Die folgende Geschichte ist nur eine von vielen, die sich täglich so oder so ähnlich im Internet abspielen. Sie alle eint der Eindruck: Verrückt, welche Positionen selbst heutzutage noch immer provozieren. Und sie alle beweisen, dass über Rollenverteilungen von Vätern und Müttern noch lange gesprochen werden wird – und dass es nicht immer einfache Antworten gibt.
Worum es vordergründig geht: Auf TikTok postete eine Erzieherin aus Berlin ein Video mit dem Titel "Feminismus in Kita. Kita-Leitung reagiert". In selbsterfüllender Prophezeiung von Gegenwind lautete der Untertitel: "Wir wissen alle, dass gleich ganz viele Männer ausrasten werden". Spoiler 1: Unter den Reaktionen waren tatsächlich einige Ausraster dabei. Die meisten kamen aber von Frauen.
Erst den Papa anrufen, dann die Mama
In dem kaum mehr als einminütigen Clip, der auch von der „Frankfurter Rundschau“ aufgegriffen wurde, erklärt Userin @lebenswach ihren 110.000 Follower:innen, dass sie unter anderem die folgenden "feministischen Dinge als Kita-Leitung" mache, für die sie "Hate auf TikTok" bekommen würde:
- Wenn ein Kind krank ist und beide Elternteile berufstätig sind, ruft sie zuerst den Vater an. Wer das Kind schlussendlich abhole, sei ihr egal. Aber um die Organisation solle er sich mal schön kümmern, nicht immer nur die Mutter.
- Wenn sie Tragehilfe braucht, fragt sie nicht nach starken Jungs, sondern nach starken Kindern.
- Wenn Spenden für ein Kita-Fest gebraucht werden, fragt sie zuerst die Väter, welchen Kuchen sie denn backen wollen.
Die Reaktionen auf den Post: Wut und Vorwürfe
In den Kommentarspalten versammelten sich sogleich aufgebrachte, nun ja, Mütter. Ihre mal mehr, mal weniger nachvollziehbaren Vorwürfe reichten von falsch verstandenem Feminismus bis hin zu gezielter Benachteiligung und Übergriffigkeit. Bottom Line: "Darf sie so?" Spoiler 2: Sie darf. Zuspruch erhielt Lena Marie Frielitz, wie die Kita-Leiterin laut Impressum heißt, ebenfalls. Müßig, auch nur ein weiteres Wort über die Details der Widerreden oder, bei allem Respekt, die Lebensumstände ihrer Absenderinnen zu verlieren, denn: Allein die Tatsache, dass sich irgendwer von solchen Aussagen ernsthaft provoziert fühlt und nicht die eigentliche Absicht dahinter versteht, spricht Bände. Er oder sie verrät mehr über sich als über die Erzieherin.
Worum es wirklich geht: Versuch einer Einordnung
Als in Berlin-Kreuzberg lebender Vater, der seine Kinder von kleinauf so regelmäßig wie selbstverständlich zur Kita brachte und abholte, weil ihm sein Job dies genau so gut oder schlecht erlaubte wie der ihrer Mutter, waren meine ersten Gedanken zu dem Video und der Debatte ganz andere:
- Eltern auf TikTok? Was zur Hölle machen die da? Ihren Teenagern folgen, kurz bevor die bald zu Snapchat zurückkehren, weil auf TikTok, so wie einst auf Instagram, zu viele Eltern abhängen?
- Zuerst den Vater anrufen, wenn beide berufstätig sind (davon, dass sie Notfallsanrufsreihenfolgen ignoriert, war nie die Rede)? Finde ich genauso super, wie ausschließlich das generische Femininum zu nutzen. Also zum Beispiel stets "Mitarbeiterinnen" statt "Mitarbeiter" zu sagen. Um Männern spürbar zu machen, wie Frauen sich fühlen oder fühlen könnten, wenn sie mal wieder zuerst alles organisieren müssen oder nur mitgemeint sind.
