Kein Coach, kein Paartherapeut! Aber Ehemann, Vater von zwei Kindern und Blogger. Auf seiner Website "Reden ist sexy" schreibt Dirk Ziemke über Beziehungen und Kommunikation und hilft Männern in Langzeitbeziehungen so, besser mit ihren Frauen zu kommunizieren. Sein Ziel: mehr Nähe, Verständnis, Leidenschaft und Harmonie in die Beziehung zu bringen – ehrlich, humorvoll und ohne so zu tun, als hätte er selbst schon alle Antworten gefunden.
Was seine eigene Partnerschaft dauerhaft geprägt hat, ist die Geburt seines zweiten Kindes. "Manchmal bereue ich diese Entscheidung sogar", sagt er und spricht damit ganz offen aus, was viele andere Männer nur heimlich denken und was inzwischen langläufig unter dem Begriff "Regretting Fatherhood" diskutiert wird. Im Interview mit Men's Health Dad erzählt er, was er denkt, fühlt und (inzwischen) auch sagt.
Hattest du dir das Leben mit zwei Kindern tatsächlich leichter vorgestellt als gedacht?
Ja. Ich dachte wirklich: Wir kennen das doch alles schon. Windeln, Schlafmangel, Babybrei, Trotzphasen – das haben wir beim ersten Kind schließlich auch geschafft. Wir hatten das alles schon einmal erlebt. Also dachte ich, wir wären inzwischen Profis. Im Nachhinein würde ich sagen: Wir waren Anfänger mit gefährlichem Halbwissen. Denn das zweite Kind ist eben nicht einfach noch einmal dasselbe Programm. Es kommt in eine Familie, die bereits existiert. Da ist schon ein Kind mit seinen Bedürfnissen. Dazu kommen Arbeit, Haushalt, Termine und natürlich die Partnerschaft. Und plötzlich muss alles gleichzeitig funktionieren. Genau diese Gleichzeitigkeit hatte ich komplett unterschätzt.
Was verändert sich mit dem zweiten Kind am stärksten?
Die gesamte Dynamik der Familie. Beim ersten Kind verändert sich vor allem dein Alltag. Beim zweiten verändert sich meiner Erfahrung nach das komplette Familiensystem. Mit einem Kind konnten wir uns noch relativ gut abwechseln. Einer übernimmt, der andere hat kurz Luft. Einer geht mit dem Kind spazieren, während der andere duscht oder einfach mal zehn Minuten auf dem Sofa sitzt und nichts tut. Mit zwei Kindern wird selbst eine kleine Pause zur logistischen Herausforderung. Während du dich um das eine kümmerst, braucht dich das andere ebenfalls. Und genau da merkst du: Du kannst dich nicht mehr einfach aufteilen. Das klingt vielleicht banal, macht aber einen gewaltigen Unterschied. Und dann kommt noch der Mental Load dazu.
War Mental Load für dich vorher überhaupt kein Thema?
Nicht wirklich. Ich dachte lange ziemlich naiv: Frauen organisieren eben mehr. Bis ich selbst gemerkt habe, wie sich das anfühlt, wenn dein Kopf permanent weiterarbeitet. Hat die Große morgen Sport? Sind genug Windeln da? Wer geht zum Kinderarzt? Wann ist das Elterngespräch? Was müssen wir für den Kindergeburtstag besorgen? Man sitzt vielleicht gerade auf der Arbeit und man sollte eigentlich auf etwas völlig anderes konzentrieren – und gleichzeitig läuft im Hinterkopf die Familienorganisation weiter. Das Anstrengende ist dabei gar nicht nur die tatsächliche Arbeit. Es ist dieses permanente Mitdenken. Was muss heute passieren? Was morgen? Wer macht was? Was dürfen wir auf keinen Fall vergessen? Und irgendwann merkst du: Dein Körper sitzt vielleicht gerade auf dem Sofa, aber dein Kopf rattert weiter und kommt nicht zur Ruhe.

Hat das auch eure Beziehung verändert?
Definitiv. Ich würde aber nicht sagen, dass unsere Ehe plötzlich schlechter wurde. Sie wurde härter und in gewisser Weise gnadenlos ehrlich. Schlafmangel ist ziemlich brutal. Da werden aus Kleinigkeiten plötzlich eine Grundsatzdiskussion. Die Zündschnur wird entsprechend kürzer. Zum Beispiel ein Teller, der herumsteht, ist dann nicht mehr einfach ein Teller. Plötzlich geht es um die Frage: Siehst du eigentlich, was ich hier alles mache? Und irgendwann streitet man gar nicht mehr über den Teller. Man streitet darüber, wer sich noch gesehen und wertgeschätzt fühlt. Das Schwierige war, dass wir beide unglaublich viel gemacht haben. Trotzdem hatte wahrscheinlich jeder von uns zeitweise das Gefühl, der andere würde den eigenen Einsatz nicht sehen. Das ist eine ziemlich explosive Mischung.
