Das haut rein: Zwei Vierjährige streiten sich – auf einmal schlägt ein Kind das andere. Zugegeben, in diesem Alter ist ein Streit meistens rasch geschlichtet. Aber was tun, wenn dein Kind auch im Grundschulalter noch mit körperlicher Aggression reagiert – oder gar andere aktiv mobbt oder bedroht? Elterncoach Miriam Maja Gass erklärt im Interview mit Men's Health Dad, was dann zu tun ist.
Wie verhalte ich mich, wenn mein Kind ein anderes Kind haut?
Die entscheidende Frage ist immer: "Was war davor?" Vielleicht hat das andere Kind das Lieblingsspielzeug deines Kindes weggenommen oder seine Sandburg zerstört. Oder dein Kind hat einfach gerade viel Stress, zum Beispiel, weil seine Bezugserzieherin im Kindergarten krank ist, es einen Umzug hinter sich hat oder ihr als Eltern sehr beschäftigt seid. Wenn wir bei Kindern im Vorschulalter körperliche Aggression wahrnehmen, sollten wir immer nach dem Kontext fragen. Dazu gehört auch, dass wir uns bewusst machen, dass bei Kindern unter sieben Jahren das Gehirn noch unausgereift ist. Sie folgen ihren Emotionen und Impulsen noch sehr direkt. Daher brauchen sie gerade, wenn sie verärgert oder überfordert sind, die Präsenz und Anleitung reifer, fürsorglicher Erwachsener, um sich angemessen zu verhalten.
Wie kann ich meinem Kind helfen, seine Bedürfnisse anders als mit Hauen auszudrücken?
Es geht darum, dass ich Präsenz zeige. Zwei Vierjährige sollte ich einen solchen Streit nicht alleine lösen lassen. Stattdessen kann ich versuchen, herauszufinden, was mein Kind gerade zu seinem Verhalten bewegt. Anschließend gehe ich als Erwachsener liebevoll in Führung, ich zeige ihm also, wie es seine Gefühle auf angemessenere Weise ausdrücken kann. Hilfreich ist dabei der Merksatz "Zweimal Ja, einmal Nein": Bevor ich dem Kind eine Grenze setze ("Ich möchte nicht, dass du deinen Freund haust!") gebe ich ihm die Bestätigung, dass ich sein Gefühl wahrnehme ("Du bist ganz schön wütend, oder?") und helfe ihm dabei, seine Emotionen anders auszudrücken ("Komm, ich zeige dir, was du machen kannst, wenn du so wütend bist!"). Toll ist ja, dass es unzählige Arten gibt, wie dein Kind seinen Frust und seine Energie auf unschädliche Weise ausdrücken kann, zum Beispiel über lautes Schimpfen, indem es gegen ein Kissen schlägt oder tritt und langfristig über alle Arten von Bewegungsspielen oder auch spielerisches Kämpfen.

Ist ein Kind schon im Grundschulalter, haben Eltern, Lehrer und Mitschüler oft weniger Verständnis, wenn es andere haut. Was kann ich in dem Fall tun?
Es ist wichtig, zu wissen, dass Kinder mit zunehmender Reife Wut und Frustration eigentlich eher verbal statt körperlich ausdrücken. Schlägt mein Kind also noch mit acht oder neun Jahren andere im Affekt, bedeutet dass, dass es ein Stück weit in seiner Reifeentwicklung stecken geblieben ist. Vielleicht hat es in seinem bisherigen Leben zu wenige verlässliche Bindungserfahrungen machen dürfen. Oder es erlebt gerade einfach zu viele Dinge, die es stressen und frustrieren und hat noch nicht gelernt, angemessen damit umzugehen.
Daher lohnt sich hier wieder der Blick auf den Kontext: Wie ist die Dynamik unter den Gleichaltrigen? Ist das Kind möglicherweise chronisch überreizt oder überfordert durch den langen Schultag? Hat das Kind ausreichend Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten in seinem Alltag? Gibt es in der Schule eine erwachsene Bindungsperson – eine Lehrerin, einen Erzieher oder eine sonstige Person – an die das Kind sich wenden kann, wenn es Schwierigkeiten hat? Wir können Kinder konkret zeigen, an wen sie sich in der Schule oder auch zuhause wenden und was sie tun können, wenn ihnen alles zu viel wird. Das hilft oft schon sehr.