- Starke Kinder statt starke Jungs? Väter, die Kuchen backen? Beides richtig, um tradierte Rollenbilder zu hinterfragen und den Mental Load nicht nur den Frauen aufzubürden. Und, mit gesundem Menschenverstand, eigentlich selbstverständlich.
- Moment mal: Die Erzieherin arbeitet in einer Berliner Kita? Der Speckgürtel dieser Stadt hat mit meiner Bubble hier offenbar nicht viel gemein!
In der Kommentarspalte der "Frankfurter Rundschau" brüskierte sich eine Userin: "Völlig daneben die Frau. Die soll die Kinder betreuen und denen etwas beibringen." Achtung, Spoiler Nummer 3: Genau das tut sie dadurch.
Podcast-Tipp: Der Autor dieses Artikels, der auch das Buch "Väter können das auch!" geschrieben hat, war auch schon mal zu Gast in unserem Podcast, hier geht's zum Gespräch:
Was Kinder lernen, wenn Eltern ihre Rollen hinterfragen
Hintergründig geht es nämlich in dieser Geschichte genau darum: Die Kinder lernen, dass Mama nicht nur die Hausfrau und Papa der Malocher sein muss. Dass sie Rollenmodelle aus den 1950ern nicht übernehmen müssen. Dass eine Gesellschaftsform namens Patriarchat sowie struktureller Sexismus existieren. Dass Empathie kein Fremdwort ist. Und, ganz einfach, dass Papa irgendwann keinen Applaus mehr dafür erntet, seinem Kind einen Flicken auf die Hose genäht zu haben. Sondern dass es selbstverständlich sein könnte, dass er dies tut. So wie es für Mütter seit Jahrzehnten normal sein soll.
Dass die Realität oft anders aussieht, ist mir klar. Zu oft sind, wenn wir von klassischen Paarbeziehungen reden, noch immer Väter diejenigen mit mehr Einkommen. Die deshalb in ihren Vollzeitjobs bleiben, während Mütter in der Teilzeitfalle landen. Paare, die das aufrichtig so wollen und können? Go for it, bitteschön. Hinter dieser Schieflage stecken aber erstens andere strukturelle Probleme namens "Gender Pay Gap", "Gender Care Gap" und so weiter. Lohn- und daraus resultierende Erziehungszeitunterschiede zwischen den Geschlechtern, die, wenn schon nicht euch selbst, dann vielen anderen Elternteilen schaden. Denen, die sich so klassisch aufteilen müssen, obwohl sie es anders wollen. Denkt die ruhig mal mit, könnten eines Tages auch eure erwachsen gewordenen Kinder sein! Und zweitens ist diese Schieflage eine gleichzeitig gerne angeführte Ausrede. Viele Männer denken oder sagen: "Kuchen backen? Kind abholen? Hab’ ich echt keine Zeit und keinen Kopf für! Ich arbeite doch schon soviel!" Nun: Die folgende Statistik dürfte ihnen nicht gefallen.
Mütter arbeiten mitunter über 60 Stunden pro Woche
Als Reaktion auf die Behauptung von Friedrich Merz und seinesgleichen, wir müssten alle wieder mehr arbeiten, postete die Autorin Teresa Bücker im November auf Instagram eine Grafik des Statistischen Bundesamts. Als Auszug der im Juni 2025 veröffentlichten revidierten Ergebnisse der Zeitverwendungserhebung 2022 wurde darauf die jeweilige Zeit, die Frauen pro Woche für Erwerbsarbeit und unbezahlte Arbeit, also etwa Haushalt, Erziehung, Pflege von Angehörigen, aufwenden, addiert. Frauen mit Kindern, von denen das jüngste unter 6 Jahre alt ist – also im Kindergartenalter – kamen so im Erhebungszeitraum auf durchschnittlich 61 Arbeitsstunden und 38 Minuten pro Woche. Und das, obwohl der Anteil ihrer bezahlten Arbeit bei unter 14 Stunden lag.
