Gaming Disorder: So erkennen Sie, ob Sie süchtig nach Videospielen sind

Gamer vor buntem Bildschirm
Videospiele machen Spaß. Aber nur solange man die Kontrolle behält.

Viele Gamer kennen den Satz "Du bist doch total süchtig nach deinen Computerspielen". Ist es wirklich eine Sucht, wenn man mehrere Stunden am Stück zockt? So erkennen Sie eine Gaming Disorder

Sind Sie schonmal lieber daheim vorm PC geblieben, als rauszugehen und anderen Hobbies nachzugehen? Gab es vielleicht sogar schonmal Streit, weil Sie lieber daddeln als Ihre Partnerin oder Freunde zu treffen? Die "Gaming Disorder", also die Sucht nach Videospielen, soll ab Juni von der Gesundheitsorganisation WHO offiziell als Krankheit anerkannt werden. Allerdings befürchten Kritiker, dass dadurch jeder Gamer direkt verdächtigt wird süchtig zu sein. Damit das nicht passiert, klären wir hier auf, was genau dahinter steckt.

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Was genau ist eine Gaming Disorder?

Im Juni bringt die WHO den überarbeiteten Krankheitskatalog ICD-11 heraus, in dem die Gaming Disorder das erste Mal als offizielle Krankheit anerkannt wird. Dabei ist nicht unbedingt ausschlaggebend, wie oft oder lange jemand spielt. Viel wichtiger ist, ob das Spielverhalten das tägliche Leben einschränkt oder der Betroffene unter einem regelrechten Entzug leidet, wenn er mal nicht spielen kann. Von einer Gaming Disorder spricht man, wenn mindestens 5 von diesen Kriterien in den letzten 12 Monaten dauerhaft oder immer wieder erfüllt wurden:

1. Spielen ist immer Thema

Entweder wird gezockt, oder die Gedanken kreisen ständig um das Spiel.

2. Es geht nicht mehr ohne

Kann der Betroffene nicht spielen, entwickelt er Entzugserscheinung und ist gereizt oder traurig. Versuche, das Spielverhalten zu ändern, sind gescheitert.

3. Sie brauchen immer mehr Zeit zum Spielen

Um einen Glücksmoment zu bekommen, braucht es immer mehr Zeit oder intensiveres Spielen. Es besteht eine Toleranzentwicklung.

4. Kein Interesse an früheren Hobbies

Zocken ist das einzige Hobby, für alles andere fehlen die Zeit und die Lust.

5. Keine Aussicht auf Änderung

Das Spielverhalten wird nicht geändert, selbst wenn man eigentlich weiß, dass es einem schadet.

6. Das Umfeld wird getäuscht

Betroffene belügen ihr Umfeld über das wahre Ausmaß ihres Verhaltens.

7. Flucht vor Emotionen

Negative Gefühle werden durch das Gaming bewältigt.

8. Gaming hat oberste Priorität

Soziale Kontakte, Karriere und auch die eigene Gesundheit sind zweitrangig und werden aufs Spiel gesetzt.

9. Keine Kontrolle mehr übers Spielen

Der Betroffene kann nicht mehr kontrollieren, wie häufig, lange oder in welcher Situation er zockt.

Frustrierter Gamer sitzt im Chaos vor der Konsole
Wer die Kontrolle über sein Spielverhalten verliert, riskiert seine Gesundheit und seine sozialen Kontakte.

Wie entsteht eine Computerspielsucht?

Eigentlich macht Zocken Spaß. Man taucht ein in eine fremde Welt und ist da der Held. Man wird für harte Arbeit belohnt, egal, ob man endlich diesen einen Gegner besiegt oder eine scheinbar unmögliche Quest beendet. Dann hat man ein Erfolgserlebnis und erlebt einen "Kick". So weit, so gut. Problematisch wird's, wenn man für den nächsten Kick länger zocken muss. Und dann noch länger. Videospielsüchtige entwickeln eine Toleranz, wie es auch Alkoholiker oder Drogenabhängige tun. "Die Betroffenen geraten in einen Kreislauf, in dem das Gaming immer mehr Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt und andere Dinge vernachlässigt werden", erklärt Dr. Klaus Wölfling, Leiter der Ambulanz für Spielsucht aus Mainz.

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Wieso werden einige süchtig und andere nicht?

Laut Experte treten zwei Dinge häufig bei Abhängigen auf. Auf der einen Seite sind die sozial Ängstlichen, denen es leichter fällt, online Kontakte zu knüpfen. Die verfallen vor allem den Online-Spielen, bei denen man viel mit anderen interagiert, wie etwa World of Warcraft. Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen mit besonders hoher Risikobereitschaft, die im Spiel nach immer neuen Thrills suchen, das geht auch bei Offline-Spielen. Auch der Drang, Emotionen und die Realität zu verdrängen, indem man in die Spiele abtaucht, können ein Grund für die Abhängigkeit sein. Die eine Ursache gibt es für keine Sucht.

Ab wann ist es eine Gaming Disorder?

Wenn jemand im Urlaub oder in den Semesterferien mal die Nächte durchzockt, ist das noch keine Gaming Disorder. Das Verhalten muss mindestens ein Jahr andauern. Wenn über einen kürzeren Zeitraum ernsthafte Probleme durch das Zocken auftreten, liegt ein sogenanntes "hazardous gaming", also gefährliches Spielverhalten, vor, was ebenfalls im neuen Krankheitskatalog aufgeführt werden soll. Gaming kann aber auch durchaus positive Effekte auf das Gehirn haben, zum Beispiel haben Zocker häufig eine schnellere Reaktion und können besser Entscheidungen treffen.

