Neurodiverse Kinder: Wann Kita und Schule versagen

Grenzen unseres Bildungssystems
Neurodiverse Kinder: Wann Kita und Schule versagen

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ArtikeldatumVeröffentlicht am 22.05.2026
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Ein Kind hockt traurig auf dem Flur vor seinem Klassenzimmer
Foto: Getty Images / Ridofranz

Schule ist ein System. Diese Tatsache hat für viele Menschen sehr viele Vorteile, für einige Schüler hat diese Struktur aber auch ziemliche Nachteile. Besonders leiden darunter neurodiverse Kinder, deren Gehirne sich in ihrer Entwicklung, Funktionsweise und Informationsverarbeitung von der gesellschaftlichen Norm (neurotypisch) unterscheiden. Dies umfasst Varianten wie Autismus, ADHS, Legasthenie oder Tourette, bei denen Kinder die Umwelt anders wahrnehmen, Informationen anders verarbeiten und oft intensivere Reizfilter haben.

Tomma Rabach hat so einen Jungen. Im Interview mit Men's Health Dad erklärt die alleinerziehende Mutter, an welchen Stellen unser Bildungssystem scheitert.

Du beschreibst deinen 5-jährigen Sohn als besonders – wie ist er als Kind?

Mein Sohn ist einer dieser Menschen, bei denen man nach wenigen Minuten merkt, dass sie die Welt anders wahrnehmen. Intensiver. Tiefer. Schneller. Er ist unglaublich klug, sensibel und aufmerksam. Ein Junge, der Dinge bemerkt, noch bevor andere überhaupt verstanden haben, dass sich etwas verändert hat. Er stellt Fragen, die Erwachsene ins Grübeln bringen. Hinterfragt alles, weil er wirklich verstehen möchte. Nicht oberflächlich. Sondern bis ins kleinste Detail. Und gleichzeitig ist er unfassbar empathisch. Er verteidigt andere Kinder, wenn sie ausgeschlossen werden. Spürt sofort, wenn jemand traurig ist. Vieles an ihm versteht man erst, wenn man sich wirklich auf ihn und seine Welt einlässt.

Gleichzeitig sprichst du davon, dass er für diese Stärken einen Preis zahlt. Was meinst du damit?

Mein Sohn fühlt intensiver als andere Kinder. Für ihn ist vieles schneller zu laut. Zu hell. Zu viel. Was andere intuitiv verstehen – Blicke, Ironie, Mimik –, muss er kognitiv entschlüsseln. Während andere "einfach" durch den Tag gehen, arbeitet sein Gehirn permanent auf Hochleistung. Und wenn zu viele Reize gleichzeitig auf ihn einprasseln, schaltet sein Nervensystem in den Überlebensmodus: Fight. Flight. Freeze. In diesen Momenten spricht er häufig nicht mehr oder nur einsilbig, wechselt in Zeichensprache, macht Tiergeräusche, schreit um sein Leben oder agiert körperlich. Außenstehende sehen schnell ein "schwieriges, wütendes Kind" anstelle eines stark überlasteten Nervensystems im absoluten Ausnahmezustand.

Tomma  Rabach und ihr Sohn Noah
Privat (Julia Assmann)

Wie zeigt sich das konkret im Alltag, zum Beispiel im Kindergarten?

Im sozialen Miteinander, zum Beispiel im Kindergarten, kommt es immer wieder zu Situationen, die ihn überfordern. Zu viele Menschen. Zu viel Lautstärke. Zu viel Chaos. Zu viele Anforderungen, teils unvorhersehbare Übergänge und notwendige Kompromisse. Kurz: Zu viele Reize gleichzeitig. Was andere Kinder filtern können, prallt bei ihm ungefiltert aufeinander. Kippt sein Nervensystem, reagiert er impulsiv. Meine Herausforderung: Die meisten sehen in diesen Momenten ausschließlich das situative Verhalten. Nicht das, was dahinterliegt. Es wird bewertet statt verstanden. Verurteilt statt hinterfragt. Das führt häufig zu Ausgrenzung. Im vergangenen Jahr wurde uns deshalb von jetzt auf gleich der Kitaplatz fristlos gekündigt.

Das klingt nach einer sehr belastenden Situation. Wie reagieren andere Eltern darauf?

Das ist unterschiedlich. Manche Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder Abstand zu meinem Sohn halten. Sie haben Sorge, sein Verhalten könne "abfärben". Sie wollen ihre Kinder "schützen". Häufig sind es vor allem Unsicherheit und Unverständnis aus Unwissenheit. Dabei verbringen viele Kinder unglaublich gern Zeit mit ihm. Er ist kreativ, humorvoll und liebevoll. Aber statt Kindern Vielfalt zu erklären, gehen viele Erwachsene lieber auf Distanz. Häufig wird nicht das System hinterfragt, sondern die Erziehung der Eltern. Kinder im Autismus-Spektrum zu verstehen, braucht Zeit. Gerade in herausfordernden Momenten bedarf es einer anderen "Sprache". Und gerade kurz vor oder während Meltdowns eine für Außenstehende häufig nicht direkt verständliche Art des Umgangs.