Anders sieht die Situation aus, wenn mehrere Kinder gemeinsam ein anderes bedrängen oder gar körperliche Gewalt anwenden. Was kann ich tun, wenn mein Kind hierbei aktiv mitmacht?
Wichtig ist, zu verstehen, dass es bei Gewalt gegen Schwächere immer um Machtausübung geht. Kinder, die in diesem Sinn zum Täter werden, zeigen Dominanz ohne die damit einhergehende Empathie und das Verantwortungsgefühl der Älteren oder Stärkeren. Natürlich müssen die Opfer dieser Gewalt erst einmal geschützt werden. Wichtig ist also, dass ich als Erwachsener Grenzen klar kommuniziere und gegebenenfalls auch Sanktionen gegen die Gewalt ausübenden Kinder oder Jugendlichen erhebe. In einem zweiten Schritt sollte es aber darum gehen, auch die Bullys dabei zu unterstützen, wieder Zugang zu ihren eigenen, weichen Gefühlen zu bekommen und ihnen den Zugang zur (Klassen-)Gemeinschaft wieder zu ermöglichen. In manchen Schulen gibt es zum Beispiel einen regelmäßigen Klassenrat, in dem über Konflikte innerhalb der Gruppe gesprochen werden. Hier sollte auch über das Thema Mobbing gesprochen werden und was Mitschülerinnen oder Mitschüler tun können, wenn einer ihrer Klassenkameraden gemobbt wird.
Ist mein eigenes Kind Opfer von Gewalt, ist es wiederum wichtig, dass ich ihm zeige, dass es das nicht "aushalten" muss. Stattdessen sollte ich alles tun, um ihm die Sicherheit und den Schutz zu geben, die es verdient. Einerseits emotional, indem ich ihn zeige, dass ich seine Angst und Verunsicherung wahrnehme und verstehe, aber auch ganz praktisch, indem ich, gemeinsam mit Lehrerinnen und Lehrern und weiteren unterstützenden Personen, Wege suche, die Gewalt zu beenden. Gewalt und Mobbing ist keine Bagatelle, sie verlangt mein klares Handeln als fürsorglicher Erwachsener!
Buchtipp: Mehr zu diesem Thema erfährst du auch in dem Ratgeber "So viel Freude, so viel Wut: Gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten" von Nora Imlau.
Gerade unter Jungs ist körperliches Kräftemessen oft an der Tagesordnung. Warum ist das so und wann sollte ich als Elternteil einschreiten?
Beim typischen Kämpfen und Rangeln unter Jungs geht es oft darum, spielerisch die Hierarchie untereinander zu bestimmen. Wichtig für einen fairen Kampf ist: Es gibt feste Regeln (zum Beispiel kein Kratzen und Beißen, keine Schläge auf den Kopf) und es sollte immer klar sein, dass der Kampf in dem Moment endet, in dem einer der Beteiligten keine Lust mehr hat oder sich ernsthaft weh tut. Tatsächlich brauchen Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter oft ein körperliches Ventil, um ihre überschüssige Kraft abzubauen. Hier helfen alle Arten von Lauf- und Bewegungsspielen, ebenso wie spielerischer Wettbewerb. Auch als Jugendliche gefällt es Jungs häufig, körperlich anstrengende Aufgaben zu übernehmen (etwa Holzhacken, Schneeschippen, Möbelschleppen). Herausforderungen wie eine Bergwanderung oder eine lange Radtour unterstützen ihren Wunsch, ihre Kräfte zu messen, eigene Grenzen auszuloten und Abenteuer zu erleben.
Als Elternteil bin ich für mein Kind Vorbild bei der Frage, wie man mit Gefühlen umgeht, eigene Grenzen wahrt und die Grenzen anderer respektiert. Siehst du einen Zusammenhang zwischen dem Erziehungsstil von Eltern und Kindern, die regelmäßig gewalttätig gegenüber anderen Kindern werden?
Wächst mein Kind in einem Umfeld auf, indem Respekt, Rücksichtnahme und Mitgefühl wichtige Werte sind, prägt es das natürlich. Umgekehrt tendieren Kinder, die immer wieder beschämt, herabgesetzt und deren persönliche Grenzen überschritten werden, dazu, ein entsprechendes Verhalten anderen gegenüber zu entwickeln. Letztlich ist das ein Schutzmechanismus: Sie verhärten innerlich, um die Härte im Außen zu ertragen. Ein Ergebnis dieser Panzerung kann dann gewalttätiges Verhalten anderen gegenüber sein.





