Zum Gespräch über den "Walking Dads Club" haben wir uns in den hinteren Teil eines Hamburger Cafés gesetzt. Gerade berichtet Jochen Sendel von seiner 9 Monate alten Tochter und den Begegnungen mit anderen frischgebackenen Vätern, als er am Nebentisch einen Mann mit Baby im Tragetuch entdeckt.
Instinktiv greift er in seine Hosentasche, sucht nach einem "Walking Dads Club"-Aufkleber. Vergeblich. Also zeigt er ihm kurzerhand seinen Instagram-Kanal und erzählt von ungezwungenen Treffen unter Papas. Der Mann zückt sofort sein Handy, fotografiert den Namen und verspricht, mal vorbeizuschauen. Auch seine Frau nickt begeistert. "Das ist wirklich eine gute Idee."

Der Gründer des Hamburger Walking Dad Clubs: Jochen Sendel mit seiner Tochter Ruby
New York und Hamburg
Sendel hat diese Idee aus New York nach Hamburg gebracht. Als seine Tochter im August zur Welt kam, stellte der 44-jährige Werber bald fest, dass Verabredungen mit Freunden und Familie ungleich komplizierter geworden waren. Weil inzwischen alle Kinder zu Hause haben, ist es schwer, gemeinsame Termine zu finden.
Und über Wachstumsschübe, Schlafmangel und Breikonsistenz will kaum jemand reden, der selbst keinen Säugling (mehr) zu Hause hat. "Ich habe gemerkt, dass ich einfach mit jemandem sprechen wollte, der gerade dasselbe erlebt", sagt er. Auf der Suche nach passenden Väter-Angeboten entdeckte er auf Instagram den Brooklyn Stroll Club aus New York.
Gegründet wurde die Papa-Community von Joe Gonzales, einem Werber und Vater eines kleinen Sohnes. Aus Ermangelung an befreundeten Vätern suchte er Gleichgesinnte in den sozialen Netzwerken. Schnell entstand daraus ein großes Projekt. Seit die "New York Times" über den Stroll Club berichtete, hat sein Discord-Kanal einige tausend Mitglieder. Die 50 Tickets für die regelmäßigen Treffen sind unter Großstadt-Papas ähnlich begehrt wie streng limitierte Sneaker. Begeistert von der Idee entwarf Sendel noch am selben Abend ein passendes Logo für eine Hamburger Papa-Community und erstellte einen Instagram-Account. Außerdem erzählte er allen Freunden von der Idee.
Daddyauflauf oder Demonstration
Das erste Treffen im Herbst 2025 war trotzdem alles andere als ein Riesenerfolg. Das Wetter war mies, zum Treffpunkt im Park kam genau ein anderer Vater. Zusammen drehten die beiden einige Runden, quatschten über dies und das. "Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich direkt das nächste Treffen angesetzt habe. Passend zu meinem eigenen Terminkalender", sagt er. Beim zweiten Mal kamen dann schon acht Väter.
Sendel, der als Werber weiß, wie man eine Botschaft streut, klebte selbstgestaltete Aufkleber an Laternen und sprach bei eigenen Kinderwagen-Touren andere Väter direkt an. Nach einem halben Jahr hat sein "Walking Dads Club" nun über 700 Follower auf Instagram. Zum letzten Treffen kamen bei bestem Sonnenschein schon über 20 Papas aus dem ganzen Stadtgebiet, von Mitte zwanzig bis Mitte vierzig, teils selbst auf die Gruppe gestoßen, teils von den Müttern geschickt. So viele Väter auf einem Haufen sorgten für Verwunderung. Eine ältere Passantin wollte wissen, ob hier gerade eine Demo stattfinde.
Doch das väterliche Bedürfnis nach Austausch kommt nicht von ungefähr. Vater zu werden, ist ein einschneidendes Ereignis, das das Leben ganz schön auf den Kopf stellt. Plötzlich bestimmt das eigene Kind den Alltag, Radius, Energie und Zeit sind eingeschränkt. Sich spontan mit Freunden verabreden, der Stadionbesuch oder zeitaufwendige Hobbys sind nicht mehr so einfach möglich. Selbst im engen Freundeskreis nimmt die Zeit für Austausch deutlich ab, Treffen werden seltener, die Themen verschieben sich. Und mit kinderlosen Freunden oder Vätern mit älteren Kindern über Windelinhalte oder den Beikoststart zu sprechen, ist oft wenig ergiebig, zu verschieden sind die Lebensrealitäten. Durch Rückbildungskurse, PeKip und Babymassage ist das für Mütter oft leichter. Sie haben schlicht einige Jahrzehnte Vorsprung darin, Gemeinschaften zu schaffen, in denen sie sich sicher und gesehen fühlen. In dem Moment, in dem sich Väter aktiv einbringen wollen, wächst auch der Bedarf nach eigener Community.
Kinder statt Karriere
"Bei unseren Treffen spricht niemand über die eigene Karriere, den neuesten Autokauf oder Bundesliga-Ergebnisse. Es geht um das beste Kinderwagen-Modell, selbstgekochten Brei oder die Suche nach dem besten Kita-Konzept", berichtet Sendel. Sogar ein werdender Vater war schon dabei und fragte die Männer mit etwas mehr Windel-Erfahrung über sein zukünftiges Leben aus.
Buch-Tipp: Content-Creator Sebastian Tigges, bei Instagram auch bekannt als "Walking Dad", hat ein neues Buch herausgebracht: "Becoming Dad: Was ich gern früher übers Vatersein gewusst hätte"
Gerade scheint hier eine neue Bewegung zu entstehen. Als Walking Dads oder Stroller Society entstehen in Großstädten wie Los Angeles, London oder München ähnliche Communitys. Sie ergänzen bestehende Angebote für Väter, vom Geburtsvorbereitungskurs mit Anleitung fürs Verhalten im Kreißsaal bis zum Frühstück für Väter in Elternzeit. Und gleichzeitig bieten sie alle dasselbe: einen Raum für Männer, die in eine neue Rolle hineinwachsen und etwas anders machen wollen als die Generationen vor ihnen. "Immer mehr Männer wollen bewusst Care-Arbeit übernehmen und aktiver Teil des Lebens ihrer Kinder sein. Doch dabei brauchen sie auch Vorbilder und Mitstreiter. Genau das können sie bei den Dad Walks finden", sagt Sendel.
Podcast-Tipp: Väter-Coach Carsten Vonnoh spricht in dieser Folge unseres Papa-Podcasts über die Herausforderungen junger Väter:





