Cyberchondrie: Wann eine Diagnose von Dr. Google wirklich hilft

Wer im Internet nach Diagnosen sucht, gerät leicht in Panik
Wer im Internet nach einer Ursache für seine Krankheits-Symptome sucht, stößt schnell auf Worst-Case-Diagnosen

Allein zum Stichwort Fieber liefert Google in einer Sekunde über 12 Millionen Treffer. Doch welcher hilft? So findest du seriöse Krankheits-Informationen im Netz

Dr. Google, was fehlt mir? Frag das besser nicht! Denn dann wird aus Halsschmerzen schnell eine Lungenentzündung. Die Suche im Netz nach Krankheiten und Heilmitteln macht uns meist kränker als wir wirklich sind – und sie hat sogar ein eigenes Leiden erschaffen: Cyberchondrie.

Knapp 80 Prozent von uns googeln regelmäßig Symptome im Internet. Meistens so harmlose Dinge wie "Haarausfall", "ständig müde" oder "Magenschmerzen nach Essen". Und damit konsultieren wir Dr. Google tatsächlich häufiger als unseren eigenen Hausarzt. Weil es ja auch so schön einfach ist, online ein Hausmittel gegen Reizhusten zu finden und sich so den zeitaufwendigen Besuch beim Doc zu ersparen. Doch bei manchen scheinen diese praktischen Gründe genau das Gegenteil zu bewirken: Die schnellen Befunde, die man dank Internetrecherche präsentiert bekommt, lösen regelrechte Panik aus. Trifft diese dann auch noch auf eine hypochondrische Störung, macht die Web-Diagnose die Betroffenen wirklich krank. Ein Teufelskreis.

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Vermeiden Sie Chatforen, wenn Sie eine Diagnose suchen
80 Prozent der Deutschen googlen regelmäßig Krankheits-Symptome im Internet

Was ist Cyberchondrie?

Cyberchondrie nennen es Experten, wenn man sich schwere Erkrankungen einbildet, nur weil das Internet sie befeuert. Sie schätzen, dass in Deutschland heute zwischen 600.000 und 800.000 Menschen unter ­Hypochondrie leiden – und Cyberchondrie ist eben eine Begleiterscheinung dieser Krankheit. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich wie immer deutlich höher. Sogar Menschen aus ­medizinischen Berufen wie Pfleger erkranken statistisch gesehen vermehrt. Im internationalen Vergleich belegen wir mit diesen Zahlen einen der traurigen Spitzenplätze – und die Tendenz ist nach wie vor steigend! Das zeigen Untersuchungen, die Professor Peter Tyrer, Psychiater am Zentrum für seelische Gesundheit am Imperial College in London, durchgeführt hat. Als Ergebnis hat er einen generellen Anstieg von ­Hypochondrie in der Gesamt­bevölkerung festgestellt.

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Wie entsteht eine Cyberchondrie?

Warum bei manchen Menschen aus einer normalen Angst vor Krankheiten eine Hyper- oder Cyberchondrie entsteht, ist mittlerweile gut erforscht. "Die so genannte Alexithymie, umgangssprachlich auch Gefühlsblindheit genannt, zählt zu den Risikofaktoren", erklärt Dr. Dina Barghaan, die als Psychologische ­Psychotherapeutin in der psychosomatischen Schön Klinik in Bad Bramstedt arbeitet. "Die Betroffenen sind kaum oder gar nicht in der Lage, ihre Gefühle zu beschreiben. Aber sie nehmen körperliche Symptome wahr und fokussieren sich dann unter Umständen auf sie."

Auch scheint es eine genetische Disposition zu geben: "Kinder von psychisch kranken Eltern neigen später ­tendenziell häufiger unter Angststörungen." Aber auch Schicksalsschläge und der Erziehungsstil können Weichensteller sein. "Betroffene mussten oft bereits in jungen Jahren selbst Krankheits­erfahrung sammeln oder bei wichtigen Bezugspersonen miterleben", sagt Barghaan. "Oder sie wuchsen extrem überbehütet auf. Denn sehr ängstliche Eltern, die ihre Kinder ständig vor möglichen Gefahren warnen und zur Vorsicht ermahnen, können ungewollt ihre Sorgen übertragen und damit den Keim für die Ängste legen.

Wer medizinische Informationen im Netz sucht, sollte mit Logik statt Panik vorgehen.
Wer medizinische Informationen im Netz sucht, sollte mit Logik statt Panik vorgehen.

Wie kann die Selbstdiagnose im Internet krank machen?

Man muss nun nicht bei den meisten, die ab und zu "Bauchschmerzen" googeln und dann bei dem Wort "Bauchspeicheldrüsenkrebs" hängen bleiben und zumindest mal kurz einen sorgenvollen Gedanken haben, nicht sofort von Cyberchondern sprechen. Aber so oder so ist das Netz nicht selten die Ursache, ­warum wir uns plötzlich kränker fühlen, als wir wahrscheinlich in Wirklichkeit sind. Denn heute hat jeder mit ein paar Klicks Zugang zu Informationen über Krankheiten, von denen man früher wohl nie gehört hätte. Und schwarz auf weiß auf dem Bildschirm kommen sie einem plötzlich gar nicht mehr so absurd vor. Früher tauchten Erkrankungen wie etwa Lupus nur in medizinischen Fachbüchern auf, heute erhält man blitzschnell und zu jeder Zeit aus dem Internet mehr Informationen, als manchen guttun. "Solche Recherchen können sich dann verselbstständigen und zum Problem werden", warnt Dr. Dina Barghaan.

