Nur zu gern schimpfen wir über das deutsche Schulsystem. Doch was machen eigentlich die Bildungsweltmeister besser? Das wollte der Hamburger Journalist und Lehrer Alexander Brand (Mathe und Physik) wissen und reiste für sein Buch "Die Bildungsweltmeister" sechs Monate lang durch die Top-PISA-Länder, um Schulen in Finnland, Estland, Japan und Singapur zu besuchen. Über die Erkenntnisse seiner Reise berichtet er im Interview mit Men’s Health Dad.
In welchem der bereisten Länder wären Sie am liebsten zur Schule gegangen?
In Estland. Ich habe dort mit einer Elftklässlerin gesprochen, die das Jahr davor als Austauschschülerin in Deutschland war. Sie wunderte sich darüber, dass hier alle Schülerinnen und Schüler nach dem Unterricht sofort nach Hause gehen. In Estland ist die Schule auch nach der letzten Stunde noch ein wichtiger Treffpunkt. Die Kinder und Jugendlichen treffen sich dort, machen Sport oder stellen gemeinsame Projekte auf die Beine. Mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern hatte besagte Schülerin eine Fashion-Show organisiert, es gab Kunstwochen oder ein Sprachcafé. In Estland gibt es in jedem Kollegium sogar eine Lehrkraft, deren Job es ist, genau diese Schulkultur am Leben zu halten. Schule ist dort ein Ort, an dem man gern ist, auch am Nachmittag.
Sie waren auch in Japan und Singapur. Viele verbinden mit Bildungseinrichtungen in Asien oft eine große Disziplin in der Schule und einen hohen Ehrgeiz seitens der Eltern. Stimmen diese Klischees?
Diese Verallgemeinerung greift etwas zu kurz. Was aber stimmt: Gegen Ende der Schulzeit liegt ein enormer Druck auf den Schülern und Schülerinnen. Die Eltern wollen einfach, dass es ihr Nachwuchs auf die besten Eliteuniversitäten des Landes schafft. Wer dort angenommen wird, hat ausgesorgt. Und diese Gewissheit erzeugt natürlich Druck. In Singapur beginnt dieses Streben schon in der Grundschule, weil es dort eine Art Grundschulabitur gibt. In Japan findet die Selektion viel später statt, erst nach der neunten Klasse. Die Grundschulzeit habe ich in Japan als deutlich entspannter erlebt. Dort herrscht die Überzeugung, dass Kinder sich austoben sollen. Es geht nicht darum, sie zu disziplinieren, sondern ihnen schrittweise beizubringen, warum bestimmte Regeln wichtig sind. Empathie und Gemeinschaftssinn stehen im Vordergrund.

Wie wird das umgesetzt?
Ich habe ein faszinierendes Ritual erlebt. In einer Grundschule wurde jeden Tag gemeinsam im Klassenzimmer gegessen. Die Hälfte der Klasse hat Mittagsdienst, zieht weiße Kittel an, holt das Essen aus der Schulküche und serviert es. Danach putzen alle gemeinsam das Schulgebäude. 20 Minuten lang, die gesamte Schulgemeinschaft, von der ersten bis zur sechsten Klasse. Auch die Lehrkräfte machen mit. Dazu läuft klassische Musik aus dem Lautsprecher. Man sieht es dort als Zeichen für gelebte Gemeinschaft.
In Deutschland würde ein solches Ritual vermutlich viel Stirnrunzeln und Elternbriefe hervorrufen. Finnland galt auch lange als Sehnsuchtsland aller Bildungskritiker. Was gelingt dort besonders gut?
Finnland bietet mehr Unterstützung und immer wieder zweite Chancen. Ich habe mit einem finnischen Lehrer gesprochen, der ein paar Wochen in Deutschland verbracht hatte. Sein Eindruck war, dass, wenn ein Kind in Deutschland scheitert, es oft als sein eigenes Problem gilt. In Finnland dagegen ist intensivere Förderung der Normalfall. Schon bei der Einschulung gibt es Diagnosetests. Wer Lücken hat, bekommt sofort Unterstützung durch Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen, in kleinen Gruppen, flexibel, ohne dass dafür erst eine medizinische Diagnose nötig wäre. Wenn ein Zweitklässler ein paar Wochen krank war und in Mathe hinterherhinkt, geht er vorübergehend in eine Kleingruppenförderung, bis er wieder auf Stand ist. Dieser Grundgedanke, dass jedes Kind irgendwann Unterstützung braucht, war in Finnland allgegenwärtig und wird keineswegs als Abwertung der Leistung gesehen.
