Aufklärung bei Jungen: So machst du es richtig

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Sex, setzen! Ein Aufklärungsgespräch muss nicht immer todernst ablaufen. Ganz im Gegenteil © shutterstock.com / Evgeny Atamanenko

Aufklärung für Jungen Reden wir mit unseren Söhnen zu wenig über Sex?

Mit Mädchen sprechen wir schon früh über den weiblichen Zyklus und über Verhütungsmethoden. Und mit Jungen? Da halten viele ein klärendes Gespräch über Geschlechtsorgane und Sexpraktiken oft für unnötig. Höchste Zeit über Aufklärung aufzuklären

Let's talk about sex! "Aufklärung wird bei Jungen sträflich vernachlässigt", sagt Christiane Kolb. Die Hamburgerin muss es wissen: Die zweifache Mutter ist studierte Sexualwissenschaftlerin und hat gerade ein Buch geschrieben mit dem Titel "Aufklärung von Anfang an. Mit Kindern über Körper, Gefühle und Sexualität sprechen" Es ist für Eltern von Kindern bis 10 Jahren gedacht und voll mit Wissen zur altersgemäßen Entwicklung sowie Tipps, wie Aufklärung einfacher geht. Ihre These oben erklärt die Autorin im Dirty Talk unten.

Sind Jungen wirklich schlechter aufgeklärt als Mädchen?

"Ja, das zeigt sich in Studien bei Schulkindern und noch mehr bei Jugendlichen. Dabei würde ich sagen, eigentlich haben kleine Jungen bei der Aufklärung bezüglich des eigenen Körpers erst einmal einen Vorsprung. Denn der Umgang mit dem Genital und den Penis beim Namen zu nennen, läuft für sie in den ersten Jahren selbstverständlicher als bei Mädchen und der Vulva. Da tun sich viele schwer, konkret zu werden. Dabei sollten doch beide die Biologie ihres Geschlechts kennen. Keine Scheu also beim Benennen."

Woran hakt es später in der Sexualität?

"Jungen wird beim Größerwerden oft weder genügend zur biologisch-funktionalen Seite noch emotionales Wissen zu Lust und Liebe vermittelt. Ab etwa 13 bis 14 Jahren beziehen sie Halbwissen aus Pornos, als vermeintliche Vorbilder, wie Sex gelebt wird. Anekdotisch kann ich hinzufügen: In meinen Workshops für Jugendliche beschweren sich die Mädchen manchmal, dass die Jungs keine Ahnung von den Tagen und Körperdetails haben. Ich denke, Jungen können ein paar Anstöße gebrauchen, um die verwirrende Welt von Körper und Liebe besser zu verstehen."

Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang die Väter?

"Ganz einfach: Wenn Papa nichts sagt, bleibt dem Kind eine Hälfte der Weltsicht auf Beziehung und Intimität verborgen. Das ist schade. Außerdem ist sogar verschämtes Schweigen vielsagend, denn es macht vor: Darüber kann man nicht sprechen. Väter sind das direkte Vorbild für Söhne.

Hier ein paar Zahlen dazu: In einer aktuellen Studie der Hochschule Merseburg wurden 16- bis 18-Jährige gefragt, wer zu ihrer Aufklärung beigetragen hätte. Bei den Mädchen nannten 42 Prozent die Mutter und 12 Prozent den Vater. Bei den männlichen Jugendlichen nannten 20 Prozent die Mutter und 19 Prozent den Vater. Das halte ich für eine echt krasse Lücke.

Sie transportiert ein antiquiertes Männerbild: Fußball guckt man mit Papa, das Emotionale bleibt unter den Frauen. Ich glaube aber auch, dass sich gerade viel tut: Väter sind heute näher dran am Aufwachsen der Kinder. Ich denke, die Zahlen werden anders ausfallen, wenn man die Umfrage in etwa zehn Jahren mit unseren Kindern wiederholen würde. Hoffentlich! Da geht noch was."

Wann ist der richtige Zeitpunkt für das Aufklärungsgespräch?

"Oh, noch so ein Ding: Ich halte die Vorstellung, dass Aufklärung ein großes Gespräch vor der Pubertät sein soll, für falsch. Warum? Ganz einfach, weil es in der Sexualität um mehr geht als die Fakten rund um "Penis-in-Scheide" oder Verhütungswissen. Es geht auch um Körperbilder und -akzeptanz, um Respekt und Grenzen im intimen Umgang, Liebesbeziehungen, Identität im Geschlecht, sexuelle Vielfalt. Also braucht es laufend eine Einordnung, auf dem Niveau, das unser Kind gerade versteht und interessiert.

Wenn man das Erklären bis an die Pubertät schiebt, kommt man außerdem zu spät. Mit 14, 15 oder 16 Jahren ist es Jugendlichen zu peinlich, mit den Eltern offen zu sprechen. Neugierig und in der Lage, vieles zu verstehen, sind Schulkinder vor der Pubertät, ab der 3. Klasse – zum Beispiel auf Themen wie Empfängnis und Geburt, das Problem mit festen Geschlechtsrollen und die körperliche Entwicklung."

Christiane Kolb
Buchautorin Christiane Kolb
© PR (Dirk Uhlenbrock)

Ab welchem Alter sollte man mit Kindern über Themen wie Geschlechtsteile und Sex reden?

"Meine Vorstellung von Aufklärung ist die eines Mosaiks, zu dem wir Stein für Stein fügen. Das Bild ist erst ganz grob, Kuscheln, im Bauch wächst ein Kind. Dann wird es Jahr um Jahr detailreicher, zu allen Aspekten von Liebe, wie gesagt, Körper, Nähe, Beziehungsformen, Identitäten.

