Lernen Sie Nein zu sagen: Wann Sie ein Egoist sein müssen

Lernen Sie Nein zu sagen
Niemand mag pure Egoisten. Trotzdem sollten Sie lernen, "Nein" zu sagen

Egoistisch zu sein, hat kein gutes Image! Warum es trotzdem gesund ist, öfter mal an sich zu denken. Plus: 5 Tipps, wie Sie ohne schlechtes Gewissen "Nein" sagen können

Ellenlange Instagram-Feeds, physische Verrenkungen für das tollste Foto von sich selbst: Egoismus ist nervig, oftmals peinlich und kann sogar das Zusammenleben zerrütten. Ergebnis: In der Epoche des Individuums hat Selbstbezogenheit zu Recht kein gutes Image. Aber: Selbstloses Handeln ist auch keine Lösung. Denn hier wie überall gilt der Leitsatz der Ersten Hilfe: Nur wer an sich denkt, kann überleben – und auch für andere da sein. Leider ist "sich wichtig nehmen", ohne dabei jemanden vor den Kopf zu stoßen, gar nicht so leicht! Mit unseren 5 Tipps finden Sie die richtige Dosis Ich im Alltag.

Wann ist Egoismus gut?

Kennen Sie solche Situationen?

  • Dauernd sagen Sie Ja zu den falschen Leuten. "Okay, wir können uns treffen", antworten Sie Ihrem Arbeitskollegen, obwohl Sie eigentlich mit Ihren alten Kumpels verabredet sind. 
  • "Na gut, mach ich am Wochenende", entgegnen Sie Ihrem Chef, der Ihnen ein Extraprojekt aufbrummt, wohl wissend, dass Sie voll ausgelastet sind.
  • "Ja, ich komme zum Sonntags-Brunch deiner Eltern", beschwichtigen Sie Ihre Partnerin, dabei gehen Sie Samstagabend auf die Party des Jahrzehnts (jedenfalls lautet so das katerverheißende Motto). 

Bis dahin ist Ihre Welt noch in Ordnung. Und dann? Dann tritt schließlich der besagte Tag ein, und alle kommen zu kurz – die alten Kumpels, der Job, die Schwiegereltern, Ihre Freundin. Und am meisten: Sie selbst. Ihre Verabredungen mutieren zu einem Meer aus To-dos, die eigenen Bedürfnisse gehen darin unter. Zeit für eine Kurskorrektur – mehr Zeit für Sie!

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Egoismus kann gut und notwendig sein
Wer oft Ja sagt, darf auch Mal eigensinnig Nein sagen

Was ist Egoismus?

Jeder Mensch kommt egoistisch auf die Welt. Babys holen sich das, was sie brauchen. Wenn sie es nicht kriegen, verlangen sie lautstark danach. "Primärer Egoismus" sagt dazu die Forschung. Ein Kind kann noch nicht zwischen eigenen Bedürfnissen und denen anderer unterscheiden. Erst mit dem Erwachsenwerden versteht der Mensch, dass viele Menschen anders fühlen als wir selbst. Und fangen an, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen.

Bin ich zu egoistisch?

"Mensch, bist du egoistisch!" Den Vorwurf finden selbst abgebrühte Kerle nicht schmeichelhaft. Und in der Tat schwingt kein Hauch von Bewunderung mit in diesem Satz. Nur, was genau ist das eigentlich: egoistisch? "Ego" stammt aus dem Lateinischen und bedeutet schlicht "ich" – Ego­ismus ist Ich-Bezogenheit. In krankhaft übersteigerter Form spricht man von Narzissmus. Kernmerkmale sind Überhöhung der eigenen Bedeutung, Sucht nach Anerkennung, Rücksichtslosigkeit, mangelnde Empathie. Soziale Medien befeuern dies, oft scheint es, als ob die Welt gerade von Narzissten wimmelt. Sie fotografieren sich unentwegt selbst, zocken an der Börse, werden Präsident der USA. Der Begriff Narzisst ist zu einer Generaldiagnose geworden.

