Unfruchtbarkeit beim Mann

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Unfruchtbarkeit beim Mann ist eine große Belastung für junge Paare © wavebreakmedia / Shutterstock.com

Unfruchtbarkeit beim Mann Diagnose Unfruchtbarkeit: Was Männern jetzt hilft

Was Zeugungsunfähigkeit emotional für einen Mann und die Partnerschaft bedeutet, und wie man selbstbewusst Kinderwunschbehandlungen und Sex nach Plan übersteht

Je älter man wird, desto chaotischer werden Treffen mit Freunden: Babys kreischen in ihren Kinderwägen, Kleinkinder wuseln zwischen den Erwachsenen herum und Schulkinder jagen lachend im Pulk durch die Wohnung. Nicht jeder Mann fühlt sich in solch einer Idylle wohl. Vor allem Männer, die sich nach eigenen Kindern sehnen, jedoch mit der Diagnose "Unfruchtbarkeit" leben müssen, sind solche Events und die ewige Frage "Na, wann ist es denn bei euch soweit?" kaum zu ertragen.

Wie aber geht ein Mann mit unerfülltem Kinderwusch mit solchen Situationen am besten um? Wie verkraftetet ein Mann, wenn die Ursache für die Unfruchtbarkeit bei ihm liegt? Und welche Optionen haben Paare, doch noch Eltern zu werden? Wir haben Kinderwunsch-Expertin Annette Wiese dazu befragt.

Wann gilt ein Mann als unfruchtbar?

Als unfruchtbar gelten laut der Welt-Gesundheits-Organisation WHO Paare, "die trotz unverhütetem und regelmäßigem Sexualverkehr auch nach 12 Monaten oder mehr keine Schwangerschaft erreichen." Doch das heißt noch lange nicht, dass du nicht Vater werden kannst.

Wie testet man, ob ein Mann unfruchtbar ist?

Zunächst einmal bedeutet die WHO-Definition, dass deine Partnerin und du euch einmal ärztlich untersuchen lassen solltet, um heraus zu finden, wo die Ursache für die auch nach einem Jahr noch ausbleibende Schwangerschaft liegt. Ob eine Zeugungsunfähigkeit bei dir oder deiner Partnerin vorliegt.

Dafür wenden sich Männer an eine urologische oder andrologische Praxis. Dort wird ein Spermiogramm erstellt, das heißt, die Spermien werden auf Anzahl, Deformationen und Mobilität gescannt. Der Hoden wird per Ultraschall untersucht und dein Hormonstatus gecheckt. Erst bei einem Befund geht man davon aus, dass die Ursache für die Unfruchtbarkeit beim Mann zu suchen ist.

Wie viele Männer sind von Unfruchtbarkeit betroffen?

Leider immer mehr. "Der Anteil ungewollt kinderloser Männer und Frauen ist in den Jahren 2013-2020 um 7% auf nunmehr 32% angestiegen", sagt Annette Wiese. "Am stärksten betroffen sind Männer und Frauen im Alter von 25-39 Jahren. Bei welchem Partner die Ursache der Unfruchtbarkeit liegt, ist in etwa gleich verteilt."

Welche Ursachen hat eine Zeugungsunfähigkeit beim Mann?

Manchmal steckt einfach ein ungesunder Lebenswandel hinter einer verminderten Zeugungsfähigkeit, denn die wirkt sich auch auf die Spermienqualität aus. Deformierte, wenig mobile Spermien sind in den meisten Fällen die Ursache für männliche Zeugungsunfähigkeit. Dann kann man die Chancen auf eine Befruchtung steigern, indem man Gewicht und Stress reduziert, aufhört zu rauchen, weniger Alkohol trinkt und mehr Sport macht. Schädliche Umwelteinflüsse wie Schadstoffe und Pestizide können auch eine Rolle spielen. Das sollte jeder Mann über Spermien wissen.

Voraussetzung für fruchtbares Spermium ist auch ein gesundes Hodengewebe. Hast du in deiner Kindheit Mumps oder später eine Chlamydien-Infektion gehabt, können die Entzündungen Spuren hinterlassen haben, die zu einer Unfruchtbarkeit führen. Auch Krampfadern am Hoden, die das Gewebe zu stark erhitzen können, gelten als mögliche Ursache. Das kann man operieren lassen. Denkbar sind ebenfalls genetische Anomalien, Fehlbildungen wie ein Hodenhochstand oder Testosteronmangel. Bei der Ursachenforschung bist du bei deinem Urologen oder Andrologen ist den richtigen Händen.