Was war die Folge?
Wir haben angefangen, ständig zu rechnen. Nicht mit Geld sondern mit Energie. Wer ist heute müder? Wer hatte letzte Nacht weniger Schlaf? Wer darf zwanzig Minuten allein sein? Wer schafft es überhaupt mal in Ruhe zu duschen? Erholung wird plötzlich zu einer Art Währung und wenn beide Menschen dauerhaft am Limit sind, können völlig banale Dinge eskalieren. Nicht, weil sie objektiv so wichtig wären. Sondern weil einfach keine Reserven mehr da sind. Dann reicht manchmal schon die falsche Tonlage und aus "Kannst du bitte den Tisch abräumen?" wird eine Diskussion über die gesamte Ehegeschichte der letzten drei Jahre. Das ist natürlich keine besonders gute Ausgangslage für eine Beziehung.
Podcast-Tipp: Das Thema Mental Load stand auch schon mal im Mittelpunkt unseres Papa-Podcasts, hier geht's zum Gespräch:
Gab es Momente, in denen du dein Leben vor dem zweiten Kind vermisst hast?
Natürlich. Ich habe spontane Abende vermisst. Ausschlafen. Ruhe. Einfach mal nichts tun. Auch die Möglichkeit, ein Kind unkompliziert bei den Großeltern zu lassen und dadurch wieder etwas Paarzeit zu haben. Ich glaube, wir tun uns als Eltern manchmal keinen Gefallen, wenn wir so tun, als müsste Elternschaft ausschließlich aus Glück und Dankbarkeit bestehen. Natürlich bin ich dankbar und natürlich liebe ich meine Kinder. Aber manchmal wollte ich eben auch einfach meine Ruhe zum Durchatmen. Ich finde nicht, dass sich das widerspricht. Man kann seine Kinder unglaublich lieben und gleichzeitig denken: "Ich möchte jetzt einfach einmal zwei Stunden lang von niemandem angesprochen werden." Das macht einen nicht zu einem schlechten Vater. Das macht einen zu einem Menschen.
Wann kamen bei dir Gedanken wie: "Hätten wir beim ersten Kind aufgehört …"?
Vor allem in extremen Situationen. Nachts, wenn der Kleine wach war. Wenn meine Frau völlig erschöpft war. Wenn wir uns wegen irgendeiner Kleinigkeit angeschrien haben. Oder wenn ich mich gefragt habe: Wo sind wir als Paar eigentlich geblieben? In solchen Momenten habe ich nicht gedacht: "Ich will meinen Sohn nicht." Das wäre etwas völlig anderes. Mein Gedanke war eher: Ich habe vollkommen unterschätzt, was diese Entscheidung mit unserem bisherigen Leben machen würde. Ich hatte mir vorgestellt, dass wir einfach ein weiteres Kind bekommen. Ich hatte nicht verstanden, dass wir damit gleichzeitig unser gesamtes Familienleben neu organisieren müssen.
War es schwierig für dich, dir solche Gedanken überhaupt zu erlauben?
Ja, weil solche Gedanken sehr schnell moralisch bewertet werden. Wenn jemand sagt: "Ich habe die Entscheidung für ein Kind manchmal bereut", klingt das für viele sofort so, als würde er sein Kind ablehnen. Für mich sind das aber zwei völlig unterschiedliche Dinge. Ich kann die Entscheidung für ein zweites Kind in bestimmten Momenten bereuen und meinen Sohn gleichzeitig über alles lieben. Liebe löst keine organisatorischen Probleme und Liebe verhindert keinen Schlafmangel. Liebe sorgt auch nicht automatisch dafür, dass zwei völlig erschöpfte Menschen vernünftig miteinander reden. Das musste ich erst lernen. Liebe ist nicht das Gegenteil von Überforderung. Du kannst beides gleichzeitig empfinden.
Was war rückblickend deine größte Fehleinschätzung?
