Schimpfen: So erziehst du deine Kinder gelassener

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Stressfreie Erziehung So erziehst du deine Kinder ohne Schimpfen

Die Kinder nicht anschnauzen – das wollen viele Väter. Aber wie genau funktioniert's, verdammt nochmal? Wir erklären, wie du auch in stressigen Situationen gelassen bleibst

"Schimpfen funktioniert nicht" – da ist sich Bestseller-Autorin Nicola Schmidt aus Bonn sicher: Daher hat sie vor einiger Zeit einen Ratgeber mit dem Titel "Erziehen ohne Schimpfen: Alltagsstrategien für eine artgerechte Erziehung" veröffentlicht. Hierin erklärt die Gründerin des Projekts Artgerecht, warum Schimpfen weder für den Erwachsenen noch für das Kind gut ist. Zudem verrät sie, wie im Alltag auf Schimpfen verzichtet werden kann und welche Alternativen sich zum Schimpfen anbieten. Uns hat sie die wichtigen Fragen zum Thema beantwortet.

Was ist Schimpfen überhaupt?

Im Grunde kennen alle die Antwort auf diese Frage. Aber der Begriff "Schimpfen" kann aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. In der Umgangssprache ist mit Schimpfen ein häufig auftretendes Sozialverhalten gemeint, das durch Ärger und Wut hervorgerufen wird. In der Verhaltensbiologie wird unter Schimpfen eine Form des Drohverhaltens verstanden. Aus pädagogischer Sicht handelt es sich um einen Tadel, eine Rüge oder einen Verweis, der das Kind in seiner Würde herabsetzt. Expertin Schmidt, selbst Mutter von zwei Kindern, spricht in diesem Zusammenhang von einer Erniedrigung des Kindes. Etwas, das viele sicher auch noch gut aus ihrer eigenen Kindheit kennen...

Warum schimpfen Eltern?

Nach einer Schimpftirade ist die Laune sowohl beim Kind als auch beim Vater im Keller. Das negative Gefühl danach hält lange an und die Eltern fühlen sich nachhaltig schlecht. Warum dann überhaupt schimpfen?

Stress ist der wesentliche Auslöser, warum mit dem Schimpfen begonnen wird. Bei anhaltendem Stress wird es deutlich schwieriger, sich zu beruhigen. Schmidt weiß: "Unter Stress sind wir weniger mitfühlend, weniger verständnisvoll und weniger entspannt – und schimpfen eher, als dem Kind zu helfen." Die Stressreaktion geht hauptsächlich von unserem Gehirnareal aus. Dieser Teil des Gehirns wird Mandelkern oder auch Amygdala genannt. Er arbeitet losgelöst vom Verstand und umgeht diesen gewissermaßen als natürliche Reaktion. Unter Stress und Zeitdruck handeln wir demnach "ohne Sinn und Verstand" – wie es der Volksmund richtig sagt.

Der zweite Treiber, der das Schimpfen befördert, ist Scham. Dabei handelt es sich zumeist um einen unterbewussten Vorgang. "Wenn unsere Kinder sich schlecht benehmen, schämen wir uns." Was könnte beispielsweise die Frau an der Supermarktkasse denken, die so genervt schaut? Glaubt sie etwa, dass wir unser Kind nicht im Griff haben? Schmidt führt aus: "Wenn wir dann mit unserem Kind schimpfen, wird das Gefühl nur schlimmer. Wir schämen uns noch mehr, diesmal für unser Verhalten."

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Wie nehmen Kinder Schimpfen wahr?

Wer ständig an seinem Kind herummeckert, der schadet ihm langfristig. "Denn wenn Menschen als Kinder häufig kritisiert werden, wenn sie das Gefühl bekommen nichts richtig zu machen, wenn sie immer wieder als Person herabgesetzt oder verletzt werden, dann entstehen beschämte Kinder", erläutert Schmidt. Die Kleinen fühlen sich gedemütigt und niedergemacht. Schuldgefühle und Scham sind die Folge. Doch auch Trauer, Schmerz, Angst und Distanz können auf Seiten der Kinder entstehen. Durch das Schimpfen wird ihnen das Gefühl vermittelt, dass irgendetwas mit ihnen nicht stimmt und sie entwickeln Selbstzweifel. Die Expertin mahnt: "Wenn wir Kinder anschreien, dann ist das keine Bagatelle." Sie führt weiter aus: "Das Kind bekommt Angst, kann sich nicht wehren und ist völlig ohnmächtig." Mit Blick auf Jugendliche gibt Schmidt außerdem folgendes zu bedenken: "Besonders in der Pubertät betrachten unsere Kinder offenbar scharfe Angriffe nicht als Zurechtweisung oder Maßregelung, sondern als einen Angriff auf ihr Selbstwertgefühl."

