Ab wann braucht mein Kind wirklich ein Smartphone?

Kiddys und Handys
Ab wann braucht mein Kind wirklich ein Smartphone?

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ArtikeldatumVeröffentlicht am 02.09.2026
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Ein Baby liegt auf dem Fußboden und spielt an einem Smartphone
Foto: Getty Images / Westend61

Klingelt's? Professor Dr. Garvin Brod und sein Team am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen wollen in der sogenannten Smartkids-Studie Antworten finden rund um die Themen Mediennutzung und Bildschirmzeit von Kindern.

Familien mit Kindern in der 3. oder 4. Klasse, die ihr Kind in naher Zukunft mit einem ersten Smartphone ausstatten möchten, können sich auf der Projektwebsite zur Studie anmelden. Im Interview mit Men's Health Dad berichtet der Psychologe über erste Erkenntnisse und Empfehlungen in einer aufgeheizten Debatte.

Mit dem Smartphone kommen Kinder schon früh in Kontakt, beim Serien schauen oder bei ersten Games. Ab wann wird das eigene Smartphone überhaupt ein Thema für die Kinder?

Kinder erleben schon früh die allgemeine Faszination für das Smartphone. Ihre Eltern schauen da ständig drauf und irgendwann dürfen sie auch an dieser digitalen Welt teilhaben. Anfangs nur als "Gast", Musik, Hörbücher, Spiele, all das läuft bei vielen Familien über das elterliche Handy. Das weckt Begehrlichkeiten. Doch die große Begehrlichkeit entsteht noch etwas später, wenn sich die Kinder ein Smartphone wünschen, das sie auch wirklich zur Kommunikation nutzen wollen – für Nachrichten schreiben, Klassenchats, soziale Medien. Das ist der Moment, den wir in unserer Studie in den Blick nehmen. Und das ist auch der Moment, ab dem viele Eltern anfangen, sich stärker Gedanken zu machen.

Und wann ist das typischerweise der Fall?

Typischerweise in der vierten oder fünften Klasse. Es gibt einige repräsentative Umfragen, die zeigen, dass etwa 80 Prozent aller Elfjährigen, also in der 5. und 6. Klasse, hierzulande ein eigenes Smartphone haben.

Warum ausgerechnet da?

Ein wichtiger Faktor ist sicher der Wechsel an eine weiterführende Schule. Die Schulwege werden dabei länger, oft müssen die Schülerinnen und Schüler nun auch Bus und Bahn nutzen. Da wünschen sich viele Eltern Erreichbarkeit. Auch das Kommunikationsverhalten ändert sich grundlegend. In der Grundschule läuft vieles noch über die Eltern. Ab der fünften Klasse organisieren und verabreden sich Kinder selbst, außerdem gibt es nun Klassenchats oder digitale Schulportale. Das Smartphone wird also wichtig, um am Schulleben teilzuhaben. Auch der Gruppendruck ist ein Faktor – wenn alle anderen Kinder ein Smartphone bekommen, ziehen viele Eltern mit.

Gibt es Kriterien, woran Eltern erkennen, ob ihr Kind bereit ist?

Die vielleicht wichtigste Frage, die sich Eltern stellen sollten, bevor sie dem Kind ein Smartphone kaufen, klingt fast zu simpel: Traue ich ihm zu, verantwortlich damit umzugehen? Doch diese Reife lässt sich nicht an einem pauschalen Alter festmachen – auch in der Literatur liegen die Empfehlungen zum ersten Smartphone irgendwo zwischen 9 und 14 Jahren. Manche Kinder können sich auch in jungen Jahren schon gut selbst regulieren und haben eine gute Impulskontrolle. Schaut mein Kind aufs Handy, obwohl es das gar nicht wollte? Wie reagiert es, wenn man das Smartphone wegnimmt? Gleichzeitig gibt es Faktoren wie einen längeren Schulweg, Anforderungen der Schule oder soziale Teilhabe, die die Frage nach dem richtigen Alter manchmal schlicht obsolet machen. Im besten Fall übergeben wir das Smartphone dann immer noch mit einem genauen Blick darauf, welche Nutzung das Kind leisten kann, und weiten diese schrittweise aus.

Gleichzeitig spürt man in der aktuellen Debatte große Unsicherheit über die Smartphone-Nutzung. Welche Sorgen machen sich die Eltern?