Wie geht man mit Sex nach Plan um?

Wenn ein Paar noch unter 30 Jahren alt ist und noch nicht viel länger als 12 Monate lang probiert, schwanger zu werden, werden viele Ärzte erst einmal zu Geschlechtsverkehr nach Plan, zum Beispiel mit Hilfe einer Zyklus-App, raten. Dadurch können die fruchtbaren Tage einer Frau mit ziemlicher Sicherheit bestimmt werden.

Doch fühlen sich viele Männer (und auch ihre Partnerinnen) vom Liebesleben nach Plan extrem gegängelt. Der Sex wird von Spaß zur Pflicht, wirkliche Lust stellt sich immer schwerer ein, Streit ist vorprogrammiert. Was tun? "Dampf verbal ablassen", rät Kinderwunsch-Coach Annette Wiese, "Man sollte mit jemandem über seinen Frust, seine Gefühle reden. Einfach mal seine Geschichte erzählen. Das können viele Männer nicht so gut. Deshalb sollte man sich jemanden von außerhalb suchen, zu dem man Vertrauen hat, der emotional aber nicht so mitgeht. Der stattdessen hilft, die Situation aus der Distanz zu betrachten und eine klare Perspektive zu bekommen."

Das kann ein Coach, ein:e Psycholog:in oder ein:e entfernt:er Bekannt:er sein. Ziel ist es, dass der Mann sich selbst und seine Partnerin im Fokus behält, und nicht das Zeugen des Kindes.

Aus Erfahrung rät Annette Wiese, dass Männer sich häufig eher an einen weiblichen als männlichen Adressaten wenden. "Betroffene Männer empfinden sich im Beisein eines anderen Mannes schnell in einer Wettbewerbssituation, die offene und ehrliche Gespräche erschweren." Auch ist es für Männer meist interessant, eine weibliche Perspektive auf seine Situation zu bekommen.

Von einem Gespräch mit dem besten Freund rät Wiese ab: "Ein Gespräch mit dem besten Freund ist oft nicht hilfreich, da die Unterstützung über ein kumpelhaftes Schulterklopfen, das von den Worten: 'Das wird schon' begleitet wird, nicht hinausgeht. Beim nächsten Treffen im Freundeskreis fühlt 'Mann' sich dann eher unwohl und gehemmt."

Wie gehen Männer am besten mit der Diagnose Unfruchtbarkeit um?

"Die Diagnose 'Unfruchtbarkeit' kratzt bei den allermeisten Männern schwer an der Männlichkeit“, weiß Annette Wiese aus langjähriger Erfahrung mit unfreiwillig kinderlosen Paaren. Als Coach begleitet sie online Paare auf dem Weg aus dem Schock und der Verzweiflung nach der Diagnose hin zu den Möglichkeiten, die es gibt, sich dennoch den Kinderwunsch zu erfüllen (dazu später).

"Viele Männer fühlen sich nach der Diagnose nicht mehr als richtiger Mann", erklärt Wiese, "Und als Folge des Schocks, des Schams und der psychischen Belastung, der Verursacher der Kinderlosigkeit zu sein, klappt dann oft im Bett tatsächlich nichts mehr." In dieser Situation wenden sich häufig die Partnerinnen an die Kinderwunsch-Beraterin. Die erklärt, dass Männer nach der Diagnose in der Regel 3 Phasen durchlaufen:

  1. Die Kompensations-Phase: "Das ist die erste Zeit, in der man die Diagnose nicht wahrhaben will", erklärt Annette Wiese, "Einige Männer versuchen, mit Selbstoptimierung in Form einer gesünderen Lebensweise zu beweisen, dass sie doch noch zeugungsfähig sind." Andere blenden das Thema erst einmal völlig aus und lenken sich zum Beispiel mit extrem viel Arbeit ab.
  2. Die Schweige-Phase: In dieser Phase realisieren und akzeptieren Männer dann langsam die Situation. "Nicht selten entwickeln sich Wut, Schuldgefühle, Trauer, Depression und auch Angst, vielleicht niemals Vater zu werden", sagt Wiese. Die Partnerin hat es dann schwer, an ihren Partner heranzukommen, der sich lieber in Schweigen hüllt.
  3. Die Suche-nach-Alternativen-Phase: Erst wenn die starken Emotionen durchlebt sind, wird man in der Regel konstruktiv als Paar nach Möglichkeiten suchen können, um auf Umwegen doch noch Eltern zu werden. Und davon gibt es inzwischen einige vielversprechende.