Vor diesem Hintergrund wäre doch, um zur mutmaßlich eigentlichen Motivation der Kita-Leiterin zurückzukehren, folgende Schlussfolgerung eine wünschenswerte: Wie wäre es, wenn wir als Gesellschaft und Individuen anerkennen, dass auch unbezahlte Arbeit Arbeit ist – unbezahlbare sogar, ohne deren Erledigung die deutsche Wirtschaft übrigens zusammenbräche? Dass die überwiegende Mehrheit der Väter gewiss nur das Beste für ihre Familien will, den Weg dahin bloß unterschiedlich definiert – und dabei zunehmend den Druck widersprüchlicher Erwartungshaltungen spürt, dem Frauen seit Jahrzehnten ausgesetzt sind? Dass Männer sich durchaus mehr um ihre Kinder als früher kümmern, aber immer noch weniger als Frauen? Dass viel zu lange nicht hinterfragte Strukturen im Handeln nur durchbrochen werden, wenn sich davor das Denken ändert? Dass es für Perspektivwechsel manchmal plumpe Anstöße braucht? Dass wir Gleichzeitigkeiten aushalten müssen? Und dass Lebensrealitäten aus guten, schlechten oder irgendwelchen Gründen verschieden sind, sich aber mindestens teilweise ändern lassen?
In unserem liberalen Kiez zum Beispiel sind Väter, die ihre Kinder zur Kita oder Grundschule bringen und abholen, Kuchen mitbringen oder Elternvertreter werden, keine Einhörner. Sie sind stinknormale Elternteile, die vom Personal als ebensolche eingebunden werden. Ich finde es befremdlich, dass der deutsche Durchschnitt da offenbar anders tickt – muss aber verstehen, dass ihm meine Lebensrealität genauso fremd erscheint.
Zwischen Aufklärung und Empörungsalgorithmen
Nein, man muss den Stil von Lena Marie Frielitz nicht mögen oder ihre Meinung teilen. Man darf aber ihren Verdienst anerkennen, Diskussionen dort zu platzieren, wo sie Früchte tragen können. Raus aus den Blasen von Eltern mit dem gleichen Mindset, rein in die Randbezirke. Dorthin, wo die Dinge halt so sind, wie sie sind, weil sie immer schon so waren. Und wo deshalb die meiste Veränderung (und Aufregung) erreicht werden kann.
Vielmehr als die gezielte und durchaus routinierte Social-Media-Provokation der gerne triggernden Erzieherin – auf TikTok postet sie nahezu täglich ein Video dieser Art zu verschiedenen "Aufregern" und füttert damit den Empörungsalgorithmus, auf das eingangs zitierte ließ sie wegen des zählbaren Erfolgs bereits einen zweiten und dritten Teil folgen – irritiert mich der folgende Satz, den sie im Interview mit "BuzzFeed News Deutschland" gesagt haben soll: "Ich glaube, dass viele Väter eigentlich mehr mit ins Boot geholt werden wollen, das aber nicht können, weil ganz viele Pädagogen ihnen nicht die Chance dafür geben". Sie will wahrscheinlich sagen, dass viele Erzieher:innen, anders als sie, wirklich reflexartig die Mütter zuerst ansprechen, auch wenn die Väter sich davor gar nicht versteckten.
Sie liefert Vätern damit aber auch eine weitere zu einfache Ausrede, ihrer Rolle angeblich nicht gerecht werden zu können: "Ich würde ja, aber man lässt mich nicht!". Dabei ist diese Rolle keine passive. Wer kein Zaungast der eigenen Elternschaft werden will, muss seine Rolle, wie beim Phänomen des Maternal Gatekeeping, notfalls selbst einfordern und aktiv übernehmen. So einfach die Ausführung von Aufträgen und Vermeidung von Anstrengung kurzfristig auch scheinen mag.





