Vererbte Emotionen: Wie Erziehung über Generationen weitergegeben wird

Selbstreflektion
Bin ich jetzt schon wie mein Vater?

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ArtikeldatumVeröffentlicht am 15.07.2026
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Ein älterer und ein jüngerer Mann stehen vor einer Mauer und tragen beide eine ähnliche Schirmmütze
Foto: Getty Images / Westend61

Wie hat mich meine Erziehung geprägt? Welche Spuren hat sie hinterlassen? Und was gebe ich von meinen Erfahrungen unbemerkt an meine Kinder weiter? Diesen Fragen ist der Psychoanalytiker Jakob Müller, gemeinsam mit seiner Frau Cécile Loetz, ebenfalls Psychoanalytikerin, in dem Buch "Jetzt bin ich schon wie meine Eltern" nachgegangen. Im Interview mit Men's Health Dad spricht er über prägende Eltern, vererbte Emotionen und Erziehung, die über Generationen weitergegeben wird.

Wann haben Sie zum ersten Mal gedacht: Jetzt bin ich schon wie meine Eltern?

Tatsächlich war es meine Frau, die mich darauf aufmerksam gemacht hat. Sie sagte: "Du redest manchmal wie dein Vater." Das hat mich erst getroffen, weil ich mich angegriffen fühlte. Später habe ich gemerkt: Sie hatte recht. Ich übernahm nicht nur Formulierungen, sondern auch bestimmte Haltungen und Interessen von ihm. Für mich hatte das viel mit Sehnsucht zu tun. Mein Vater war in meiner Kindheit eher weit weg. Ihm ähnlich zu werden, war vielleicht auch ein Versuch, ihn mir näherzuholen.

Warum klingt der Satz "Ich bin wie meine Eltern" für viele erst einmal negativ?

Weil uns meist dann auffällt, dass wir unseren Eltern ähneln, wenn uns etwas daran stört. Das ist ein bisschen wie beim Tagebuchschreiben: Man notiert eher die Dinge, die einen beschäftigen oder ärgern. Dabei sind elterliche Prägungen nicht per se schlecht. Im Gegenteil: Sie sind existenziell wichtig. Wir sind unsere Geschichte. Aber natürlich tragen wir auch Verletzungen, Ärgernisse und ungeliebte Muster weiter. Wenn wir plötzlich etwas wiederholen, das wir selbst nie mochten, springt unser Bewusstsein an.

Psychoanalytiker und Buchautor Jakob Müller
PR (Elena Saifullin)

Sind denn Beziehungen zu den eigenen Eltern eher positiv oder negativ geprägt?

Meistens sind sie ambivalent. Es gibt Dankbarkeit, Nähe, manchmal auch Schuldgefühle und den Wunsch, von den Eltern gesehen und anerkannt zu werden. Gleichzeitig gibt es oft Verletzungen: das Gefühl, nicht richtig wahrgenommen, übersehen oder bewertet worden zu sein. Gerade in Therapien zeigt sich, dass Menschen ihren Eltern gegenüber oft einen unausgesprochenen Vorwurf mit sich herumtragen. Das ist wie ein Gepäckstück, das sie durchs Leben begleitet.

Können auch harmonische Eltern-Kind-Beziehungen problematisch sein?

Ja, wenn die Harmonie nur dadurch entsteht, dass Konflikte vermieden werden. Manche Kinder spüren früh, dass ihre Eltern sehr verletzlich sind und Kritik kaum aushalten. Dann lernen sie: Ich darf meinen Ärger nicht zeigen, ich muss meine Eltern schonen. Nach außen sieht das eng und liebevoll aus. Innerlich kann aber viel unausgesprochener Ärger entstehen. Das Kind passt sich dann stark den Bedürfnissen der Eltern an.

Sind solche Anpassungen das, was man heute oft Glaubenssätze nennt?

Ja, grob gesagt. Ein Kind ist auf seine Eltern angewiesen – nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Es braucht Bindung, Nähe und Anerkennung. Wenn in dieser Beziehung etwas schwierig ist, entwickelt das Kind Strategien: Was muss ich tun, damit die Beziehung sicher bleibt? Vielleicht lernt es: Ich darf meine Bedürfnisse nicht zeigen. Oder: Ich muss leisten, damit ich geliebt werde. Solche Muster wirken später weiter, oft ohne dass wir sie bewusst bemerken.

Podcast-Tipp: Unser Experte Jakob Müller war auch schon mal Gast in unserem Papa-Podcast, hier geht's zum Gespräch:

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Welche Rolle spielt der Vater dabei?

Eine sehr große. Die Mutter steht oft im Vordergrund, weil sie häufig die erste enge Bindungsfigur ist. Aber im Hintergrund spielt der Vater fast immer eine entscheidende Rolle – auch dann, wenn er abwesend ist. Gerade für Jungen kann der Vater eine wichtige Identifikationsfigur sein. Wenn er fehlt oder emotional nicht verfügbar ist, entsteht eine Leerstelle. Das Kind greift gewissermaßen nach einem Geländer und fasst ins Leere. Diese Lücke kann sich später in Unsicherheit, Wut oder übertriebener Kompensation zeigen.

Ihr Buch trägt den Untertitel "Wie Erziehung über Generationen wirkt". Wie muss man sich das vorstellen?

Erziehung findet nicht nur bewusst statt. Natürlich haben Eltern Werte, die sie weitergeben wollen: Gerechtigkeit, Selbstständigkeit, Rücksicht. Aber vieles geschieht unbewusst. Wir geben unseren Kindern ein emotionales Klima weiter. Wer etwa in einer Familie aufgewachsen ist, in der Leistung zentral war, sagt später vielleicht bewusst: Mein Kind soll nicht unter Druck stehen. Im Alltag zeigt sich der Leistungsdruck aber trotzdem – etwa wenn Spielen zum Wettbewerb wird oder Anerkennung besonders dann kommt, wenn das Kind etwas gut macht.

Wie lange wirken solche Muster über Generationen hinweg?

Bei traumatischen Erfahrungen weiß man, dass sie mindestens drei Generationen beschäftigen können: die betroffene Generation selbst, ihre Kinder und die Enkel. Erst in der Urenkelgeneration kann sich so etwas abschwächen – je nach Familie. Bei Erziehungsmustern ist es ähnlich. Auch sie verschwinden nicht einfach, nur weil sich gesellschaftliche Leitbilder ändern.

Wie erkenne ich denn, ob ich gerade auf mein Kind reagiere – oder auf meine eigene Vergangenheit?

Ein Hinweis ist die Heftigkeit der Reaktion. Passt meine Wut, Angst oder Verzweiflung wirklich zur Situation? Oder lädt sich da etwas aus meiner Geschichte mit auf? Ein klassisches Beispiel ist das Thema Essen oder warme Kleidung. Für Kriegsgenerationen waren das Überlebensfragen. Wenn Großeltern deshalb panisch wurden, sobald ein Kind nicht genug aß oder ohne Jacke rausging, reagierten sie oft nicht nur auf das Kind, sondern auf ihre eigene Noterfahrung.

Was hilft Eltern, solche Muster zu verändern?

Nicht jeder blöde Satz in einer Stresssituation richtet Schaden an. Entscheidend ist das Muster dahinter. Wenn ich immer wieder beim Zähneputzen, Schlafengehen oder Losgehen explodiere, lohnt es sich hinzuschauen: Was passiert da eigentlich? Was bringe ich in die Situation hinein?

Fazit