Wann ist Egoismus krankhaft?

Tatsächlich aber ist der Narzissmus eine ernsthafte Persönlichkeitsstörung, die laut klinischen Studien zum Glück nur 1 Prozent der Bevölkerung betrifft. Das andere Extrem, das dem Egoismus gegenübersteht, ist ebenfalls eher selten: Altruismus – totale Selbstlosigkeit. Altruisten helfen, hören anderen zu und sind immer für sie da, und zwar ohne eine Gegenleistung zu fordern. Bei dieser Beschreibung fallen einem meistens mehr Frauen als Männer ein. Schweizer Forscher bestätigen: Das männliche Gehirn belohnt eher egoistisches Verhalten. Das sei nicht angeboren, sondern anerzogen. Doch hier ist ein erfreulicher gesellschaftlicher Trend erkennbar: Das Rote Kreuz hat so viele ehrenamtliche Helfer wie nie. Jeder dritte Deutsche engagiert sich laut aktueller Zahlen in der Nachbarschaftshilfe, jeder fünfte im Verein, jeder zehnte im Sozialsektor. Aber auch die Helfer-Mentalität hat ihren Preis.

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Wer zu wenig an sich denkt, der brennt aus, leidet letztlich am krankhaften Gefallen, an der "disease to please". Gesund sind also beide Extreme nicht, weder für Sie selbst noch für Ihr Umfeld. In Reinform kommen sie ohnehin selten vor. Völlige Selbstlosigkeit ist genauso rar wie purer Egoismus. Sie ergänzen sich vielmehr gegenseitig. US-Neurowissenschaftler haben bewiesen, dass dieselben Hirnareale aktiviert werden, wenn Sie für wohltätige Zwecke Geld spenden wie wenn Ihnen jemand einen Gefallen tut. Fast jede gute Tat beruht auf einem Tauschgeschäft: Wenn Sie Ihrem Kollegen beim Umzug helfen, dann hilft er auch bei Ihrem. Doch es gibt eine ideale Schnittmenge zwischen übersteigerter Selbstverehrung und selbstloser Aufopferung: das notwendige Eigeninteresse. Man nennt das auch gesunden Egoismus.

Immer noch Probleme mit dem Nein sagen? Mit Musik geht vieles leichter, holen Sie sich mit der Hymne der Selbstwertgefühl-Bewegung jetzt Ihren Boost an Selbstvertrauen: "Respect"!

 

Wann ist Egoismus gut?

Gesund ist Ihr Eigensinn, wenn er nicht überhandnimmt, anderen nicht schadet und vielleicht sogar gleichzeitig einen allgemeinen Nutzen hat. Lange gingen Biologen davon aus, der Mensch sei nur an seinem persönlichen Vorteil interessiert. Fressen oder gefressen werden, reich oder arm, Macht oder Moral. Doch der Hirnforscher Professor Joachim Bauer aus Tübingen widerspricht: "Die Annahme, dass sich auf der Erde nur die Stärksten durchsetzen, ist eine zu vereinfachte Sichtweise. Entscheidend ist, ob eine Kooperation stattfindet, sodass alle gut miteinander leben können." Der Teamplayer schlägt also den Egomanen.

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Machen Sie den Ego-Test

Dazu ein Test: Stellen Sie sich vor, Sie bekommen 100 Euro geschenkt. Sie müssen das Geld allerdings mit jemandem teilen. Wie viel Sie abgeben, bleibt Ihnen überlassen. Der Haken: Falls Ihr Gegenüber Ihr Angebot ablehnt, bekommen beide nichts. Wie viel geben Sie ab? Versuche zeigen: Liegt Ihr Angebot zwischen 40 und 50 Euro, wird es meistens akzeptiert, beide profitieren.

