Viele Männer gestehen sich viel zu spät ein, dass sie psychische Probleme haben. Rawpixel.com / Shutterstock.com

Darum verschweigen Männer psychische Probleme

Mentale Gesundheit 13 Gründe, warum Männer nicht über ihre psychischen Probleme reden

Viele Männer gestehen sich viel zu spät ein, dass sie psychische Probleme haben. Was Männer hindert, über Depressionen und Ängste zu reden. Und warum sie das aber unbedingt tun sollten

In diesem Artikel hier geht es ja nicht um dich, oder? Dir geht es gut. Klar! Eins sollte dir allerdings bewusst sein: Anzuerkennen, dass man sich generell um seine psychische Gesundheit kümmern muss, bedeutet nicht, dass mit dir was nicht in Ordnung ist. Ganz im Gegenteil. Genauso wie man regelmäßig ins Gym geht, um den Bizeps zu trainieren, sollte man auch den Geist stärken. Dies sind die Gründe, warum Männer nicht über ihre psychischen Probleme reden – und ebenso viele gute Argumente, warum sie es doch tun sollten.

1. Psycho-Problem? Hab ich doch nicht!

"Stell dir geistige Gesundheit als Verlauf vor. Niemand ist völlig frei von Problemen, aber keiner ist andererseits komplett irre", erklärt die renommierte US-Psychotherapeutin Amy Morin aus Enfield, Autorin des Buches 13 Dinge, die mental starke Menschen nicht tun. Die Expertin rät, sich um die Psyche ähnlich zu kümmern wie um körperliches Wohlbefinden. Zu warten, bis ein Problem dich total aus der Bahn wirft, ist eine deutlich schlechtere Strategie, als sich Rat einzuholen, sobald Symptome zum ersten Mal auftreten. Oder anders gesagt: Wenn du Zahnschmerzen hast, dann gehst du auch schnellstmöglich zu einem Arzt, um deine Zähne zu retten.

2. Das ist bei mir alles gar nicht so schlimm – ich komme schon alleine damit klar

Vielleicht. Aber wenn du es schon seit einiger Zeit versuchst, und es gelingt dir nicht so richtig, dann mach das, was du auch in anderen Situationen tun würdest: "Hol dir eine zweite Meinung. Denn eine objektive Einschätzung ist der Schlüssel dazu, eine andere Sichtweise auf dich selbst zu bekommen", sagt Expertin Morin. Sprich mit jemandem, dem du vertraust, oder ruf einen Therapeuten an. Letzterer hat viel Erfahrung und kann dir am effektivsten helfen.

3. Meine Probleme lassen sich ja doch nicht beheben

Das ist nicht der Punkt. Dein Gehirn ist keine kaputte Steckdose und dein Leben kein defektes Auto. Mach dir als Erstes bewusst, dass es nicht um eine Reparatur geht. Konzentriere dich stattdessen auf das, was du spürst, und überlege dir, welche Ursachen zu Grunde liegen könnten.

4. Ein psychisches Problem ist ein Zeichen von Schwäche

"Es gibt einen Unterschied zwischen entschlossenem Auftreten und tatsächlicher Stärke", sagt Psychologin Morin. "Es ist leicht, stark zu wirken, indem man vorgibt, keinerlei Probleme zu haben." Echte Kraft ist aber erforderlich, um sich vorhandene Schwierigkeiten einzugestehen und dagegen anzugehen. Eventuell hilft es dir, an jene Männer zu denken, die öffentlich über ihre psychischen Probleme gesprochen haben, wie etwa Ex-Fußballnationalspieler Per Mertesacker, Schwergewichts-Boxweltmeister Tyson Fury oder Filmstar Dwayne "The Rock" Johnson. Sind diese Männer etwa schwache Typen? Wohl kaum!