Ich würde sagen: Grundlagen dazu legt man ab Geburt. Wie man Körperbewusstsein prägt. Wie man das Kind Grenzen setzen lässt und selbst welche setzt, Stichwort nackt im Bad, Stichwort Tür zu, Stichwort, du musst der Oma kein Küsschen geben, wenn du dich gerade nicht danach fühlst.

Darum heißt mein Buch übrigens auch "Aufklärung von Anfang an". Nicht weil es früh um erwachsenen Sex gehen soll, sondern weil es Bewusstsein wecken will für die vielen kleine Sätze, Blicke, die Gefühle, Nähe, Normen und Grenzen, die unser Kind prägen."

Was prägt denn die Sexualität zum Beispiel?

"Mit wachsendem Bewusstsein schnappen Kinder viel auf rund um das Thema Sexualität – zu Hause im Bad, in der Umkleide im Schwimmbad, wenn sie Paare knutschen sehen, im Netz und in TV-Serien, wo diverse Familienformen und queere Identität vorkommen. Schon Kitakinder hören mit, wenn sich das Erwachsenengespräch um Geburt oder Scheidung dreht. Je nach Alter sind da einige Dinge erklärungsbedürftig. Wo wir so gerne die Welt erklären, sollten wir eben auch da Schritt halten und ab und zu altersgerechte Sätze rund um Lust und Liebe raushauen."

Und wenn einem Gespräche über Sex peinlich sind?

"Das ist verständlich. Es geht vielen so – das liegt in der Natur der Sache. Ich sehe zwei Gründe: Zuerst haben nur wenige von uns in der eigenen Kindheit gelernt, über intime Dinge zu sprechen, Männer meist noch weniger als Frauen. Was kein guter Grund ist, so weiterzumachen.

Und dann, mal ehrlich: Das Thema Sexualität ist wahnsinnig persönlich. Selbst wenn wir uns für cool und aufgeklärt halten, macht uns manche Kinderfrage nackig. Warum? Weil in der Antwort unsere ureigene Haltung zum Ausdruck kommt: Was denken wir denn von Penis und Vulva, wie reden wir über Geschlechtsverkehr und die Geschlechterrollen? Am Ende schlussfolgert der Junior oder die neugierige Kleine noch: "Also, das macht ihr auch?". Ähm: Ja."

Was kann man tun, wenn man mal verlegen ist?

"Erst mal akzeptieren, dass es so ist. Papa hat komische Gefühle und mal keine Instant-Antwort. Aber auch das kann man erklären. Dabei lernt das Kind oft mehr als mit einer smarten Replik – nämlich, dass Sexualität ein schönes, aber manchmal kompliziertes Thema ist. Eines, bei dem es um ganz viel geht: um den eigenen Körper, Liebe, Identität, das ganze Sein, auch Gefahren. Eines, bei dem man gut acht geben muss auf eigene und fremde Gefühle. Auf Sicherheit und Grenzen. Und noch einen Aspekt sollten wir nicht vergessen: Es geht um das Ausdrücken von Liebe und guten Gefühlen – unter Erwachsenen. Also nur Mut, ab und zu mal raus mit der Sprache."

Wann sollte man welche Themen der Sexualität ansprechen?

"Einen festen Fahrplan gibt es nicht. Guckt einfach, was das Kind beschäftigt: erst der Körper. Dann der Umgang mit Nähe und Grenzen. Was kommt gerade in Büchern und Filmen vor, im Umfeld? Wie reden wir über Väter und Mütter, mehr Geschlechter? Was gibt’s für Körperbilder? Müssen Mädchen schön sein? Jungen stark?

Guckt euch private Situationen an: Wie geht ihr mit Nacktheit im Bad um? Ich zum Beispiel habe mich irgendwann gefragt: Sollen Mädchen einen Penis erst beim "Ersten Mal" sehen oder im Porno? Beiläufige Nacktheit kann etwas beitragen zum Wissen. Auch Scham kann man prima thematisieren, wenn sie aufkommt: Das Gefühl ist nicht nur schlecht, es dient auch unserem Schutz.

Unter Eltern rate ich, sich mal auszutauschen, etwa dazu, wie sie zu den Genitalien sagen. Das kann übrigens ganz nebenbei eine echt interessante Sex-Unterhaltung werden. Ach, das denkst du? Das wären deine Worte? Und das meine. Ist ja interessant. Das Reden vereinfachen können übrigens auch Bilderbücher zu Körper, Körperbild, Gefühlen und Familie werden."

Fazit: Nur keine Hemmungen

Aufklärung ist wichtig, für Jungen wie für Mädchen, denn gut aufgeklärte Kinder haben einen echten Wissensvorsprung auf dem Schulhof, bekommen mehr Sicherheit beim Setzen intimer Grenzen und entwickeln eine gute Haltung zum eigenen Körper. "Wenn dabei Hemmungen vonseiten des Vaters bestehen, sollte man die ruhig ernst nehmen – und hinterfragen, warum sie da sind", sagt Expertin Christiane Kolb. Ist das eigene Scham? Unsicherheit? Sorge ums Kind? Statt sich darauf zurückzuziehen, sollten Väter überlegen: Was wäre jetzt gut für mein Kind? Was für eine Antwort oder Reaktion hätte mir weitergeholfen, als Kind? Kolb: "Indem Väter ab und zu etwas dazu sagen, zeigen sie, dass sie gute Gesprächspartner sind, auch für persönliche und komplizierte Themen."

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