Bindungstheorie: Warum bindungsorientierte Erziehung oft missverstanden wird

Diskussion um Bindungstheorie
"Eltern verstehen die bindungsorientierte Erziehung oft falsch"

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ArtikeldatumVeröffentlicht am 15.04.2026
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Ein Vater hält einen Säugling im Arm
Foto: Getty Image /Flavia Morlachetti

"Bedürfnisorientierte Erziehung wird oft missverstanden", sagt Tillmann Prüfer, Vater von vier Töchtern und Ressortleiter Familie bei der "Zeit". "Zudem sind viele Tipps basierend auf der Bindungstheorie wissenschaftlich nicht belegt."

Der Journalist muss es wissen, denn er hat gerade ein Sachbuch herausgebracht und dafür unendlich viele Studien studiert, nicht nur zu diesem Thema. Der Titel seines neuen Werkes: "Was Sie (wirklich) über Erziehung wissen müssen: Das Wichtigste für alle Eltern aus den entscheidenden Studien". Im Interview mit Men's Health Dad verrät der Experte, was bei seiner Recherche zum Thema Bindungstheorie herausgekommen ist.

Du beschäftigst dich seit Jahren mit dem Thema Bindung zwischen Eltern und Kindern. Warum lässt dich dieses Thema nicht los?

Bindung ist das grundlegendste Thema in der Eltern-Kind-Beziehung. Es geht um die Frage: Was verbindet Eltern und Kinder eigentlich? Ich erinnere mich sehr genau an den Moment, als meine erste Tochter geboren wurde. Ich war 25 und völlig unvorbereitet. Ich wusste nicht, wie sich Vatersein anfühlt, wie man diese Verantwortung tragen soll – und wie man überhaupt eine Beziehung zu einem Menschen aufbaut, den man ja vorher nicht kennt. Und dann war dieses Kind da, und eine Sekunde nach der Geburt war mir völlig klar: Das ist jetzt eine lebenslange Verbindung. Diese Erfahrung war überwältigend – und sie war nicht planbar, nicht erlernbar, nicht vorbereitbar. Das prägt meinen Blick auf Bindung bis heute.

Du hast zuletzt viel über bindungsorientierte Erziehung geschrieben. Was bedeutet dieser Begriff – und was bedeutet er nicht?

Die Bindungstheorie ist zunächst einmal ein wissenschaftliches Modell. Sie versucht zu beschreiben, wie Beziehungen zwischen Eltern und Kindern funktionieren und warum sie wichtig sind. Was sie nicht ist: eine Handlungsanleitung für Eltern, die besagt, wie viele Stunden man sein Kind tragen muss, ob es im Familienbett schlafen sollte oder wie viel Augenkontakt richtig ist. Und sie ist ganz sicher kein Instrument, um Eltern Angst zu machen – nach dem Motto: Wenn du hier versagst, ruinierst du deinem Kind das ganze Leben. Genau das passiert aber heute sehr häufig. Bindungsorientierte Erziehung wird zu einer Art moralischem Pflichtprogramm, das Eltern unter enormen Druck setzt. Und das schadet eher, als dass es hilft.

Journalist und Buchautor Tillmann Prüfer ("Vatersein: Warum wir mehr denn je neue Väter brauchen")
PR (Max Zerrahn)

Woher kommt dieser Druck?

Ein Teil des Problems liegt darin, dass die Bindungstheorie heute oft behandelt wird, als wäre sie ein Naturgesetz. Als hätte John Bowlby in den 1950er- und 60er-Jahren etwas entdeckt wie Newton die Schwerkraft. Dabei ist sie ein Modell – und Modelle darf und muss man hinterfragen. Bowlby war Kinderarzt und arbeitete in der Nachkriegszeit mit Kindern, die früh von ihren Eltern getrennt worden waren. Er sah, wie traumatisch das war, und zog daraus wichtige Schlüsse: Kinder brauchen Nähe, Verlässlichkeit, Zuwendung. Das war damals ein großer Fortschritt gegenüber einer Erziehung, die auf Härte und Disziplin setzte. Aber aus dieser Theorie wurde später die Vorstellung abgeleitet, dass Eltern – vor allem Mütter – in den ersten Jahren alles richtig machen müssen, sonst entstehe eine "unsichere Bindung", die das ganze Leben des Kindes negativ prägt. Für diese weitreichenden Annahmen gibt es so keine verlässlichen wissenschaftlichen Belege.

Was macht diese Vorstellung mit Eltern heute?