5. Meine Freunde sollen nicht denken, dass mit mir etwas nicht stimmt

Was wäre dann? Wenn sie wirklich deine Freunde sind – und nicht nur Leute, die du kennst –, dann werden sie dich nicht für mentale Probleme verurteilen oder für Schritte, die du unternimmst, um sie in den Griff zu bekommen. Deine Freunde werden dich unterstützen, genau wie du sie in vergleichbaren Situationen ebenfalls unterstützen würdest. Freunde stehen füreinander ein. Wenn sie das nicht tun, dann ist es wohl besser, neue Freunde zu finden.

6. Ich will nicht, dass ein Therapeut mich beurteilt

Ein Therapeut hat einen Blick für deinen Geist – wie ein Automechaniker für die Elektronik deines Wagens. Im Schnitt kommen jede Woche 15 Klienten zu ihm in die Praxis. Daher geht er die Sache routiniert und strukturiert an, und zwar rein professionell, nicht leidenschaftlich oder emotional. Alle deine Probleme sind für ihn normal.

7. Nach Sport oder einem Bier fühle ich mich schon besser

Beides kann für eine gewisse Zeit die Symptome einer Depression oder Angststörung lindern. "Aber keins von beiden kann deren Ursachen beheben", warnt der US-Psychiater Dr. Gregory Scott Brown aus Austin. Du musst nicht unbedingt dem Bier abschwören, um eine psychische Erkrankung in den Griff zu kriegen, aber es sollte dir klar sein, dass eine Stimmungsaufhellung mittels Hefeweizen auch nach hinten losgehen kann. Was Sport betrifft: Er senkt das Depressionsrisiko, aber eine Runde laufen führt nicht zu einer Heilung, wenn man bereits erkrankt ist. So startest du ganz einfach mit dem Lauftraining.

8. Womöglich nerve ich mit meinen Sorgen andere Leute

Hier ist noch ein weiterer Ansatz: Im Rahmen einer Befragung von mehr als 15.000 Männern gaben 34 Prozent an, dass sie sich wohler fühlen würden, über ein Thema wie Depressionen zu sprechen, wenn zuerst ein Freund über sein eigenes psychisches Wohlbefinden spräche. Das bedeutet, du kannst es auch so betrachten, dass du dem anderen dabei hilfst, über seine Probleme zu reden. "Depressionen und Angststörungen sind sehr verbreitet", sagt Psychiater Brown. "Wenn Männer anfangen, sich diesbezüglich gegenüber einem Freund zu öffnen, kann dieser meistens aus eigener Erfahrung etwas beitragen oder aber er kennt jemanden, der ebenfalls betroffen ist."

9. Mit meiner Partnerin kann ich reden das genügt mir

Das ist gut. Aber es hat auch seine Grenzen. "Manche Männer glauben, ein Gespräch mit der Partnerin könne eine Therapie ersetzen", so Psychotherapeutin Morin. "Einerseits ist es wichtig, über Gefühle sprechen zu können. Andererseits kann es die Beziehung belasten, täglich sein Leid zu klagen. Die Partnerin fühlt sich möglicherweise verpflichtet, die Person dauernd aufzumuntern oder zu beruhigen." Es ist okay, weiter mit ihr darüber zu reden, aber wird es nicht besser, braucht man Hilfe von außen.

Viele Männer scheuen sich immer noch, sich an einen Väter-Coach zu wenden
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Viele Männer scheuen sich immer noch, sich an einen Therapeuten zu wenden

10. Alte Geschichten bei einem Therapeuten aufzuwärmen, finde ich sehr unangenehm

Das ist wohl wahr. Aber so gesehen ist Psychotherapie nicht viel anders als Physiotherapie. Beides kann zu Beginn schmerzhaft sein, hilft aber dabei, sich langfristig besser zu fühlen. Beiß die Zähne zusammen und zieh es durch, wenn es sein muss! Es lohnt sich.