Warum ist Schimpfen schädlich?

Schimpfen hat höchstwahrscheinlich für den Vater nur einen kurzfristigen Effekt. Der Streit oder die Verhaltensweise löst sich durch das Tadeln nicht auf. Vielmehr wird das Kind dazu erzogen, aus Furcht vor der Strafe zu lügen. Schmidt gibt zu bedenken: "Wir bringen ihnen bei, dass man kleinere Menschen maßregelt, und zementieren so das Recht des Stärkeren. Wenn wir sehr laut, sehr heftig oder sehr verletzend mit den Kindern schimpfen, erreichen wir einen ähnlichen Effekt, als wenn wir sie körperlich züchtigen würden – mit allen negativen Folgen."

Studien habe zudem ergeben, dass bei Jugendlichen, die angeschrien, beschimpft oder verspottet werden, die Anzahl von Verhaltensproblemen und das Auftreten von depressiven Symptomen steigt. Bemerkenswert ist der Befund, dass diese Effekte sogar dann auftreten, wenn die Eltern ansonst warmherzig mit den Kindern umgehen. Dies zeigt, dass Schimpfen nicht einfach rückgängig gemacht werden kann, sondern bleibende Schäden hinterlässt. Schmidt bestätigt: "Wir riskieren mit unseren Ausrastern,, den Kindern langfristig Schaden zuzufügen." So könnten frühe Traumata das Stresshormonsystem auf Dauer fehlregulieren und die Anfälligkeit für psychische Störungen erhöhen. "Die Folgen werden oft später sichtbar," mahnt die Expertin. Und sollten das nicht schon genug Anreize sein, das Schimpfen zu lassen, so liefert Schmidt noch einen weiteren zentralen Vorteil: "Ohne Schimpfen können Kinder besser lernen. Sie werden kreativer, sozialer und offener – kurz: Sie können zu dem Menschen werden, der in ihnen schlummert." Die Expertin ist sich sicher: "Wenn wir starke, freie bindungsfähige Menschen wollen, dann geht das am besten ohne Schimpfen." Und weiter: "Aus Studien wissen wir, dass Kinder, deren Eltern friedliche Konfliktlösungen vorleben, diese Mechanismen später sogar in ihren Umgang mit Gleichaltrigen übernehmen."

Wie kann ich im Alltag auf Schimpfen verzichten?

Schmidt weiß: "Wenn wir schimpfen oder meckern, kann das im Moment gut funktionieren. Aber langfristig graben wir uns damit eine Grube, aus der wir nur sehr schwer wieder herauskommen“. Daher rät sie: "Es hilft nichts: Wir müssen an uns arbeiten! Wir müssen und können neue Wege und Denkweisen üben und gewisse feste Verschaltungen in unserem Gehirn anders einstellen." Schmidt verrät drei Regeln, wie im Alltag auf Schimpfen verzichtet werden kann.

Regel Nummer 1: Ruhig bleiben! Wenn wir selbst nicht die Ruhe bewahren, wie ist es dann möglich, den Menschen gegenüber zu beruhigen? Wut ist nie ein guter Begleiter. Oftmals ist die Situation zwar lästig, aber auch kein Weltuntergang. Weder das Kind noch der Vater haben etwas davon, wenn überreagiert wird.

Regel Nummer 2: Als zweiten Schritt rät Schmidt in Kontakt zu bleiben: "Empathie muss erlernt werden – und Kinder lernen es von ihren Eltern. Wir spiegeln also die Situation des Kindes." Die Expertin spricht sich für aufrichtige Anteilnahme und Mitgefühl aus.

Regel Nummer 3: Zudem empfiehlt die Expertin, dem Kind "Alternativen statt Zurechtweisung und Wiedergutmachung statt Strafe" anzubieten. Konkrete Anweisungen statt Beschämung können hilfreich sein, um auf das Schimpfen im Alltag zu verzichten.

