen waren auch schon mal zu Gast in unserem Papa-Podcast, hier geht's zum Gespräch:
Opas sagen Sätze wie: Das hat uns auch nicht geschadet. Was antwortet man darauf?
Johannes: Innerlich geht bei mir mindestens eine Augenbraue hoch. Denn: Ob es geschadet hat, weiß man oft erst später – und manchmal hat es eben doch Spuren hinterlassen. Man kann das liebevoll spiegeln oder nachfragen: "Bist du dir da sicher?"
Kristina: Gleichzeitig kann es auch ein verstecktes Lob sein: "Ihr seid gut geworden – also haben wir was richtig gemacht." Das hilft, den Ton weicher zu machen, ohne das Thema wegzuwischen.
Ein anderer Klassiker ist: Ihr lasst zu viel durchgehen. Wie bleibt man locker ?
Kristina: Ich würde mit Gegenfragen arbeiten: "Was führt dich zu dem Eindruck? Welche konkrete Situation meinst du?" Sobald es konkret wird, merkt man oft, dass es gar nicht so eindeutig ist. Und dann kann man auch fragen: "Wie würdest du es in genau dieser Situation lösen?"
Johannes: Genau. Kritik ist leicht, Lösung schwer. Wer mehr Konsequenz fordert, soll mal sagen, was das praktisch heißt – ohne Drohung, ohne Gewalt, ohne Entwürdigung. Und oft ist die beste Antwort auch: "Darüber reden wir später – ich muss erst den Konflikt mit meinem Kind klären."
Wenn man wirklich Frieden will: Was ist euer bester Tipp gegen Generationenknoten?
Johannes: Nicht "Kind gegen Elternfront" am Esstisch, während hinten Kinder Chaos machen. Sondern: ein Spaziergang nur mit Oma. Ein Ausflug nur mit Opa. Und dann eine einfache Frage: "Wie bist du eigentlich groß geworden?" Da kommt oftmals unfassbar viel.
Kristina: Und manchmal kann man das sogar verschenken: einen Tag Erzählzeit statt Zeug unterm Weihnachtsbaum. Viele Konflikte werden weicher, wenn man versteht, welche Prägungen bei den Eltern "mit am Tisch sitzen" – oft sogar die Urgroßeltern. Empathie hilft, aber wichtig ist auch: Unsere Eltern sind erwachsen. Wir sind nicht für ihre Gefühle verantwortlich.





