Gender Disappointment: Wenn das Wunschkind nicht das erhoffte Geschlecht hat

Gender Disappointment
Hauptsache gesund? Von wegen! Wenn das Wunschkind nicht das erhoffte Geschlecht hat

ArtikeldatumVeröffentlicht am 19.08.2026
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Eine Gender Reveal Party
Foto: Getty Images / Pressmaster

Felix träumte nicht nur davon, Vater einer Tochter zu werden. Von Beginn der Schwangerschaft seiner Frau an war für den damals 31-Jährigen klar: "Unser Baby wird ein Mädchen". Vor seinem inneren Auge sah er dieses Mädchen in einem Kleidchen, mit dem er auf den Spielplatz ging und Fahrrad fuhr. Auch einen schönen Namen für ihr Ungeborenes fanden die werdenden Eltern schnell. An Jungennamen verschwendete Felix keinen Gedanken. Die fand er eh alle doof.

Enttäuscht über das Geschlecht des eigenen Kindes?

Es kam anders: Als er erfuhr, dass seine Wunschtochter ein Sohn werden würde, war Felix zwar nicht enttäuscht, aber ernsthaft überrascht – und sah die Bilder in seinem Kopf zusammenbrechen. Damit hatte er nicht gerechnet. Und spürte einen kurzen Verlustschmerz darüber, dass es das Kind aus seinen Träumen so nun doch nicht geben wird. "Ich weiß gar nicht, woher diese Vorstellung kam", sagt Felix heute, 5 Jahre später. Seine Familie kommt aus Sachsen, gemeinsam leben sie in Stuttgart.

Er denkt laut nach und findet keine Antwort: "Meine Geschwister und ich sind Scheidungskinder, meine Mutter hat uns alleine großgezogen. Vielleicht liegt es daran?" Das Bild des Vaters mit der kleinen Tochter gefiel ihm jedenfalls seit jeher besser als das des gemeinsamen Fußballspielens mit dem Sohn. Er weiß, dass viele werdende Väter sich genau das wünschen – und dass diese Rollenbilder nicht seinem Typ entsprechen: "Ich spiele wahnsinnig schlecht Fußball", scherzt er und ergänzt: Sport, Autos, Grillen, "diese Klischees sind alle nicht so meins".

Felix hatte Glück: Die falsche Vorstellung konnten er und seine Frau schnell mit der Realität abgleichen und sich danach über ihre Elternschaft vor und nach der Geburt uneingeschränkt freuen. In seinen späteren Träumen während der Schwangerschaft traf er zudem auf einen Jungen. Die Erwartungen hatten sich im Kopf zurechtgerückt. Bei anderen Eltern zeigt sich statt einer Überraschung eine tiefergehende Enttäuschung über das Geschlecht des Kindes. Man spricht dann vom sogenannten "Gender Disappointment". Was ist konkret damit gemeint? Und wünschen sich Männer, anders als Felix, wirklich öfter Söhne statt Töchter?

Was "Gender Disappointment" bedeutet

Inke Hummel ist Pädagogin, Familienberaterin und Bestseller-Autorin zahlreicher Sachbücher, etwa "Miteinander durch die Babyzeit". Sie erklärt, dass es "Gender Disappointment" durchaus als Gefühl bei werdenden Eltern und als Phänomen in der Psychologie gebe – aber keine ausreichende Studienlage dahingehend, dass dieses Phänomen in Deutschland in Bezug auf Jungen breiter wäre. "Der Begriff bedeutet allgemein, dass ich das Geschlecht meines Kindes erfahre und eine Enttäuschung spüre, weil ich damit bestimmte Aspekte assoziiere, die ich für negativ oder herausfordernd halte", sagt sie und erläutert: "Im Grunde steckt eine Erwartungshaltung als unbewusste innere 'Kosten-Nutzen-Rechnung' dahinter, die nicht stimmen muss, aber sich echt anfühlt."