Welche Alternativen bieten sich noch an?

Neben den drei Regeln bestehen aber auch noch weitere Möglichkeiten, wie im Alltag auf Schimpfen verzichtet werden kann. Achtsamkeit und Gelassenheit spielen dabei eine zentrale Rolle. Ein Weg hin zu mehr Gelassenheit im Alltag ist, sich bewusst Pausen einzuräumen und den Tag zu strukturieren. Dr. Carla Naumburg, erfolgreiche US-Autorin mehrerer Elternratgeber aus Boston und selbst Mutter, empfiehlt in ihrem Ratgeber "Ausgemotzt: Wie Sie es schaffen, Ihr Kind ohne Schimpfen ohne Schreien zu erziehen" folgendes: den eigenen Terminplan neu ordnen und dafür sorgen, dass weniger Verpflichtungen im Alltag bestehen. Was ist wichtig und worauf kann verzichtet werden? Sie gibt zu bedenken, dass eine große Auswahl von Möglichkeiten nicht immer hilfreich ist: "Stress und Durcheinander in unserem Leben können auch dadurch entstehen, dass wir zu viele Optionen haben und zu viele Entscheidungen treffen müssen." Entrümpeln lautet daher das Zauberwort. Dies bezieht sie nicht nur auf das eigene physische Umfeld, wie die Wohnung, sondern insbesondere auch auf die Psyche. Sie rät: "Wenn die Aufgaben und Verpflichtungen über den Kopf wachsen, ist es wichtig, nein zu sagen." Der Kopf braucht Erholungspausen und auch die Gedanken vertragen eine Entrümpelung.

Ein weiterer Tipp, um gelassen und stressfrei den Alltag meistern zu können, ist Bewegung. Naumburg schlägt ausgiebiges Dehnen vor, betont aber gleichzeitig, dass Bewegung Spaß machen soll. Spazieren gehen kann eine gute Möglichkeit sein, um den Kopf freizubekommen. Bewegung im Allgemeinen senkt die Spiegel der Stresshormone und hebt zugleich jene Spiegel der Neurotransmitter an, die Schmerzen lindern und Heilungsprozesse fördern. Naumburgs Gleichung lautet: "Weniger Stress + weniger Schmerzen = weniger Ausraster". Natürlich kannst du dein Sportprogramm auch mit einem weiteren Ziel verknüpfen, zum Beispiel abzunehmen. Lust ein paar Kilos zu verlieren? Dann geht’s hier zum Trainingsplan, der dem Dad Bod den Kampf ansagt:

Zudem können Atemtechniken und Meditationsübungen zu mehr Achtsamkeit beitragen. Bewusstes Wahrnehmen und Innehalten sind auf diese Weise möglich.

Podcast-Tipp: Expertin Nicola Schmidt war auch schon mal Gast bei den "Echten Papas", hier geht's zu dem Gespräch:

Wie setze ich meine Regeln ohne zu schimpfen durch?

Um Regeln kindgerecht zu vermitteln, bedarf es einer Kommunikation auf Augenhöhe. Der wichtigste Grundsatz dabei ist es, den Kindern persönliche Informationen zu geben anstatt allgemeine Regeln. Schmidt rät deshalb: "Was immer unser Motiv ist – verstecken wir uns nicht hinter einem vermeintlich objektiven man. Sagen wir stattdessen, was ist, nämlich: ich". Hilfreich ist es auch, mit dem Kind Kompromisse einzugehen. Häufig zeigen sich Kinder kooperativ, wenn ihnen vermittelt wird, dass sie in ihrem Wunsch verstanden werden. Daher sollten "Nein!-Doch!“-Konversationen vermieden werden. Viel sinnvoller ist es mit einem "Ja, ich höre dich“ zu reagieren und dann ein Entgegenkommen vorzuschlagen.

"In der Erziehung andere Wege gehen und nie wieder schimpfen" – es lohnt sich, diese Vorsätze von Expertin Nicola Schmidt zu beherzigen. Denn das Gemecker ist für keinen Beteiligten schön. Deshalb in stressigen Situationen immer die Ruhe bewahren und durchatmen. Und notfalls diesen Artikel noch einmal lesen, verdammt noch mal!

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