Früher war Herr Reff, wie er sich auf Social Media nur nennt, selbst ein Problemschüler, heute unterrichtet er an einer Berliner "Brennpunktschule". Seinen Alltag im Klassenzimmer teilt er mit über einer Million Follower auf Instagram, TikTok und Twitch - mit klarer Haltung und viel Humor.
Über seinen Weg erzählt er auch in seinem ersten Buch "Der Stärkere hört zu". Im Interview mit Men's Health Dad spricht er über Respekt, Grenzen des Lehrerberufes und warum er ein Handyverbot nicht für zielführend hält.
Gab es in deiner Schulzeit Momente, wo es nur einen kleinen Schubser in die falsche Richtung gebraucht hätte und du wärst heute ganz woanders?
Die Momente, wo es hätte kippen können, gab es. Falscher Freundeskreis, man wusste nicht, was richtig und was falsch ist. Ich hatte keine einfache Kindheit. Meine Mama war sehr liebevoll, mein Papa aber herrisch und dominant. Prügel war Tagesordnung. Er hat uns beigebracht, dass Gewalt eine Form der Kommunikation ist. Auch in der Schule habe ich mich nicht gesehen gefühlt und habe oft rebelliert. Irgendwann habe ich die Entscheidung getroffen, dass ich nicht so sein möchte wie mein Vater und meine Vergangenheit meine Zukunft nicht beherrschen soll.
Heute bist du ein Vorbild für viele deiner Schülerinnen und Schüler. Hattest du selbst eine Lehrkraft, die ein Vorbild für dich war oder noch ist?
Ein Vorbild gab es nicht. Aber ich erinnere mich an einen Lehrer, der hat mich mal beiseite genommen und Tacheles geredet: Hey, du bist doch nicht dumm. Was ist dein Problem? Du bist doch eigentlich ein gescheiter Junge. Hinter die Fassade hat er nicht wirklich geschaut, das hätte ich auch nicht zugelassen. Ich habe immer die heile Welt nach außen gezeigt oder mit Protest einen näheren Kontakt verhindert.

Der Berliner Lehrer und Social-Media-Star "Herr Reff"
Wie kam dann der konkrete Entschluss, mit Kindern zu arbeiten?
Nach dem Abitur habe ich 30, 40 Bewerbungen geschrieben und keinen Ausbildungsplatz bekommen, anders als meine Freunde. Also kam ich zu einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme der Agentur für Arbeit. Als 1-Euro-Jobber habe ich in einer Berliner Grundschule Flure gestrichen. An einem Morgen bat mich der Schulleiter kurz auf zwei Klassen aufzupassen, bis die Lehrkräfte kommen. Ein paar Jungs kamen raus und wir haben uns unterhalten. Dabei stellte sich raus, dass sie ihre Aufgaben nicht verstanden. Also habe ich kurzerhand einer guten Schülerin erlaubt, die Lösungswege allen anderen zu erklären. Am Ende der kurzen Aufsicht fragten die Kinder mich, warum ich eigentlich kein Lehrer bin. Das war der Anstoß.
Du bist Lehrer an einer Brennpunktschule. War das eine bewusste Entscheidung?
Ich mag diese Zuschreibung nicht. Brennpunkt heißt nicht, dass dort die Mülltonnen brennen, sondern dass hier 70 bis 80 Prozent der Kinder eine Lernmittelbefreiung haben, weil die Familie zu wenig Geld hat. Auf unsere Schule gehen tolle und liebe Kinder. Klar gibt es auch mal Raufereien und klar gibt es die sozialen Herausforderungen. Aber ich bin da gerne, wo ich bin, und da möchte ich auch bleiben.
In deinen Videos wirkst du sehr empathisch und versuchst sehr, auf deine Schülerinnen und Schüler zuzugehen. Hilft es, selbst ein sogenannter Problemschüler gewesen zu sein?
Ich glaube, das ist keine Voraussetzung für eine gute Arbeit im Klassenzimmer. Ich bin eher für eine große Vielfalt im Lehrerzimmer. Ich sage meinen Schülerinnen und Schülern immer: Im Schulbetrieb – und später im Leben – werdet ihr auf alle Arten von Menschen treffen. Es wird Lehrer geben, die ihr nicht mögt, die frontal unterrichten, die streng sind. Das ist auch wichtig. Die Kinder müssen lernen, mit Ungerechtigkeit umzugehen – weil sie später vielleicht auch mal einen schwierigen Chef bekommen. Ich denke aber schon: Wer bestimmte Erfahrungen gemacht hat, bringt eine gewisse Empathie mit und kann leichter hinter Fassaden blicken.
Podcast-Tipp: Das Thema Schule stand auch schon mal im Mittelpunkt unseres Papa-Podcasts, hier geht's zum Gespräch:
In deinem Buch schreibst du auch von Momenten, in denen du an deine Grenzen stößt. Wie geht man damit um?
Da gibt es zum Beispiel einen Jungen, der hält sich an keine Regeln, macht nichts. Ich nehme ihn beiseite und frage: Respektierst du mich nicht? Er sagt ganz einfach: Nein. Das muss man erstmal verarbeiten. Aber ich sage ihm: Nur weil du mir keinen Respekt zeigst, bedeutet das nicht, dass ich dir keinen zeige. Mein Ziel ist, dir nach der Zehnten die Hand zu schütteln, mit dem bestmöglichen Abschluss. Aber es gibt auch Fälle, wo man es nicht schafft. Die nehme ich mit nach Hause, rede mit meiner Frau darüber, brauche auch Zeit, darüber hinwegzukommen.
Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen, deinen Schulalltag in den sozialen Netzwerken zu teilen?
Meine Klasse kam auf mich zu: Ihr Unterricht ist kreativ, diese Beziehung, die Sie zu uns aufbauen – das muss man zeigen. Ich war skeptisch. Wir haben mit der Schulleitung gesprochen. Eigentlich wollten wir zunächst nur unsere 500 Schülerinnen und Schüler erreichen. Dann haben wir ein Video zum Thema Armut und Reichtum gemacht, Kinder haben dabei ihr eigenes Spielzeug gebaut. Und dann ging es schnell durch die Decke und wir haben immer neue Videos gemacht.
Hast du eine Erklärung für den Erfolg?
Ich bin kein Social-Media-Berater, aber ich glaube, es ist Authentizität. Die Leute merken, wenn jemand eine Rolle spielt. Bei uns aus dem Klassenraum ist nichts geskriptet. Die Leute sehen: Das ist wirklich der Typ, der einfach sein Handy hingehalten hat. Und dieser Einblick aus dem Klassenraum kommt eben gut an. Was mich besonders freut: Es gibt junge Menschen, die sich meinetwegen für den Lehrerberuf interessieren.
Du siehst nicht aus wie der klassische Lehrer. Hilft dir das im Klassenzimmer und auf Social Media?
Auf meinem Weg ins Klassenzimmer hat mir mein Aussehen eher Steine in den Weg gelegt. Im Studium wurde ich in Gruppenarbeiten gemieden. Beim Referendariat sagte eine Kollegin, dass ich sicher nach dem Referendariat nicht wiederkommen würde. Ich habe das Gegenteil bewiesen. Eine Kollegin hat mir mal gesagt: Du hast es leicht – du bist ein Mann, du bist breit, du bist Ausländer. Ich habe ihr gesagt: Das hat nichts damit zu tun. Es gibt auch Kinder, die mir auf der Nase rumtanzen. Beide Seiten gibt es. Aber ich denke, in den Sozialen Netzwerken hilft es schon, weil die Leute jemanden sehen, mit dem sie sich identifizieren können.
Viele Schulen diskutieren gerade Handyverbote. Du drehst die Videos direkt aus dem Klassenzimmer – wie siehst du die aktuelle Debatte?
Ich bin kein Fan von Verboten. Warum nicht lieber in den Schulen aufklären? Wir nehmen den Kindern an unserer Schule das Handy nicht weg, sondern bringen ihnen bei, damit umzugehen. Wir arbeiten mit digitalen Pinnwänden, die Kinder rufen Inhalte über ihre Handys ab, laden Fotos hoch, bearbeiten gemeinsam. Das Handy ist ein Tool – Wecker, Kalender, Notizbuch. Die Kinder sollen merken, dass es nicht nur Unterhaltung ist. Ein Verbot verlagert das Problem nur vom Schulhof ins Elternhaus. Das bringt niemandem etwas.
Du nutzt Social Media auch aktiv zur Aufklärung. Wie funktioniert das konkret?
Eine meiner Klassen kam auf mich zu: Wir wollen ein Aufklärungsvideo machen. Es gab damals einen Trend, bei dem sich Kinder an Geländer gehängt haben – jemand ist dabei tödlich verunglückt. Wir haben direkt ein Video gedreht und hatten am Ende 1,5 Millionen Views. Bei einem anderen Video hat mich die Schulleitung gebeten, auf die E-Roller hinzuweisen. Die Kinder fahren zu zweit, zu dritt darauf und halten sich kaum an die Verkehrsregeln. Statt eines Elternbriefs entstand ein Video, das einige Millionen Aufrufe erreichte. Danach schreiben mir oft Eltern und bedanken sich für den Hinweis.
Um Aufklärung geht es auch in der Live-Tour zu deinem Buch. Wie bringst du Buch und Social-Media-Anliegen auf die Bühne?
Ich werde aus dem Buch lesen, aber ich möchte es öffnen, die Leute einladen, selbst etwas zu sagen, vielleicht auf die Bühne zu kommen. Es soll nicht um Belehrung gehen, sondern darum, gemeinsam durch den Abend zu gehen und die Leute mit einem guten Gefühl rauszuschicken. Es soll sich anfühlen wie das, was wir bei Social Media machen: Du postest etwas, die Leute kommentieren, bauen dich auf. Aber dann live, real, vor Ort.
Erlebst du auch Gegenwind für deine Arbeit im Netz?
Sehr wenig, ehrlich gesagt. Bei anderen Lehrkräften im Netz gibt es deutlich mehr Hass in den Kommentarspalten. Ich habe aber eine deutliche Haltung: Beleidigungen gehen einfach nicht – egal ob im Klassenzimmer oder im Live-Stream. Jemand hat mal meine Mutter beleidigt. Ich habe geantwortet: Meine Mama lebt nicht mehr. Aber ich wünsche dir und deiner Mutter trotzdem alles Gute. Dann habe ich ihn stumm geschaltet. Kurz danach kam eine Privatnachricht: Sorry, ich wollte einfach was Dämliches sagen. Kommt nicht wieder vor. Wenn diese Erkenntnis aber ausbleibt, blocke ich die Menschen konsequent.





