Australien verbietet Social Media für unter 16-Jährige, Deutschland diskutiert. Drei Hamburger Eltern machen derweil einfach: Mit dem Medienführerschein bereiten sie Kinder auf die digitale Welt vor. Florian Schleinig, Mitgründer der OnlineCrew, Vater eines zehnjährigen Sohnes und Host des "Echte Papas"-Podcasts, erklärt, warum Verbote zu kurz greifen – und was Väter konkret tun können.
Florian, ihr habt den Medienführerschein entwickelt – einen Online-Kurs für Kinder ab der 5. Klasse. Warum braucht es das überhaupt? Können wir unseren Kids nicht einfach selbst beibringen, wie das mit dem Internet funktioniert?
Klar, das versuchen wir alle. Aber mal ehrlich: Wie gut kennen wir uns selbst aus beziehungsweise können wir diese Komplexität simpel in Worte fassen, damit unsere Kinder das verstehen? Weißt du, wie der Algorithmus entscheidet, was dein Kind auf TikTok sieht? Warum der Feed genau diese Inhalte zeigt? Die meisten von uns sind mit dem Internet aufgewachsen, als es noch ein anderes war. Facebook war ein Freunde-Netzwerk, kein Aufmerksamkeitsmonster. Heute stecken hinter jeder App Geschäftsmodelle, die darauf optimiert sind, unsere Aufmerksamkeit so lange wie möglich am Bildschirm zu binden. Das System zu verstehen – das ist der erste Schritt. Und genau da setzen wir an.
Du bist selbst Vater eines Zehnjährigen. Was war der Moment, in dem du gemerkt hast: Wir müssen was tun?
Als mein Sohn anfing, uns nach einem eigenen Server für sein Minecraft-Spiel zu fragen. Ich habe mir Gedanken gemacht, wie wir ihm dahingehend einmal einen Rundumblick geben können und habe festgestellt: Es gibt kein Angebot, was er selbstständig durchführen kann, was gleichzeitig besser erklärt als ich und zudem mich auch auf dem Laufenden hält, was er genau gerade gelernt hat. Also es gibt quasi keinen Schwimmkurs fürs Internet. Du kannst dein Kind zum Seepferdchen schicken, aber ins digitale Wasser werfen wir sie einfach rein und hoffen, dass sie nicht untergehen. Das war für mich nicht akzeptabel. Also haben meine Frau Vitesse, Stefan und ich uns hingesetzt und selbst etwas gebaut.

Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen, ohne sich selbst aufzugeben. Ich muss nicht zum Digital-Experten werden, um mein Kind zu begleiten. Der Medienführerschein gibt meinem Kind und mir als Eltern Orientierung und gleichzeitig auch eine gemeinsame Sprache, weil wir als Eltern durch Level-Updates dabeibleiben und selbst lernen, wie wir mit unserem Kind über die einzelnen Themen sprechen können: Was hat er gelernt? Welche Fragen kann ich stellen? Wo braucht er meine Hilfe? So bleibe ich im Loop, ohne der Oberlehrer sein zu müssen. Das ist für mich modernes Vatersein: Präsent sein, Hilfe und Vertrauen bieten, ohne zu kontrollieren.
Die Politik diskutiert gerade über Social-Media-Verbote für Minderjährige. Australien hat's vorgemacht, die EU könnte nachziehen. Was hältst du davon?
Ich verstehe den Impuls. Die Dringlichkeit war selten so offensichtlich wie in diesen Wochen: Australien hat Ende 2025 als erstes Land weltweit ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt. Die EU hat im Mai 2026 ein klares Signal gegeben: Ein EU-weites Gesetz könnte noch in diesem Sommer Realität werden. Dänemark und Malaysia arbeiten an vergleichbaren Regelungen.
In Deutschland hat Bildungsministerin Karin Prien von der CDU eine Expertenkommission "Jugendschutz in der digitalen Welt" eingesetzt, deren konkrete Handlungsempfehlungen Ende Juni 2026 vorgelegt werden – der Abschlussbericht folgt im September. Die SPD-Fraktion fordert ein Verbot für unter 14-Jährige, Bundeskanzler Friedrich Merz zeigt Sympathie für eine Altersgrenze von 16 Jahren.