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Gamer allein vor dem PC
Ob Online-Kontakte, Belohnungen oder Adrenalin: Gründe für eine Videospielsucht gibt es viele.

Welche Spiele machen süchtig?

Besonders viel Suchtpotential haben laut Wölfling vor allem solche Spiele, die gleich auf mehrere Arten den Spieler binden. Das kann ein sozialer Faktor sein, wie bei Online-Spielen à la League of Legends oder World of Warcraft. Wenn man Mitglied in einer Gilde ist, kann das sogar eine Art Verantwortungsgefühl auslösen: Um die anderen nicht hängen zu lassen, wird mehr gezockt. Diese Art von Videospielen führt am häufigsten zu einer Sucht. Es gibt auch Games, in denen der Spieler besonders häufig für seine Arbeit belohnt wird. Diese Belohnungen können zum Beispiel der Aufstieg in der Rangliste bei Counterstrike oder auch die viele Beute bei Diablo III sein.

Ab wann ist Gaming Glücksspiel?

Eine besondere Art der Kicks bieten Spiele, die Elemente aus dem Glücksspiel enthalten. "Immer wenn ein Zufallsaspekt involviert ist, hat das Spiel ein höheres Suchtpotential", so Wölfling. Besonders die sogenannten "Lootboxen" stehen hier in der Kritik. In Belgien werden sie bereits als Glücksspiel angesehen und sind dementsprechend erst ab 18. Diese mit Echtgeld gekauften Lootboxen enthalten zufällig zugeteilte Beute (das "Loot"). Was die Boxen besonders verlockend macht, ist die kribbelnde Spannung in dem Moment, wenn man sie öffnet. Ist die Waffe drin, die man sich erhofft hat? Ja? Jackpot! Glücksgefühl! Nein? Dann schnell noch eine kaufen und wieder hoffen. 

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Was sind die Risiken der Spielsucht?

"Ein ganz zentraler Punkt ist, dass die Betroffenen vereinsamen", sagt Wölfling. Wer den ganzen Tag zockt, vernachlässigt Freunde oder die Partnerin. "Viele geben sich erst in Behandlung, wenn vom Partner mit der Trennung gedroht wird, oder sie sogar schon verlassen wurden." Und selbst wenn man im Online-Game Kontakte oder sogar Freunde hat, die im echten Leben können sie nie ersetzen.

Zwei Freunde haben Spaß beim Spielen von Videogames
Zocken muss man nicht allein, denn mit Freunden zusammen macht das Ganze noch viel mehr Spaß.

Doch nicht nur soziale Kontakte leiden unter der Krankheit: Wer morgens lieber an seiner Minecraft-Villa baut, statt zur Arbeit zu gehen, ist schnell seinen Job los. Miete und Essen können nicht mehr bezahlt werden, der Betroffene verschuldet sich. Oder Betroffene sind bereits so eingenommen von der virtuellen Welt, dass das echte Leben mit Finanzen und Mahnungen einfach nicht mehr im Fokus steht und sie Rechnungen einfach vergessen zu bezahlen. Außerdem leidet die Gesundheit unter dem stundenlangen Zocken. Bewegung und gesunde Ernährung kommen dabei nämlich meistens zu kurz. Übergewicht, Mangelerscheinung und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper sind die Folgen.

3 Anzeichen, ab denen Sie eine Abhängigkeit von Videospielen erkennen

Um eine Gaming Disorder zu erkennen, können Sie sich gut an den Symptomen der WHO orientieren. Die Ambulanz für Spielsucht stellt außerdem einen Selbsttest bereit. Aber auch, wenn Sie oder ein Bekannter von Ihnen nicht all diese Kriterien erfüllt, sollten Sie aufmerksam werden, wenn Sie Folgendes bemerken:

  1. Der Betroffene zieht sich mehr und mehr aus seinem sozialen Umfeld zurück und kommt kaum noch aus dem Haus.
  2. Er wirkt verändert, durchzockte Nächte machen ihn müde und reizbar.
  3. Ein Leben ohne das Spielen ist nicht möglich. Wer es schlicht nicht schafft, einen Tag lang nicht ans Zocken zu denken, sollte sich beraten lassen.

Das Vorurteil, dass Videospiele aggressiv machen, erfüllen Betroffene dagegen nicht unbedingt: "Eine gesteigerte Gewaltbereitschaft konnte ich bei Gamern bisher nicht feststellen", so Wölfling.

Hier finden Sie Hilfe

Haben Sie das Gefühl, dass das Videogame mehr mit Ihnen spielt als Sie mit Ihnen? Oder Sie wurden schonmal auf Ihr Spielverhalten angesprochen? Dann gehen Sie am besten zu einer Suchtberatung. Zum Beispiel, um sich einfach zu informieren. Denn solche Beratungen sind komplett unverbindlich und anonym. Viele Zentren, wie etwa die Ambulanz für Spielsucht in Mainz, bieten sogar eine Online-Beratung an. Die Ambulanz erreichen Sie über die E-Mail-Adresse Sekretariate-pt@unimedizin-mainz.de. Bei der Computersuchthilfe Hamburg finden Sie ebenfalls nähere Informationen zu der Krankheit. Auf der Internetseite vom Fachverband für Medienabhängigkeit und von der Spielsucht Therapie finden Sie deutschlandweit spezialisierte Anlaufstellen.

Nicht jeder, der viel zockt, ist auch automatisch suchtgefährdet. Problematisch wird's, wenn Sie fürs Gaming andere wichtige Dinge im Leben vernachlässigen. Denn so viel Spaß Videospiele machen, da draußen wartet das echte Leben auf Sie, und das ist mindestens genauso spannend.

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