Dass ich dachte, ein zweites Kind bedeutet im Grunde: noch einmal Baby. Ein bisschen mehr Wäsche, weniger Schlaf und ein bisschen mehr Organisation. Das war ziemlich naiv. Denn es kommt eben nicht einfach "noch ein Baby" dazu. Es kommt ein weiterer Mensch dazu. Eine neue Persönlichkeit, neue Bedürfnisse und neue Beziehungen. Dadurch verändert sich auch alles andere. Die Beziehung zwischen uns als Eltern, die Beziehung zum ersten Kind die Beziehung zwischen den Geschwistern und natürlich die Beziehung zu diesem neuen kleinen Menschen. Es entsteht eine völlig neue Familienkonstellation. Das zweite Kind ist deshalb nicht einfach die Wiederholung dessen, was man beim ersten schon erlebt hat. Es ist ein komplett neues Kapitel.
Buch-Tipp: Zum Thema Mental Load können wir dir auch den Ratgeber "Raus aus der Mental Load-Falle: Wie gerechte Arbeitsteilung in der Familie gelingt" von Patricia cammarata empfehlen.
Was würdest du heute anders machen?
Ich würde viel früher zugeben, wenn ich überfordert bin, und nicht erst dann, wenn ich schon kurz davor bin, an die Decke zu gehen. Ich würde meine Frau früher fragen, was sie tatsächlich braucht, statt davon auszugehen, dass ich das ohnehin weiß. Und ich würde früher darüber sprechen, wenn ich merke, dass wir als Paar anfangen, uns zu verlieren. Denn darin sehe ich heute eine der größten Gefahren. Nicht, dass die Wohnung chaotisch ist oder dass die Kinder schlecht schlafen. Sondern dass man sich irgendwann daran gewöhnt, nur noch zu funktionieren. Dann ist man vielleicht ein hervorragend organisiertes Elternteam. Aber irgendwann kein Paar mehr und das darf nicht passieren.
Was sollten Paare deiner Meinung nach besprechen, bevor sie sich für ein zweites Kind entscheiden?
Nicht nur Namen, Kinderwagen und Kinderzimmer. Sondern vor allem die unangenehmen Fragen. Wer übernimmt nachts was? Wer reduziert gegebenenfalls seine Arbeitszeit? Wie verteilen wir den Mental Load? Was machen wir, wenn einer von uns an seine Grenzen kommt? Und woran merken wir überhaupt, dass es so weit ist? Wer kümmert sich um das ältere Kind, wenn das Baby krank ist? Was passiert mit der Paarzeit? Und wie wollen wir verhindern, dass unsere Beziehung irgendwann nur noch aus Absprachen über Kinder, Haushalt und Termine besteht? Natürlich kann man das Leben nicht komplett durchplanen. Das wäre auch ziemlich lustig. Du kannst einen perfekten Familienplan aufstellen und dann kommt dein Baby und entscheidet um 3:17 Uhr, dass Schlaf komplett überbewertet wird. Darum geht es auch gar nicht. Es geht darum, Erwartungen sichtbar zu machen. Denn viele Konflikte entstehen später auch deshalb, weil beide Menschen mit völlig unterschiedlichen Vorstellungen in diese Situation hineingehen.
Würdest du dich heute noch einmal für deinen Sohn entscheiden?
Wenn du mich fragst, ob ich ihn hergeben würde: Niemals. Nicht für alles Geld der Welt. Nicht für ein ruhigeres Leben. Und auch nicht für zehn Stunden Schlaf. Er gehört zu meinem Leben. Genau deshalb kann ich heute zwei Dinge gleichzeitig sagen: Ich hätte mir manches anders vorgestellt. Und ich möchte ihn um keinen Preis missen. Für mich widerspricht sich das nicht mehr.
Was ist dein wichtigstes Learning aus dieser Zeit?
Ich bereue nicht meinen Sohn. Ich bereue manchmal die Naivität, mit der ich geglaubt habe, ich wüsste schon, was auf uns zukommt. Ich dachte damals, Erfahrung würde Vorbereitung ersetzen. Ich dachte, wir würden das schon irgendwie schaffen. Wir haben es auch geschafft. Aber deutlich härter, als es vielleicht hätte sein müssen. Deshalb würde ich einem Paar, das über ein zweites Kind nachdenkt, weder sagen: "Macht es." Noch würde ich sagen: "Lasst es." Ich würde sagen: Redet vorher ehrlich miteinander. Über eure Ängste. Über eure Erwartungen. Über eure Grenzen. Über eure Rollen. Über eure Beziehung. Und stellt euch auch die unangenehme Frage: Was passiert mit uns, wenn es viel härter wird, als wir gerade glauben? Nicht, weil ihr dann auf alles vorbereitet seid. Das werdet ihr niemals sein. Sondern weil ihr zumindest schon einmal darüber gesprochen habt, was euch wichtig ist.