Podcast-Tipp: Das Thema Autismus haben wir auch schon mal in unserem Papa-Podcast besprochen, hier geht's zum Gespräch:

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Was würde dein Sohn in solchen Situationen brauchen?

Vor allem Sicherheit. Verständnis und Menschen, die bereit sind, einen Blick hinter sein Verhalten zu werfen. Denn sobald mein Sohn sich sicher fühlt, verändert sich alles. Dann sieht man dieses unfassbar kluge, kreative und liebevolle Kind, das in ihm steckt und das ich in ihm sehe. Doch genau diese Sicherheit fehlt Kindern wie ihm häufig. Weil unsere Strukturen nicht dafür gemacht sind, dass Menschen unterschiedlich sein dürfen.

Nun steht die Einschulung bevor. Welche Herausforderungen siehst du?

Die größte Herausforderung ist aktuell tatsächlich, überhaupt eine passende Schule zu finden. Und ehrlich gesagt hätte ich nie gedacht, dass wir schon vor dem ersten Schultag an solche Grenzen stoßen würden. Uns wurde ganz offen gesagt: "Rechtlich hat Ihr Sohn natürlich Anspruch auf einen Platz – aber für solche Kinder haben wir keine Kapazitäten." Und das macht etwas mit dir als Mutter. Denn plötzlich geht es nicht mehr nur um Schule. Sondern um die Frage, ob dein Kind in diesem System überhaupt vorgesehen ist. Selbst engagierte Schulleitungen sagen, dass sie unsicher sind, ob es für Kinder wie meinen Sohn überhaupt passende Schulen in Deutschland gibt und ob wir nicht schon einmal über einen Umzug ins Ausland nachgedacht haben.

Buch-Tipp: Du hast ein ähnliches Kind? Dann empfehlen wir dir das Buch "Mein einzigartiges Pandakind" von Mark Leonard.

Du kritisierst auch politische Entscheidungen sehr deutlich. Was stört dich konkret?

Mich stört, dass bei dieser Debatte von Seiten der Politik häufig nur über Zahlen gesprochen wird. Viel zu selten über Kinder. Über das echte Leben. Über intelligente Kinder, die ohne Unterstützung schlicht weniger oder kaum Chancen haben. Es wird darüber diskutiert, genau dort Milliarden einzusparen, wo Kinder Sicherheit und Teilhabe bekommen könnten. Ganz sicher gibt es Kinder, die sich eine "Schulbegleitung" teilen können. Wenn es zum Beispiel um rein körperliche, temporäre Unterstützung während eines Schulalltags geht. Für Kinder wie meinen Sohn ist eine 1:1-Begleitung kein Bonus. Kein Extra besorgter Eltern. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass er überhaupt am Schulalltag teilnehmen kann. Wenn ich dann lese, wie viel Steuern der Staat verschenkt – Summen, die deutlich über den Einsparungen liegen –, dann macht mich das wütend.

Wie wirkt sich das auf deinen Alltag als Elternteil aus?

Ich bin alleinerziehend und selbstständig. Ausfallen ist für mich keine Option. Mein Alltag besteht aus Organisation, Therapien, Gesprächen, Kämpfen, Aufklären und gleichzeitig dem Versuch, "einfach" Mutter zu sein. Mit anderen entspannt verabreden ist selten. Und bedarf einer sehr intensiven Begleitung, um eine Reizüberflutung zu vermeiden, rechtzeitig zu erkennen und die sozial-emotionale Ebene für alle zu verbalisieren. Zu erklären und zu co-regulieren. Ich muss permanent funktionieren. Immer etliche Schritte und Eventualitäten im Voraus bedenken. Auch dann, wenn ich längst keine Kraft mehr habe. Ich arbeite, auch wenn ich krank bin. Ich kann mir keinen Stillstand leisten. Trotzdem mache ich weiter. Weil du als Mutter irgendwann verstehst: Wenn du loslässt, fällt nicht nur dein Kind. Dann fällt euer gesamtes, hart erkämpftes, an guten Tagen stabiles System zusammen.

Was wünschst du dir für die Zukunft deines Sohnes?

Ich wünsche mir, dass er dazugehören darf. Wirklich dazugehören. Nicht nur auf dem Papier. Ich wünsche mir eine Welt, die sein Potenzial sieht und nicht nur die Momente, in denen sein Nervensystem in den Überlebensmodus übergeht. Mein Sohn ist kein Problemfall. Kein Kostenfaktor. Kein Kind, das "zu viel" ist. Er ist ein unglaublich kluger, sensibler Mensch mit unfassbar viel Potenzial. Und ich wünsche ihm, dass er die Chance bekommt, genau das entfalten zu dürfen.

Fazit