Wir erleben im Austausch mit den Eltern vor allem zwei große Sorgen: einerseits vor den Dingen, die Kinder im Internet erleben können, zum Beispiel Mobbing in WhatsApp-Klassenchats oder Belästigung durch Fremde in sozialen Medien. Auch Hass im Netz oder Pornografie sind Themen, die die Eltern beschäftigen. Dazu kommt die Sorge vor den konkreten Folgen für das Kind, also schlechterem Schlaf oder nachlassender Konzentration. Grundsätzlich halte ich all diese Sorgen für verständlich und auch gut. Denn viele Familien setzen sich so intensiv mit den digitalen Möglichkeiten und Gefahren auseinander und suchen nach Lösungen.

Podcast-Tipp: Das Thema Handysucht des Kindes haben wir auch schon einmal in unserem Papa-Podcast besprochen, hier geht's zum Gespräch:

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In den sozialen Netzwerken gibt es viel Applaus für Eltern, die Smartphones für ihr Kind vollends ablehnen.

Ich verstehe den Impuls grundsätzlich, halte ihn aber mittelfristig für keine gute Strategie. Ein Kind ohne Smartphone ist ab einem gewissen Alter in vielen sozialen Kontexten schlicht ausgeschlossen. Und: Kompetenz kommt nicht von Abstinenz. Ich halte es für wichtiger, das Kind kompetent dabei zu begleiten, als eine Technologie pauschal zu verurteilen.

Welche Empfehlungen liefert denn die psychologische Forschung?

Die Studienlage ist noch sehr dünn und die vorhandenen Studien widersprechen sich teilweise direkt. Ende 2025 erschien im Wissenschaftsjournal "Pediatrics" eine viel zitierte Arbeit, die Daten von mehr als 10000 Kindern ausgewertet hat. Kinder, die mit zwölf ein Smartphone hatten, zeigten dabei etwas häufiger depressive Symptome und schliefen schlechter. Gleichzeitig fand eine Stanford-Studie mit 260 Kindern keine signifikanten Auswirkungen des ersten Smartphones auf Schlaf, Wohlbefinden oder Schulleistungen. Die führende Autorin sagte hinterher, sie habe auf eindeutigere Ergebnisse gehofft. Beide Erhebungen haben echte Schwächen. Die "Pediatrics"-Arbeit zeigt Korrelationen, aber keine Kausalität. Die Stanford-Studie hatte eine sehr kleine Stichprobe und ist schon fast 10 Jahre alt. Genau diese Widersprüche machen ein Experiment wie unseres notwendig. Wir brauchen endlich Daten, die wirklich Ursache und Wirkung trennen können.

Was genau haben Sie in Ihrer Studie vor?

Wir suchen aktuell 500 Familien im deutschsprachigen Raum, deren Kinder in die vierte, fünfte oder sechste Klasse kommen und nun die Anschaffung des ersten Smartphones planen. Diese Familien erklären sich bereit, den genauen Zeitpunkt der Anschaffung unserem Zufallsgenerator zu überlassen. Eine Gruppe bekommt das Smartphone zum Schuljahresbeginn, die andere erst nach Weihnachten.

Was werden Sie bei diesen Gruppen untersuchen?

Wir wollen schauen, ob und wie sich das psychische Wohlbefinden der Kinder verändert und wie sich Selbstregulation und Impulskontrolle durch das erste Smartphone entwickeln. Dazu füllen die Familien über zwölf Monate hinweg regelmäßig Fragebögen aus. Außerdem tracken wir mit einer App das Nutzungsverhalten des Kindes – zum Beispiel welche Art von Apps wie lange genutzt wird. Was die Kinder schreiben oder welche Websites sie aufrufen, erfassen wir nicht. Und wir bieten das Tracking auch den Eltern an. Die Reflexion des eigenen Nutzungsverhaltens ist ziemlich aufschlussreich – und gibt Familien die Chance, gemeinsam über sinnvolle Mediennutzungsregeln zu sprechen.

Ein wichtiger Teil der Mediennutzungsregeln ist oft eine Bildschirmzeitbegrenzung. Wie sinnvoll ist die?

Interessanterweise hat die reine Anzahl an Stunden vor dem Bildschirm wenig Aussagekraft. Viel entscheidender scheint die Art der Nutzung. Jugendliche, die in sozialen Netzwerken selbst stark aktiv sind und viel posten, scheinen weniger stark von negativen Folgen betroffen zu sein. Wer hauptsächlich passiv scrollt und konsumiert, läuft eher Gefahr, psychische Folgen zu spüren. Unterschiede gibt es auch bei den Geschlechtern. Jungen nutzen das Smartphone häufiger zum Zocken – das ist eine aktive, oft auch soziale Nutzung. Mädchen nutzen es stärker für soziale Medien, mit mehr passivem Konsum und sozialen Vergleichen. Und genau da entstehen die Probleme. Man muss also eher hinschauen, was mein Kind am Smartphone macht – und nicht wie lange.

Fazit