In Deutschland werden Kinder sehr früh in verschiedene Schulformen getrennt. Auch im Hinblick auf Inklusion haben viele Eltern eher Bedenken, dass ihr eigenes Kind in einer heterogenen Klasse weniger lernt. Wie ist das bei den Bildungsweltmeistern?
Das ist eine sehr deutsche Angst. In vielen der besuchten Länder werden die Kinder deutlich später aufgeteilt. Das ist auch sinnvoll. Immerhin zeigen große internationale Studien, dass in Bildungssystemen mit früher Trennung eher die Bildungsungleichheit steigt, aber die Durchschnittsleistung nicht ansteigt. Aus meiner Sicht wären flexible Förderstrukturen wichtiger, mit Lehrkräften, die in kleinen Gruppen arbeiten. In den meisten der besuchten Länder wird für schwächere Schülerinnen und Schüler das Leistungsniveau nicht abgesenkt. Was sich verändert, ist der Grad der Unterstützung.
Podcast-Tipp: Das Thema Schule stand auch schon mal im Mittelpunkt unseres Papa-Podcasts, hier geht's zum Gespräch:
Welche positive Rolle spielen die Eltern in den besuchten Bildungssystemen?
In Estland hat mich vor allem die Lesekultur beeindruckt. Sie wird stark von den Eltern getragen. Lesen fängt schließlich zu Hause an. Es gibt eine Studie, die Erwachsene in mehr als 30 Ländern gefragt hat, wie viele Bücher sie mit 16 zu Hause hatten. Estland lag mit durchschnittlich 218 Büchern ganz vorn. Das wirkt sich absolut positiv auf die Lesemotivation aus. Auch in der Schule wird nicht nur eine Lektüre pro Jahr gelesen, sondern im Durchschnitt etwa acht. Entsprechend gut schnitt das Land auch beim Lesen ab.
Und welche Rolle spielen die Eltern in Singapur?
Hier sind die Eltern sehr stark in der Schulbildung ihrer Kinder involviert. Gerade Singapur hat seinen wirtschaftlichen Aufstieg über Bildung erreicht, und dieser Gedanke steckt tief in der Gesellschaft. Die Schulen versuchen gegenzusteuern und die Kinder vor diesem Druck zu schützen. Singapur hat sein altes Schulsystem, das Schülerinnen und Schüler nach der Grundschule in drei Zweige sortierte, inzwischen sogar abgeschafft. Jetzt gibt es ein flexibleres Modell, bei dem man Fächer auf unterschiedlichen Niveaus wählen kann. Ein richtiger Schritt. Aber wenn Eltern einmal so stark auf akademischen Erfolg fokussiert sind, ist das schwer zurückzudrehen.
Welche zwei Dinge können Lehrkräfte von den Bildungsweltmeistern lernen?
Vielleicht den Mut, den Kindern mehr zuzutrauen, ihnen mehr Chancen einzuräumen und Schule als Lebensraum ernstzunehmen. Wir müssen unsere Schulen zu Orten machen, in denen sich die Schülerinnen und Schüler noch wohler fühlen, durch tolle Angebote am Nachmittag, durch guten Unterricht und durch Wertschätzung. Das lässt sich ohne Bildungsrevolution ganz einfach umsetzen.
Und welche Rolle spielen die Eltern dabei?
Ohne die Eltern gelingt Schule nicht. Sie müssen wir mitnehmen. In Estland setzen viele Schulen auf digitale Klassenbücher, über die Eltern sehr direkt und niedrigschwellig erreicht und über den Schulalltag informiert werden. Das ist ein kleines Detail, erhöht aber den Austausch mit den Familien. Gleichzeitig darf der Schulerfolg natürlich nicht davon abhängig sein, ob jedes Elternteil unterstützen kann oder nicht. Genau das ist das Problem in Deutschland.