11. Aber jeder denkt doch von mir, ich hätte alles im Griff

Du machst dir Sorgen, dass man Risse in der Fassade sehen könnte? Vielen Männern ist es wichtig, einen souveränen Eindruck zu erwecken, egal wie miserabel sie sich tatsächlich fühlen. Es ist allerdings schwierig, beispielsweise gute Leistungen im Beruf abzuliefern, wenn man sich überhaupt nicht so fühlt. Wenn du alles im Griff haben willst, dann kannst du es dir schlichtweg nicht leisten, deine Psyche zu ignorieren. So bleibst du ruhig und vermeidest Panik in der Pandemie.

12. Ja, ich brauche Hilfe! Aber ich weiß nicht, welche Therapie die richtige ist

Der Psychotherapeut oder Arzt stellt fest, ob du ein Problem hast, das eine psychische Erkrankung darstellt. Das kann eine Angststörung, Depression, Essstörung, Persönlichkeitsstörung, Sucht oder Verhaltensstörung sein. Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten der Behandlung, sofern die Methode wissenschaftlich anerkannt ist – etwa bei Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie, Psychoanalyse, Systemischer Therapie oder EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing, deutsch: Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung). Nicht jede Therapie ist für alles geeignet. EMDR etwa wirkt speziell bei Posttraumatischer Belastungsstörung.

13. Okay, ich geb’s zu: Ich habe einfach nur Schiss

Das ist verständlich. Die wenigsten Männer gestehen sich gerne ein, dass sie Hilfe brauchen. Ob für dich die Zeit gekommen ist, kannst du gut an bestimmten Anzeichen feststellen. Wichtigster Indikator ist die Dauer des Problems. Fühlst du dich an einzelnen Tagen niedergeschlagen oder hast Angst, kommst du vermutlich noch alleine oder mit Hilfe von Freunden darüber hinweg. Hält der Zustand aber über 3 Monate an und kommen vielleicht auch noch körperliche Beschwerden dazu, für die der Arzt keine organische Ursache findet, solltest du einen Therapeuten kontaktieren.

Woran erkenne ich psychische Probleme?

Für Depressionen ist typisch, dass man sich ständig niedergeschlagen fühlt, aber auch dass man fast überhaupt kein Interesse mehr an Aktivitäten hat. Weitere Indikatoren, auf die du achten solltest, sind Schwierigkeiten beim Job. Hast du Probleme, deine Arbeit so zu erledigen, wie es normalerweise der Fall wäre? Fehlt dir jede Energie, Motivation und Konzentration? Wie ist es nachts? Leidest du unter Schlafmangel? Auch das Gegenteil ist möglich. Manche Betroffene schlafen zu viel. Es fällt ihnen schwer, überhaupt aus dem Bett zu kommen.

In vielen Fällen machen sich psychische Probleme auch durch Gereiztheit bemerkbar. Hast du oft eine kurze Zündschnur? Leidet deine Partnerin oder leiden deine Kinder schon darunter? Dann ist es höchste Zeit zu handeln!

Beachte, dass manche Ereignisse im Leben wie etwa eine Trennung oder ein Todesfall in der Familie dich ohne Weiteres deutlich länger als 3 Monate beschäftigen können. Es kann Jahre dauern, bis man darüber hinwegkommt, und eine Therapie kann unterstützend die Leidenszeit verkürzen.

Oft hilft es, mit Menschen zu reden. Aber es kann passieren, dass Gespräche mit Freunden dir nicht weiterhelfen oder du keinen zum Reden hast. Dann ruf bei einem Therapeuten an! Hilfreich dabei ist die Website des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen mit einer detaillierten Suchfunktion für Therapeuten in deinem Umkreis. Findest du keinen Therapeuten, vermittelt dir die Termin-Servicestelle der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ein Erstgespräch innerhalb von 4 Wochen. Ruf einfach 116 117 an. Zum Beispiel jetzt!

Jeder 8. Mann ist im Laufe seines Lebens von Depressionen betroffen.
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