Handy, Social Media und Co: Wie begleite ich mein Kind durchs digitale Zeitalter?

Social-Media-Debatte
Wie begleite ich mein Kind durchs digitale Zeitalter?

Inhalt von
ArtikeldatumVeröffentlicht am 22.07.2026
Als Favorit speichern
Ein verzweifelter Vater hat ein kleines Kind mit Handy auf dem Schoss
Foto: Getty Images / DjelicS

Die aktuellen Debatten um Social-Media-Verbote oder strengere Smartphone-Regeln werden mit großer Leidenschaft geführt. Schulen sollen handyfreie Zonen werden und Kinder von sozialen Netzwerken ferngehalten werden. Doch eine Frage wird oft übersehen: Wie werden Eltern eigentlich zu digitalen Begleitern ihrer Kinder? Im Interview mit Men's Heath Dad erklärt die Social-Media-Trainerin und Buchautorin Silke Müller, wie es funktionieren kann.

In den öffentlichen Debatten sprechen wir über die Gefahren von Social Media für Kinder und über Handyverbote an Schulen - aber was ist mit der Rolle der Eltern?

Das Elternhaus wäre eigentlich ein zentraler Ort für Medienerziehung und Medienbegleitung. Gleichzeitig herrscht auch bei uns Erwachsenen eine große Unsicherheit darüber, wie wir uns medienkompetent durch die digitale Welt bewegen sollen. Statt einer konstruktiven Debatte darüber schieben sich alle gegenseitig die Verantwortung zu. Schule müsste, Politik müsste, die Eltern müssten. Dabei gibt es eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung in Sachen Medienkompetenz. Und es ist eben nicht damit getan, dass ich ein paar Einstellungen am Smartphone ändere, mich danach entspannt zurücklehne und die Kinder machen lasse.

Statt medienpädagogische Angebote auszubauen, werden im Moment vor allem Verbote gefordert. Was halten Sie von diesem Ansatz?

Konstruktive Lösungen und Fakten spielen in der hoch emotionalen Debatte leider eine immer kleinere Rolle. Ich glaube schon, dass wir eine normative Orientierung brauchen, also ab wann ist man reif genug, unbegleitet auf Social Media unterwegs zu sein? Auf dem Weg dorthin müssen wir Kindern die nötigen Kompetenzen vermitteln. Ein reines Verbot verschiebt das Problem, es löst es nicht. Ich vergleiche das gerne mit dem Alkoholverbot. Es gibt ein Gesetz, das Kindern und Jugendlichen Alkohol verbietet. Trotzdem trinken Jugendliche irgendwann Alkohol. Das ist erstmal auch in Ordnung, solange ihnen bewusst ist, welche Gefahren es gibt und wie maßvoller Konsum aussehen sollte. Das lässt sich auf Social Media übertragen: Altersgrenzen ja, aber viel wichtiger ist die medienpädagogische Aufklärungsarbeit, am besten schon in der Grundschule.

Man erlebt bei vielen Eltern eine große Unwissenheit darüber, wie die digitale Lebenswelt der Kinder eigentlich aussieht. Wie wichtig ist es also, selbst einmal in diese Welten einzutauchen und sich zu fragen, was das Kind an einem bestimmten YouTuber oder neuen Mobile-Game so toll findet?

Ich halte das für sehr wichtig. Ich höre bei Vorträgen oft von Eltern, dass sie nicht wissen, wovon ihre Kinder reden oder was sie im digitalen Raum konsumieren. Das finde ich sehr schade. Auch wir Erwachsenen sollten uns fragen, was die aktuellen Trends, Challenges oder viralen Inhalte sind. Klar können wir Bildschirmzeit regulieren und Seiten sperren. Aber das reicht nicht. Ich muss mit meinen Kindern im Gespräch bleiben, was sie gerade interessiert. Dieses ehrliche Interesse an ihrer Lebenswelt schafft im besten Fall eine Vertrauensbasis für Momente, in denen sie mit bedenklichen Inhalten, Hass oder sogar Cyber-Grooming in Kontakt geraten. Wenn Kinder und Jugendliche oft erleben, wie negativ und abwertend Eltern über digitale Inhalte und damit über die eigene Lebenswelt sprechen, werden sie auch nicht kommen, wenn sie auf verstörende Dinge stoßen.