Buch-Tipp: Ohnekind. Was es heißt, zeugungsunfähig zu sein von Benedikt Schwan, der mit großer Offenheit schildert, was der unerfüllte Kinderwunsch für ihn, seine Männlichkeit und seine Beziehung bedeutet.

Podcast-Tipp: Mit dem Thema Fremdsamenspende haben sich auch schon die "Echten Papas" beschäftigt, hier geht es zum Gespräch:

Wie gelingt es, ein glückliches Paar zu bleiben?

Ganz wichtig ist, dass beide Partner anerkennen, dass die Situation für beide nicht leicht ist, es schwere Momente gibt, und entsprechend wertschätzend und liebevoll miteinander umzugehen.

Und Männer sollten sich bewusst machen: Zeugungsunfähigkeit und Potenz sind zwei verschiedene Sachverhalte. Wessen Spermium eingeschränkt fruchtbar ist, ist deswegen keinesfalls zwangsläufig ein weniger potenter Liebhaber. Unfruchtbarkeit ist kein Grund, in Minderwertigkeitskomplexen zu versinken!

Wenn Behandlungen in der Kinderwunsch-Klinik stattfinden, muss sich die Partnerin hormonellen Stimulationen aussetzen, was oft Auswirkungen auch auf ihre Stimmung hat. Da hilft es manchmal einfach, einander in den Arm zu nehmen und zuzuhören. Auch hier sollten die Anstrengungen des Partners bzw. der Partnerin gewertschätzt werden und diese bewusst als Paar durchgestanden werden.

Auch Humor und ein Stück Selbstironie können eine Strategie zur Entspannung, eine Art Entladung sein, die Schwere und das Bedrückende aus der aktuellen Thematik nehmen, gerade auch beim Sex.

Welche Methoden gibt es, trotz Unfruchtbarkeit Vater zu werden?

Wenn sich in deinem Ejakulat unter dem Mikroskop noch gesunde, zeugungsfähige Spermien finden lassen, kann man es mit einer künstlichen Befruchtung versuchen.

Sind die Spermien noch mobil, wird die Kinderwunschklinik es mit einer Insemination, InVitro-Fertilisation (IVF) oder Intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) versuchen: Dafür muss der Mann im Kinderwunschzentrum eine Samenspende abgeben. Unter dem Mikroskop wird sie nach fruchtbaren Spermien gescannt. Werden welche gefunden, werden sie aufbereitet und in einer Petrischale "aufgepeppt". Bei einer Insemination werden nach einer Reifezeit diese Spermien der Partnerin injiziert, in der Hoffnung, dass eines dieser Spermien den Weg in eine Eizelle findet.

Sind die Spermien weniger mobil, werden der Frau (nach einer körperlich belastenden Prozedur) vorab Eizellen entnommen, diese mit Spermien von dir in einer Petrischale zusammengebracht, in der Erwartung, dass es dort zu einer Befruchtung kommt (IVF). Funktioniert das nicht, gibt es die Möglichkeit, ein Spermium unter dem Mikroskop einer reifen Eizelle zu injizieren (ICSI). Bei diesen Methoden werden eine oder zwei befruchtete Eizellen nach einer Reifezeit in die Gebärmutter übertragen.

Die Chancen stehen nicht so schlecht, auf diese Weise schwanger zu werden. Nach einer ICSI-Behandlung stellt sich in etwa bei 15 bis 20 Prozent der Frauen eine Schwangerschaft ein, nach einer IVF-Behandlung zirka bei 32 Prozent.

Allerdings sind Kinderwunsch-Behandlungen sehr teuer und von den Kassen wird, wenn überhaupt, nur ein Bruchteil übernommen. Auch das kann die Beziehung stark belasten und sollte gemeinsam besprochen und entschieden werden.

Bleiben noch eine Schwangerschaft mit Spendersperma oder eine Adoption. Auch diese Frage sollten deine Partnerin und du erst angehen, wenn die Wut-und-Trauer-Phase hinter dir liegt.

Buch-Tipp: Seinen Weg vom unerfüllten Kinderwunsch zum glücklichen Vater durch Adoption schildert Thorsten Beyer in seinem Buch Der neunte Storch.