Und wo kommen bestimmte Erwartungshaltungen her? Die Enttäuschung, sagt Hummel, fuße gewiss auf gewachsenen und sich ändernden gesellschaftlichen Grundlagen wie Arbeitsteilung, Familiengründungen und kulturell erlernten Rollenbildern: In Deutschland etwa würden so genannte "Stammhalter" nicht mehr gebraucht, dafür fürsorgliche Kinder und welche, die "wenig Stress" machten. "Das wird bei uns eher mit Mädchen konnotiert", sagt die Mutter von drei Söhnen. "In einigen anderen Kulturkreisen ist das anders, in einigen weiteren war es schon immer so. Gender Disappointment ist also ein Gesellschaftsphänomen und ziemlich unabhängig von Mensch-inhärenten Fakten."

Podcast-Tipp: Expertin Inke Hummel war auch schon mal Gast in unserem Papa-Podcast, hier geht's zum Gespräch:

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Welche Ursachen "Gender Disappointment" hat

The feeling is real: Das Gefühl der Enttäuschung erwächst also nicht allein aus persönlichen Präferenzen, sondern aus darunter liegenden, aktuellen oder historischen, harten Fakten. Auf evolutionärer Ebene etwa ging es einst um Erbfolge, Landwirtschaft oder militärische Stärke – in patrilinearen Gesellschaften war ein Sohn ökonomische Notwendigkeit. Das hat sich ins kollektive Unbewusste eingeschrieben und wirkt auch dort nach, wo die ökonomischen Gründe längst weggefallen sind. Auf politisch-rechtlicher Ebene war der Sohnwunsch zum Beispiel in Ländern mit strenger Einkindpolitik wie China existenziell. Dort und in Indien führte er gar zu geschlechtsselektiven Abtreibungen und einem signifikant gestörten Geschlechterverhältnis.

So drastisch war die Geburtenlage in Deutschland nie von Politik beeinflusst, es gibt keine belastbaren Studien. Eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2008 zeigte aber, dass zumindest Väter in den USA nach der Geburt von Töchtern häufiger ihre Familien verließen – was auf eine tiefere Bindungsvorstellung hindeutete, die sich am Sohn orientierte. Durch feministische Bewegungen auf der einen und konservative Backlashs auf der anderen Seite, von MeToo bis Manosphäre, dürften sich die Erwartungshaltungen von werdenden Eltern in Bezug auf das Geschlecht ihres Nachwuchses in jüngerer Vergangenheit erneut weltweit verändert haben – auf eine Art und Weise, deren Folgen nicht abzusehen sind. Zumal es oftmals keineswegs die eigenen Erwartungen sind, die Stress oder Enttäuschung produzieren, sondern, wie so oft, die Sprüche anderer Erwachsener. Die, die unterstellen, man wäre mit dem Geschlecht seines Kindes bestimmt nicht glücklich. Die Content-Creatorin Tessa Watzik etwa berichtet auf ihrem Instagram-Account @minneandme über ihr Gefühl von Übergriffigkeit, nachdem Außenstehende Mitleid und Bedauern darüber ausdrückten, dass Tessa nach zwei Söhnen einen dritten bekam. "Ein Junge ist kein Platzhalter für ein Mädchen", schreibt sie, "kein Trostpreis. Kein zweiter Platz. Er ist einfach ein Kind. Mein Kind."

Wann Eltern sich beim "Gender Disappointment" Hilfe suchen sollten

Woher auch immer der Wunsch kommt, lieber einen Jungen oder ein Mädchen auf die Welt zu bringen: Müssen sich Väter oder Mütter Sorgen machen, wenn sie eine Enttäuschung spüren? Schließlich wollen sie ihr Kind doch bedingungslos lieben und annehmen – ob Junge oder Mädchen, ob eines Tages cis, trans oder non-binär.

Die Psychologin und Familientherapeutin Stefanie Heer rät unter anderem dazu, die eigenen Gefühle nicht zu verdrängen und mit einem Ritual Abschied vom Wunschbild zu nehmen. Inke Hummel beruhigt: "Ich halte Sorgen erst dann für angebracht, wenn Eltern tatsächlich einen Leidensdruck erleben", sagt sie und denkt dabei zum Beispiel daran, dass Betroffene durch Geschlechterklischees mehr Probleme von außen erfahren "oder sich Unkenrufe wie 'der wilde Sohn mit ADHS, Schulunlust und miesen Bildungschancen' tatsächlich erfüllen". Wichtig sei trotzdem, dann ins Konstruktive zu kommen.

Fazit