Social-Media-Trainerin und Buchautorin Silke Müller
PR

Wie bleiben denn Elternteile digital informiert?

Nur weil ich selbst bei Instagram oder TikTok bin, kenne ich die Welt meines Kindes nicht. Die beste Quelle sind natürlich die Kinder selbst. Ich höre ihnen zu, suche aktiv das Gespräch und lasse mir ihre Lieblings-YouTuber oder Games erklären, mit offenem Visier und ohne strenge Wertung. Darüber hinaus wäre es toll, wenn Eltern sich auf Seiten wie Klicksafe oder über medienpädagogische Podcasts selbstständig informieren würden. Wir haben selbst das Angebot socialmediasprechstunde.de gegründet, wo man Push-Informationen über neue Trends und Challenges bekommt. Allerdings können solche freiwilligen Informationsangebote nur ein Teil der Lösung sein.

Wie könnten andere Lösungsansätze aussehen?

Leider kommen viele der verfügbaren Informationen nicht bei den Erwachsenen an. Deshalb brauchen wir mehr Anstrengungen. Es könnte zum Beispiel eine Taskforce beim Kultusministerium geben, die aktiv wird, wenn eine neue besorgniserregende Internet-Challenge auftaucht, und die Schulen mit Materialien versorgt. Ein sehr unterschätzter Hebel sind Arbeitgeber. Wenn eine Firma zweimal im Jahr eine verpflichtende Fortbildung zu Social Media anbietet, erreicht man Eltern, die sich freiwillig nie damit beschäftigt hätten. Ich habe unlängst einen solchen Vortrag bei einer Krankenkasse gehalten. Am Ende sagten die, krass, das sind ja alles Kosten, die auf uns zukommen, wenn diese Kinder alle in die Therapie gehen. Nach dieser Erkenntnis wollten sie sich stärker für Medienpädagogik engagieren.

Leider haben solche konstruktiven Ideen in der öffentlichen Debatte kaum eine Chance. Reden wir zu alarmistisch über die digitale Welt?

Ich glaube, wir sollten die negativen Seiten der digitalen Welt keinesfalls beschönigen. Trotzdem ist mir die aktuelle Debatte oft zu negativ, und das kann gefährlich sein. Wenn Kinder erleben, wie negativ die Eltern über digitale Inhalte und damit über die eigene Lebenswelt sprechen, schafft das nicht gerade die nötige Vertrauensbasis. Social Media kann kreativ sein, Menschen verbinden, generationsübergreifend wirken. Das sollte in der Debatte viel mehr Platz bekommen. Wenn Kinder lieber schweigen, weil sie Angst vor Konsequenzen haben, ist niemandem geholfen. Gleichzeitig gibt es natürlich echte Gefahren. Wenn es um Pädokriminalität geht, ist Alarm berechtigt und dringend. Das ist vielen Eltern überhaupt nicht bewusst.

Podcast-Tipp: Das Thema Handy-Sucht des Kindes haben wir auch schon einmal in unserem Papa-Podcast besprochen, hier geht's zum Gespräch:

Empfohlener redaktioneller Inhalt
Icon spotify

Das Schlimmste wäre also, dass das Kind gar nicht mehr kommt.

Wenn ein Zehnjähriger ein verstörendes Video sieht und denkt, zu meinen Eltern gehe ich nicht hin, weil ich sowieso nur Ärger bekomme und mir das Smartphone weggenommen wird, ist das die eigentliche Katastrophe. An meiner alten Schule haben wir schon 2019 eine Social-Media-Sprechstunde ins Leben gerufen, nicht für technische Fragen, sondern damit Kinder über Erlebnisse im Netz reden konnten, die sie den Eltern kaum erzählt hätten. Die häufigsten Fälle waren keine Cybermobbing-Fälle, die wurden auch so offen angesprochen. Stattdessen hatten wir immer wieder Fälle, in denen Schülerinnen berichteten, dass eine Freundin mit einem älteren Typen chattet. Das waren Cyber-Grooming-Situationen.

