Benjamin Wendts Sohn, inzwischen volljährig, ist nie in seinem Leben zur Schule gegangen. "Die Entscheidung, unseren Sohn nicht in die Schule zu schicken, sondern ihm freies Lernen zu ermöglichen, entwickelte sich schrittweise", erzählt der Vater, der auch als Papa-Coach arbeitet. "Schon früh war uns wichtig, unseren Kindern von Anfang an ein selbstbestimmtes Lernen zu ermöglichen – deshalb besuchten sie auch keine Kita. Der eigentliche Wendepunkt kam beim ersten Elternabend vor der Einschulung unseres Sohnes an einer bayerischen Grundschule. Statt einer warmen, kindgerechten Atmosphäre begegnete uns dort vor allem Autorität und Strenge. Uns wurde schnell klar, dass dieser Weg nicht zu uns passt."
Im Jahr der regulären Einschulung nahm Benjamin dann Elternzeit. Er erzählt: "Gemeinsam mit unserer neugeborenen Tochter reisten wir als Familie in einem alten Wohnmobil durch verschiedene Länder. Unser Sohn lernte in dieser Zeit völlig selbstständig Lesen, Schreiben und Rechnen – eingebettet in Spiel und Alltag. Seine Begeisterung für ein Bundesliga-Sonderheft war der Funke: Er entdeckte Buchstaben, las Sätze und rechnete Transfersummen aus. Seine Lernfortschritte gingen weit über das hinaus, was in der ersten Klasse üblich ist. Die Reise eröffnete ihm neue Horizonte und vermittelte Erfahrungen, die keine Schule in einem Jahr hätte bieten können. Bestärkt durch diese Erlebnisse entschieden wir uns, unseren Wohnsitz ins Ausland zu verlegen und diesen Weg weiterzugehen." Wie das funktioniert hat, erzählt Benjamin Wendt im Interview mit Men's Health Dad.
Wie seid ihr mit der gesetzlichen Schulpflicht umgegangen?
Da wir ins Ausland reisten, meldeten wir uns in Deutschland ab. Unser Sohn war somit nicht mehr schulpflichtig, und die jüngeren Geschwister waren noch nicht im schulpflichtigen Alter. Die Abmeldung verlief unkompliziert und war für uns emotional eine große Erleichterung.
Wie sah der Alltag eures Sohnes ohne Schule konkret aus?
Für uns sind Spielen und Lernen untrennbar miteinander verbunden. Kinder lernen beim Spielen unzählige Dinge – deshalb unterbrechen wir das freie Spiel unserer Kinder nicht unnötig. Im konkreten Fall unseres Sohnes war seine Begeisterung für Fußball der Ausgangspunkt vieler Lernprozesse: Täglich vertiefte er sich in ein Bundesliga-Sonderheft, entdeckte Buchstaben, las Sätze und rechnete Transfersummen. Auf unseren Reisen lernten wir gemeinsam verschiedene Kulturen kennen und erweiterten unser Wissen über Geschichte, Geografie und viele andere Bereiche.

Väter-Coach Benjamin Wendt
Welche Rolle hast du als Vater im Lernprozess eures Sohnes eingenommen?
Anfangs war es für mich ungewohnt, da ich selbst durch meine Schulerfahrung geprägt war und bestimmte Erwartungen an mein Kind hatte. Mich von diesen Vorstellungen zu lösen, war ein innerer Prozess, der mir half, meine eigene Schulzeit zu reflektieren und einen neuen Blick auf Lernen und Leben zu gewinnen. Meine Rolle sehe ich heute vor allem als Beobachter und Ansprechpartner. Ich bin überzeugt, dass wir Kindern keine Antworten auf Fragen geben sollten, die sie uns nie gestellt haben. Das ist auch mein Hauptkritikpunkt am Schulsystem: Kinder müssen sich oft mit Themen beschäftigen, für die sie noch nicht bereit sind oder kein Interesse haben. So wird Lernen häufig zur Pflichtübung ohne Begeisterung.
Gab es Momente von Zweifel oder Kritik von außen?
Gerade zu Beginn gab es viel Kritik und skeptische Nachfragen aus dem Umfeld. Manche fühlten sich durch unseren Weg provoziert, obwohl wir nie andere Eltern kritisiert haben. Natürlich gab es auch Tage, an denen ich unsere Entscheidung hinterfragt habe. Doch gerade in solchen Momenten konnte ich unseren Weg neu entdecken – und dabei sind die Kinder unsere größten Lehrer.
Welche Fähigkeiten, Haltungen oder Kompetenzen hat euer Sohn deiner Beobachtung nach durch das Freilernen besonders entwickelt?
Unsere Kinder haben durch das Freilernen vor allem eigenständiges Denken entwickelt. Sie denken nicht in Fächern oder Kategorien und beurteilen Menschen nicht nach ihren Abschlüssen, sondern begegnen ihnen empathisch und ehrlich. Ein großer Schatz ist die Zeit, die sie für ihre Interessen haben und in die sie sich vertiefen können.
Wie hat sich der Übergang ins Erwachsenenleben oder in formale Strukturen, zum Beispiel Ausbildung?
Unser ältester Sohn ist inzwischen 18 Jahre alt, macht seinen Führerschein und legt nebenbei einen Schulabschluss an einer freien Schule im Ausland ab. Wir ermutigen ihn nicht aktiv zu einer bestimmten Ausbildung oder einem Studium, sondern zeigen ihm die Vielfalt der Möglichkeiten. Für welchen Weg er sich entscheidet, liegt ganz bei ihm – wir unterstützen ihn in jedem Fall.
Dein Sohn hat noch jüngere Geschwister: Wie lief deren Schulbildung?
Auch mit den jüngeren Kindern sind wir diesen Weg gegangen, wobei jedes Kind individuelle Schwerpunkte setzt. Wir begleiten sie mit verschiedenen Lernprogrammen und erkennen so ihre jeweiligen Stärken. Manche erfassen neue Dinge schneller, andere brauchen mehr Zeit – und das ist völlig in Ordnung.
Mit dem Blick von heute: Was würdest du Eltern raten, die sich für Freilernen interessieren, aber vor allem wegen der Schulpflicht oder gesellschaftlicher Erwartungen zögern?
Mein wichtigster Rat an Eltern, die sich für Freilernen interessieren, aber wegen der Schulpflicht oder gesellschaftlicher Erwartungen zögern: Der entscheidende Prozess ist das Überprüfen und Loslassen eigener Glaubenssätze und Denkmuster. Kinder haben mit diesem Weg meist wenig Probleme, wenn sie ihn von Anfang an gehen dürfen. Es sind die Eltern, die an ihrem Fortschritt zweifeln. Kinder leben ihre Kindheit frei und fröhlich. Am Ende zählt, dass wir unser Leben selbstbestimmt leben – unabhängig davon, was andere denken. Ob man den Weg des Freilernens in Deutschland oder im Ausland geht, ist eine individuelle Entscheidung und auf verschiedene Weise möglich.