Gleichzeitig wächst die Kritik an reinen Verbotsansätzen: Am Internationalen Kindertag am 1. Juni 2026 hatte die Kindernothilfe einen "Social-Media-TÜV" gefordert – statt pauschaler Verbote. Das Deutsche Kinderhilfswerk, der Lehrerverband, die Gesellschaft für Medienwissenschaft und der Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit warnen einhellig: Verbote allein reichen nicht. Die Leopoldina empfiehlt Altersbeschränkungen ab 13, betont aber die Notwendigkeit begleitender Bildungsmaßnahmen.
Die Debatte dreht sich im Kreis zwischen Verbieten und Erlauben. Was fehlt, ist ein konkretes Programm, das Kinder tatsächlich vorbereitet. Und darum diskutieren wir nicht mit, sondern bringen etwas auf den Weg. Machen statt reden.
Was lernen die Kids beim Medienführerschein konkret?
Der Kurs umfasst 3 Stufen mit je 6 Leveln. Jedes Level beginnt mit einem kurzen Video zu einer alltagsnahen Situation, vermittelt anschließend fundiertes Wissen und schließt mit einem kurzen Verständnischeck ab. Für jede abgeschlossene Einheit erhalten die Kinder ein Badge. Nach erfolgreichem Abschluss aller Einheiten wird der Medienführerschein verliehen.
Weiterhin gibt der Medienführerschein Aufklärung über das System dahinter – und warum das Wissen darüber wichtig ist. Zum Beispiel: Wer entscheidet eigentlich, was ich auf Social Media sehe? Woher weiß der Feed so genau, was mir gefällt? Warum sammeln Webseiten meine Daten – was interessiert die, was ich tue? Hinter jeder App, jedem Feed und jedem Like stecken Geschäftsmodelle, Algorithmen und Entscheidungen – von Menschen gemacht, mit einem Ziel: unsere Aufmerksamkeit so lange wie möglich zu halten. Das müssen Kinder von Anfang an lernen.
Podcast-Tipp: Das Thema Handysucht des Kindes haben wir auch schon einmal in unserem Papa-Podcast besprochen, hier geht's zum Gespräch:
Du sagst: "Kinder hören nicht auf Verbote – aber sie hören aufeinander." Wie setzt ihr das um?
Die Kids durchlaufen die Level, sammeln Abzeichen für den Lernfortschritt und schließen am Ende einen sozialen Vertrag, nämlich respektvolles Verhalten online. Das ist Peer-to-Peer-Motivation. Wenn die Crew sich einig ist, dass Hass und Mobbing im Klassenchat nicht okay sind, hält sich das besser als jede Ansage von uns. Wir nennen das die Crew-Kultur: Respekt, Vorsicht, Kritikfähigkeit. Die Kinder tragen Verantwortung füreinander. Und das vermitteln wir ihnen ebenso im Online-Kurs.
Was kostet der Spaß – und lohnt sich das?
Unsere OnlineCrew ist als gemeinnützige gUG, also haftungsbeschränkt, organisiert. Die Hälfte der Erträge fließt in die Weiterentwicklung des Medienführerscheins. Die andere Hälfte wird an wohltätige Organisationen gespendet, die sich für das Wohl von Kindern einsetzen.
Der Kurs kann für Familien ab 14 Euro einmalig gebucht werden. Entweder stufenweise oder im Ganzen mit 18 Leveln. Für Schulen gibt es Klassen- und Schullizenzen auf Anfrage. Da wir ein modulares System haben, können wir auch für die Schulen dann eine ganz individuelle Level-Zusammenstellung vornehmen und so die schulischen Bedürfnisse besser bedienen.
Und ob es sich lohnt? Gegenfrage: Was kostet es, wenn dein Kind ins Cybermobbing gerät? Wenn es auf Fake News reinfällt? Wenn es süchtig nach Likes wird? Der Medienführerschein ist eine Investition in die digitale Selbstständigkeit deines Kindes.
Noch ein Tipp für Väter, die das Thema bisher vor sich hergeschoben haben?
Fang an. Nicht morgen, nicht wenn das Kind 12 ist – jetzt. Die meisten Kids haben mit 10 ihr erstes Smartphone. Ab der 5. Klasse sind sie voll drin in Klassenchats und Social Media. Das ist der perfekte Zeitpunkt für den Medienführerschein. Und wenn wir ehrlich sind, sollten wir dann noch früher beginnen, als ab der Grundschule.