Wie überwinde ich die Scham in der Kinderwunschklinik?

Die erste Situation, die viele Männer fürchten, ist das Wartezimmer der Kinderwunsch-Klinik. Doch statt dich vor Scham unsichtbar machen zu wollen, denke daran, die anderen Männer, die hier sitzen, ganz Ähnliches durchgemacht haben wie du.

Die zweite Situation ist die Spermaabgabe im Séparée, von Männern auch gerne als "in der Box" bezeichnet. In einer fremden, sterilen Umgebung auf den Punkt Sperma zu produzieren, ist tatsächlich eine Herausforderung. "Deshalb ist es wichtig, dass man die Opferrollen-Phase zu diesem Zeitpunkt bereits hinter sich gelassen hat", sagt Wiese.

Sie rät Männern, vorher eine pragmatische Einstellung zu der Kinderwunschbehandlung zu entwickeln und zu üben, diese Einstellung innerlich wie auf Knopfdruck abrufen zu können. Hilfreich dabei sind Mantras, z.B. "Ich wünsche mir ein Kind mit meiner Partnerin und deshalb bleibe ich ruhig und gelassen, wenn ich mein Sperma abgebe."

Wie übersteht man die Zeit der Kinderwunsch-Behandlung als Paar?

"Gut ist, wenn der Mann mit der Partnerin proaktiv über die Gefühle spricht, die 'Mann' beim Gedanken an die Kinderwunsch-Klinik und der dort auf ihn zukommenden Leistungsanforderung hat", weiß Annette Wiese, "Sich bewusst Zeit nehmen für ein Gespräch, sich auf Augenhöhe begegnen, einander Wertschätzung entgegenbringen und anerkennen, dass genau dies der individuelle Weg ist, den sie als Paar gehen, ist unglaublich wertvoll und lässt einen deutlich ruhigeren Blick auf die bevorstehende Situation zu."

Tipp: Entwickele mit deiner Partnerin ein "Wir-Ritual", zum Beispiel ein gemeinsames Essen im Restaurant, nach dem Termin in der Kinderwunsch-Klinik. Während dieser Zeit sollte ihr euch selbst in den Vordergrund stellen – die Nähe zueinander wahrnehmen, das Thema Kind bewusst ausklammern.

Wie gehe ich mit Fragen nach Kindern im Familien- und Freundeskreis um?

"Na, wann ist es denn bei euch soweit?" Freunde und Verwandte wissen meist gar nicht, was sie einem Paar mit dringendem Kinderwunsch mit solchen Fragen antun. Annette Wiese rät, sich in Absprache mit der Partnerin, kurze klare Antworten zurecht zu legen. "Wir arbeiten dran", könnte eine Antwort auf die Frage sein, ob man denn nicht auch Kinder plant.

Buch-Tipp: Nein Danke, keine Kinderbilder von Christian H. Falkenstein schildert seine Bewältigung der ungewollten Kinderlosigkeit.

Auf Nachfragen, ob es Probleme gibt, oder an wem es liegt, dass bisher sich noch keine Schwangerschaft eingestellt hat, kann man freundlich, kurz und knapp mit "Die Frage geht mir zu weit" beantworten.

Auf jeden Fall sollte man sich mit der Partnerin darauf verständigen, inwieweit man sich auf Gespräche über den Kinderwunsch mit anderen einlässt, sonst fühlt man sich schnell bloßgestellt. Der Zusammenhalt als Paar ist das Allerwichtigste, um durch die Diagnose "Unfruchtbarkeit" ein intaktes Paar zu bleiben, sich sozial nicht zu isolieren und Lebensfreude und Selbstbewusstsein nicht zu verlieren.

Die größte Gefahr, nach der Diagnose "Unfruchtbarkeit" tatsächlich mit dem Kinderwunsch abschließen zu müssen, ist, wenn durch den daraus entstehenden Stress die Beziehung kaputt und das Selbstbewusstsein verloren geht. Dafür besteht erst einmal kein Grund. Gestehe dir die 3 Verarbeitungs-Phasen zu, forme aus dir und deiner Partnerin ein Team und werde aktiv, statt in Selbstmitleid zu versinken. Dann werdet ihr womöglich trotz der anfänglichen Diagnose "Unfruchtbarkeit" doch noch ein glückliches Elternpaar.

Warum Väter unbedingt zu einem Coach gehen sollten
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