Unkonzentriert, chaotisch, schnell überfordert? Vielleicht warst du nicht faul – aber oft überfordert. Hast Dinge aufgeschoben, dich verzettelt oder dich gefragt, warum dir Struktur so schwerfällt.
Wenn dann plötzlich die Diagnose ADHS im Raum steht, wirkt vieles rückblickend anders: Erfahrungen, die lange wie persönliches Scheitern aussahen, lassen sich neu einordnen und eröffnen neue Perspektiven.
Die späte Erkenntnis
Wer erst im Erwachsenenalter eine ADHS-Diagnose erhält, hat in den allermeisten Fällen schon einen längeren Leidensweg hinter sich. Diagnosen wie Depressionen oder Angststörungen, die oft mit der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung einhergehen, häufig auch Probleme in Schule, Ausbildung und Job.
Da diese häufig mit dem Fehlen von Disziplin oder Talent erklärt wurden, kämpfen viele Betroffene darüber hinaus mit Selbstwertproblemen. Wieder andere haben sich sehr wohl ein erfolgreiches Leben aufgebaut und ihren Weg gefunden, zahlen für das ständige Maskieren ihrer Probleme im Alltag aber einen Preis und kämpfen mit Burnout, Suchtgefahr oder anderen Gesundheitsproblemen.
Diagnose ADHS: Das sind Ursachen und Symptome
Hintergrund der Verhaltensstörung ist ein oft genetisch oder durch andere Faktoren bedingtes Ungleichgewicht von Neurotransmittern im Gehirn. Das führt in vielen Fällen schon im Kindesalter dazu, dass man sichtbar Schwierigkeiten hat, sich zu konzentrieren. In vielen Fällen kommen auch Hyperaktivität und impulsives Verhalten hinzu.
Was die Forschung inzwischen jedoch weiß, ist, dass viele Kinder und Jugendliche auch untypischere Symptome zeigen, sodass ihr ADHS oft erst im Erwachsenenalter auffällt, wenn es bereits mit Begleiterkrankungen wie Abhängigkeit, Essstörungen oder Depressionen einhergegangen ist. Denn auch das weiß man inzwischen: dass ADHS nicht nur Kinder betrifft und sich im Erwachsenenalter "verwächst".
Die Folge sind aktuell stark ansteigende Fallzahlen und eine erhöhte Sichtbarkeit der Störung, die dazu führt, dass ADHS gelegentlich als "Modediagnose" abgetan wird. Die sehen die Autoren einer Studie der University of Colorado nach einer intensiven Untersuchung des Themas nicht. Stattdessen fordern sie, dass mehr getan werden müsse, um auch bereits die untypischen Fälle im Kindesalter zu erkennen und besser zu unterstützen.
ADHS-Diagnose bei Erwachsenen: Antwort auf viele Fragen
Denn: Viele Personen, die erst als Erwachsene diagnostiziert worden sind, geben laut der Studie an, dass sich durch die Diagnose viele Situationen ihres bisherigen Lebens rückblickend erklären würden und sich ADHS wie eine Antwort auf viele Fragen anfühle. Zu den Faktoren, die Betroffene dabei nennen, zählen etwa Schwierigkeiten in Sachen Organisation, Motivationsprobleme und ein ständiges Gefühl von Überforderung.
Gefühl von Anderssein
Regelmäßiges Anecken im sozialen Kontext und häufig wechselnde Interessen können zu Isolation und Schwierigkeiten in Beziehungen führen.
Scheitern und Misserfolge
Projekte werden nicht zu Ende gebracht oder nur halbherzig fertig. Ausbildung oder Studium werden abgebrochen. Ständig kommt die Frage auf, warum man nicht einfach leisten kann, was andere leisten.
Chaos in vielen Lebenslagen
Weil Organisation schwerfällt und Dinge vergessen werden, herrscht im Alltag oft Chaos. Das kann zu Problemen im Job führen, zu Stress in Beziehungen und zu Überforderung in der Familie.
Probleme mit Motivation
ADHS steht auch mit Veränderungen bei Neurotransmittern wie Dopamin und Noradrenalin in Verbindung, wodurch das Motivationssystem bei Betroffenen anders funktionieren kann.

Angst vor Abweisung
Ein häufiges Problem von ADHS-Betroffenen ist Zurückweisungsempfindlichkeit. Das bedeutet, dass man versucht, es allen recht zu machen und seine eigenen Bedürfnisse hintenanstellt.
Erklärung statt Ausrede: Warum eine ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter eine Chance ist
Auch wenn eine ADHS-Diagnose eine Antwort auf viele Alltagsprobleme gibt, ist es wichtig, dass sie nicht zur Ausrede wird und negative Auswirkungen vielleicht sogar verstärkt. Durch einen bewussten Umgang mit ADHS lassen sich nämlich viele Herausforderungen lösen und Lebensumstände so umgestalten, dass vorhandene Hürden und Probleme kleiner werden.
Während viele undiagnostizierte ADHS-Betroffene mit Selbstwertproblemen zu kämpfen haben, kann die Diagnose dabei helfen, eigene Stärken zu finden, Selbstvertrauen zu stärken und in Beziehungen und Job besser kommunizieren zu lernen. Die wichtigste Botschaft der Diagnose: Wer sein Leben lang gehört hat, er sei "einfach zu faul" oder "nicht gut genug" hat nun einen Ansatzpunkt, um Herausforderungen mit neuem Selbstvertrauen anzugehen.
Häufige Fragen zum Thema ADHS-Diagnose bei Erwachsenen
ADHS-Anzeichen treten bei Betroffenen in mindestens 4 der 7 Bereiche Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Affektlabilität, desorganisiertes Verhalten, Impulsivität, Affektkontrolle und emotionale Überreagibilität auf. Gleichzeitig zeigen sich in mehreren Bereichen des Lebens alltägliche Auswirkungen durch Symptome. Um sicher zu gehen, dass man betroffen ist, ist eine Diagnose durch Experten unumgänglich.
Wer eine ADHS-Diagnose hat, hat mehrere Möglichkeiten Hilfe zu bekommen. Neben verschreibungspflichtigen Medikamenten gibt es die Möglichkeit einer Verhaltenstherapie oder auch Selbsthilfegruppen. Langfristig “heilbar” ist ADHS nach aktuellem Erkenntnisstand allerdings nicht.
Viele Betroffene bezeichnen ihre ADHS als eine Art “Superkraft”, weil sie – gerade wenn man sich für eine Sache begeistert – auch positive Folgen haben kann. Menschen mit ADHS sind häufig extrem kreativ oder durch ihr “um die Ecke”-Denken besonders innovativ.