Wie bleibt man dann Vertrauensperson?

Der entscheidende Satz lautet: Ich nehme dir das Smartphone nicht weg, egal was passiert. Wir schlafen eine Nacht drüber und finden gemeinsam eine Lösung. Du musst nicht allein durch. Dieser Satz kann gar nicht oft genug fallen. Dazu gehört auch die Frage: Mit wem würdest du eigentlich reden, wenn etwas ist? Wer sind deine Vertrauenspersonen? Das kann der beste Freund sein, die Mutter der besten Freundin, ein Schulsozialarbeiter, gerade in Zeiten, in denen man die eigenen Eltern einfach doof findet. Wir sollten Kinder außerdem darin bestärken, auch auf die Mitschülerinnen und Mitschüler zu schauen und sich anzuvertrauen, wenn sie das Gefühl haben, da läuft gerade etwas schief.

Eltern sollten also nicht nur in schwierigen Momenten ansprechbar sein, sondern sich auch im Alltag für die digitale Lebenswelt ihrer Kinder interessieren. Sollte man also Games ausprobieren, auf TikTok sein oder beliebte YouTuber schauen?

Ich rate auf Vorträgen immer, wenn Sie Ihrem Kind ein Online-Game freigeben, spielen Sie es bitte selbst mal eine Woche. Nicht weil die Kinder das unbedingt cool finden, sondern weil man dann weiß, was da abgeht. Man kann auch mal zusammen YouTube-Clips schauen, einfach um zu sehen, was gerade so läuft. Kinder finden es übrigens sehr cool, wenn sie in die Beraterrolle schlüpfen dürfen. Wenn man zugibt: Ich habe da keine Ahnung, erklär mir das mal. Das schafft echte Verbindung. Und es gibt mir bessere Argumente, wenn ich eine Grenze ziehen möchte.

Grenzen ziehen? Inwiefern?

Wir sollten unsere Grenzen und Verbote deutlich erklären. Ich möchte nicht, dass du Roblox spielst, weil du dort nicht sicher vor Menschen bist, die Kindern nachstellen, oder weil es dort Inhalte gibt, die nicht für junge Spielerinnen und Spieler geeignet sind. Das ist ein stärkeres Argument als ein simples Nein. Und genauso wichtig ist es, Alternativen zu schaffen, vielleicht durch ein Spiel, das ich erlaube und das wir gemeinsam ausprobieren.

Viele Eltern, die lautstark gegen Social Media sind, sitzen selbst abends auf dem Sofa und scrollen. Wie wichtig ist es, selbst ein gutes Vorbild zu sein?

Ich bezeichne mich selbst als medienabhängig. Ich komme ohne Handy nicht aus dem Haus. Meine Bildschirmzeit liegt selten unter sechs Stunden. Ich habe das neulich auf einer Fortbildung laut gesagt und einer der Teilnehmer hat gesagt: Gott sei Dank, dass Sie das zugeben. Man denkt immer, nur man selbst macht alles falsch. Und das ist der Punkt: Wir unterliegen alle diesen Systemen. Umso wichtiger ist es, mit gutem Vorbild voranzugehen und das eigene Mediennutzungsverhalten zu überdenken. Deshalb bin ich ein großer Fan von Mediennutzungsverträgen, die für die ganze Familie gelten. Wir könnten alle die Smartphones vom Esstisch verbannen oder alle Geräte nachts auf einer Ladestation lassen. So können wir den Kindern zeigen: Das Smartphone ist ein wichtiger Gegenstand, mit dem man arbeiten und in Verbindung bleiben kann. Aber es muss Zeiten geben, in denen man es bewusst weglegt. Wir alle, egal ob groß oder klein.

Fazit