Das sogenannte Ultimatumspiel wurde bereits 1978 vom deutschen Ökonomen Werner Güth am Max-Planck-Institut zur Erforschung des Altruismus beziehungsweise Egoismus eingesetzt. In allen Industrieländern gibt der Spieler im Schnitt die Hälfte des Betrags ab. Weniger würde Ihr Gegenüber vermutlich ablehnen – und das spüren die meisten. Stichwort: Empathie. Damit ist bewiesen, dass den meisten Menschen Fairness wichtiger ist als der schnöde Profit. Aber Sie dürfen – und sollten – dabei guten Gewissens auch an sich selbst denken. Denn ein gewisses Maß an Egoismus nützt allen: Laden Sie Ihre eigenen Batterien regelmäßig auf, haben Sie auch mehr Energie für andere – eine Win-win-Situation. Wie teilen Sie also Ihr Meer aus To-dos? Die Psychologin und Autorin Eva Wlodarek ("Mehr Selbstvertrauen", 12 Euro bei amazon.de) rät: "Trauen Sie sich, für Ihre Bedürfnisse einzustehen, Grenzen zu ziehen und auch mal Nein zu sagen." Machen Sie sich bewusst, dass Sie nicht mehr das kleine Kind von einst sind, sondern ein gestandener Kerl. Gut so!

Sie können mit Geld nichts anfangen? Sie leben eher nach dem Motto "Was kümmert es die Eiche, wenn ein Wildschwein sich an ihr reibt". Dann machen Sie den ausführlichen Ego-Test beim Palverlag: "Bin ich selbstsüchtig?" 

Nein sagen für mehr Lebensqualität
Nein sagen für mehr Lebensqualität privat und im Beruf: so geht's

5 Tipps, wie Ihnen ein "Nein" leichter über die Lippen geht

  1. Bestandsaufnahme machen: Wir alle dürfen Nein sagen. Oft tun wir uns aber unter gewissen Umständen, bei bestimmten Personen und Themen schwer damit. Überlegen Sie, welche Situationen das bei Ihnen sind. Notieren Sie auch, wann Sie schon ganz gut Nein sagen können. Das motiviert.

  2. Um Bedenkzeit bitten: Wenn Ihnen absagen schwerfällt, dann gewinnen Sie etwas Zeit mit Sätzen wie: "Ich schlafe eine Nacht darüber und gebe Ihnen morgen Bescheid." So können Sie Ihre Gedanken sammeln. Warum fällt es Ihnen schwer, Nein zu sagen? Warum wollen Sie es? Wer diese Fragen für sich beantwortet, der kann sie auch anderen beantworten.

  3. Geradeaus reden: Wörter wie "vielleicht" oder "möglicherweise" hinterlassen den Eindruck, dass Ihr Nein nicht das letzte Wort ist. Lieber bedanken und klar verneinen: "Toll, dass Sie an mich gedacht haben. Aber leider habe ich keine Zeit." Auch Gegenfragen helfen: "Ich habe noch die Projekte X und Y auf dem Tisch – wie würden Sie die Priorität setzen?"

  4. Ja-Nein-Ja-Muster folgen: Formulieren Sie in einem Ich-Satz, warum Sie ablehnen und was Sie stattdessen als Alternative anbieten. Hilfreich ist dieser Aufbau: "Unsere Freundschaft ist mir wichtig (Ja), aber ich kann morgen nicht zu der Feier kommen (Nein). Nächste Woche können wir gern zusammen ausgehen (Ja)." Das wirkt weniger harsch. 

  5. Konsequent bleiben: Lassen Sie sich nicht abbringen, wenn Ihr Gegenüber ein Nein nicht hinnehmen will. Sie müssen kein schlechtes Gewissen haben. Wächst der Widerstand, kommunizieren Sie sparsamer: Wiederholen Sie Ihre Begründung wie eine Warteschleifen-Melodie.

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Fazit: Finden Sie die richtige Balance

Fühlen Sie sich oftmals als Verlierer und ausgebrannt, weil Sie zu gutherzig sind? Wer Ja sagt, obwohl er Nein denkt, sabotiert sich selbst. Finden Sie die richtige Balance für sich und Ihr Leben: Mit unseren 5 Tipps lernen Sie, wann Egoismus gut ist.