Sie erzeugt enormen Stress. Viele Eltern glauben inzwischen, sie seien grundsätzlich nicht gut genug. Dieses Gefühl, ständig zu versagen oder etwas falsch zu machen, ist heute weit verbreitet – deutlich stärker als in früheren Generationen. Dabei wissen wir aus der Forschung: Gestresste Eltern sind nicht automatisch bessere Eltern. Im Gegenteil – sie sind eher geneigt, ihren Stress an die Kinder weiterzugeben. Und genau deshalb wollte ich darüber schreiben: um Eltern zu entlasten.

Podcast-Tipp: Unser Experte war auch schon mal zu Gast in unserem Papa-Podcast, hier geht's zum Gespräch:

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Ein zentraler Kritikpunkt von dir betrifft die Rolle der Mütter. Warum?

Obwohl die Bindungstheorie nie ausschließlich auf Mütter bezogen war, wird sie kulturell fast vollständig auf sie projiziert. Das liegt historisch daran, dass in den 50er- und 60er-Jahren fast ausschließlich Mütter mit Kindern untersucht wurden – Väter waren schlicht nicht da. Daraus hat sich ein überhöhtes Mutterbild entwickelt: die Mutter als zentrale, nahezu allein verantwortliche Bindungsperson. Daraus folgt implizit die Vorstellung, dass eine "gute Mutter" möglichst rund um die Uhr verfügbar sein sollte, ihr eigenes Leben zurückstellt und ihr Kind möglichst nicht in andere Hände gibt. Das wirkt auf den ersten Blick wie eine Aufwertung der Mutterrolle – ist aber in Wahrheit ein Käfig. Denn in dem Moment, in dem eine Mutter sagt: Ich habe auch andere Interessen, ich möchte arbeiten, ich möchte mich selbst entfalten, gilt sie schnell als defizitär. Das ist gesellschaftlich hochproblematisch und wissenschaftlich nicht gedeckt.

Und was bedeutet das für Väter?

Für Väter ist das ambivalent. Einerseits gibt es heute viele Väter, die sich stark einbringen wollen und sehr engagiert sind. Andererseits bietet dieses Mutterbild auch eine bequeme Ausrede: Man kann sich zurücklehnen und sagen, die Mutter sei ja "natürlicherweise" die wichtigere Bindungsperson. Ich beobachte zudem, dass manche Väter bindungsorientierte Erziehung wie eine Checkliste abarbeiten. Sie folgen Gesprächsanleitungen und Konfliktstrategien fast wie einer Bedienungsanleitung – sehr korrekt, aber oft auch sehr künstlich. Das ersetzt keine echte Beziehung. Bindung entsteht nicht durch korrekt formulierte Sätze, sondern durch echte Auseinandersetzung, auch durch Konflikte. Ein Kind darf sauer sein. Ein Vater darf Fehler machen. Entscheidend ist, dass man sich wieder aufeinander zubewegt.

Du sagst, Eltern überschätzen oft ihren Einfluss. Was meinst du damit?

Wir tun häufig so, als wäre das Kind ein unbeschriebenes Blatt, das wir durch richtige Erziehung formen. Tatsächlich bringen Kinder sehr viel mit: Temperament, Charakter, Eigenheiten. Und sie lernen nicht nur von uns. Kinder wachsen in Netzwerken auf – mit Geschwistern, Freunden, Erzieherinnen, anderen Erwachsenen. Spätestens mit vier oder fünf Jahren ist der exklusive Einfluss der Eltern vorbei. Das ist nichts Bedrohliches, sondern etwas Wunderbares. In vielen Kulturen ist das selbstverständlich. Die westliche Vorstellung der isolierten Kleinfamilie ist historisch und kulturell sehr speziell – und nicht unbedingt ideal.

Wenn man all das zusammennimmt: Was brauchen Kinder wirklich?

Der Kinderarzt Oskar Jenni spricht von den "fünf V": Verfügbarkeit, Verlässlichkeit, Vertrauen, Verständnis und viel Liebe. Mehr braucht es nicht. Und das ist nichts, was Eltern mühsam erlernen müssten. Das ist etwas, das die meisten intuitiv können, wenn sie sich nicht permanent selbst infrage stellen. Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen verlässliche Eltern. Eltern, die präsent sind, die Beziehung leben – und die sich erlauben, auch ein eigenes Leben zu haben.

Zum Schluss: Was ist dein Anti-Stress-Tipp für Eltern?

Erst einmal anzuerkennen, dass Elternsein anstrengend ist. Das muss man nicht schönreden. Aber man sollte sich keinen zusätzlichen Stress machen, indem man Dinge tut, nur weil man glaubt, beobachtet oder bewertet zu werden. Viele der sogenannten bindungsorientierten Rituale geschehen nicht aus Beziehung heraus, sondern aus Pflichtgefühl. Und das raubt Zeit und Energie, die man viel besser in echte gemeinsame Momente investieren könnte.

Fazit