Problematisch ist, dass gerade Worst-Case-Szenarien häufig auf den obersten Plätzen der Suchmaschinen landen. Schuld sind die Ranking-­Algorithmen. Und genau das verleitet zu mehr Panik und intensiveren Recherchen – das ermittelten Forscher um Prof. Dr. Eric Horvitz vom Microsoft Research Lab in Redmond, Washington. Sein Team fand durch die Analyse des Internetverhaltens von 515 Personen heraus, dass User selbst bei der Eingabe von harm­losen Wehwehchen, wie Kopfschmerzen, überdurchschnittlich oft auf Seiten mit schweren Erkrankungen, wie einem Hirntumor, landeten oder sich aktiv dorthin klickten.

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Zudem bestätigten die Forscher, dass seltene Krankheiten im Netz prominent präsentiert werden, obwohl sie in der Realität kaum vorkommen. Für Cyber­chonder ist das der pure Horror: Bei vielen löst das wahnsinnige Furcht aus und weckt das Bedürfnis, noch tiefer in die Materie der vermeintlichen Erkrankung einzutauchen. Zudem horchen sie ab sofort noch intensiver in sich hinein und überprüfen dauernd Körperfunktionen wie Puls und Blutdruck. "Dieses Checking-Verhalten verstärkt dann langfristig tatsächlich die Beschwerden, aber auf psychosomatischer Ebene", so Dr. Dina Barghaan.

Vertraue der Diagnose deines Arztes mehr als Dr. Google
Vertraue der Diagnose deines Hausarztes mehr als Dr. Google

Welche Folgen hat Dr. Online für den Besuch beim echten Mediziner?

Nachdem man von Google eigentlich schon eine Diagnose bekommen hat, an die man glaubt, folgt als nächster Schritt in der Regel der Gang zum Arzt. Wenn dieser jedoch Entwarnung gibt oder keinen Befund hat, können Cyberchonder im Gegensatz zu anderen nicht einfach aufatmen und sich über die gute Nachricht freuen. Im Gegenteil: Sie zweifeln den Behandler und dessen Methoden an. "Sie gehen schlicht davon aus, ihr Gegenüber sei inkompetent oder das Diagnose­verfahren war nicht das richtige", erklärt Expertin Dina Barghaan.

Besonders Gesundheitsforen und Online-Selbsthilfegruppen können ein unerschöpflicher Fundus an Horrorgeschichten sein und damit für sensible Menschen ein Risiko darstellen. "Hier herrscht tatsächlich große Gefahr von Wildwuchs", bestätigt auch ­Sebastian ­Vorberg, Vorstandssprecher vom Bundesverband Internetmedizin e.V. "Die Informationen in diesen Bereichen sind häufig nicht verlässlich oder professionell, sondern in erster Linie von persönlichen Erlebnissen und dramatischen Empfindungen geprägt." So lange es um einen seriösen Austausch gehe, wie etwa in dem sehr erfolgreichen amerikanischen Forum patientslikeme.com, wäre das laut Vorberg vollkommen in Ordnung. "Aber es sollte hier keine Diagnostik von Laien vorgenommen werden." Doch eben genau das passiere leider recht oft. Ohnehin sollte man mit den Infos, die man zu manchen Symptomen erhält, vorsichtig sein – auch auf vermeintlich seriösen Gesundheitsseiten. Denn auch diese sind nicht in jedem Fall ärztlich geprüft.

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Kontrollieren Experten die Gesundheits-Websites?

"Im Moment wird die medizinische Qualität im Internet noch nicht flächen­deckend von unabhängigen Ärzten gesichert. Oft betreiben Pharmakonzerne aufwendige Gesundheitsseiten oder finanzieren Blogger und Influencer, indem sie bei ihnen Werbung für ihre Produkte schalten", erklärt Vorberg. Er kennt aber auch die Ursachen für die Zurückhaltung der Ärzte und ihre Skepsis gegenüber Diagnosen und Gesundheitsberatung im Netz: "Da spielen sowohl Vorbehalte gegen das Medium Internet eine Rolle als auch rechtliche Unsicherheiten und monetäre Gründe: Nur wenige Patienten sind bereit, für eine ärzt­liche Beratung via Internet privat in die Tasche zu greifen. Und seitens des gesetzlichen Krankenkassensystems gibt es wenig ­finanzielle ­Anreize, die Patienten auch jenseits des Wartezimmers zu behandeln."

Was hilft Cyberchondern?

Wenn die Gedanken nur noch um das eigene Befinden kreisen und Freunde, aber auch das Äußere vernachlässigt werden, muss man handeln. Hilfreich ist dann meistens eine ambulante Therapie. Doch bis dahin ist es ein langer Weg – und bedarf aufmerksamer Angehöriger oder Ärzte, die den Betroffenen von einer Behandlung überzeugen. Nur in schweren Fällen findet diese stationär und flankiert durch Medikamente statt, damit die Sorgen der Patienten nicht zusätzlich angeheizt werden. Mit unterschiedlichen Ansätzen wird der hypochondrialen Störung zu Leibe gerückt. "Die Patienten lernen, zu verstehen, dass die Krankheitsangst nur ein Stellvertretersymptom für ein anderes zu Grunde liegendes Problem ist, das wir dann behandeln", so Dr. Barghaan.

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Wie erkennt man seriöse Gesundheit-Websites? 

Nicht jede Medizin-Seite oder -App ist unseriös oder angsteinflößend. Abzuraten ist, sich in Chat- und Internetforen über Krankheiten zu informieren. Darin tauschen sich Menschen über Krankheiten aus, die in der Regel keine Experten sind, sondern Betroffene, die nicht selten von extremen Krankheitsverläufen berichten - die durchaus Angst machen können.

In einem seriösen Gesundheitsartikel sollten Experten zu Wort kommen, also zum Beispiel Ärzte oder Arztinnen, in Gesundheitsberufen Ausgebildete, aber auch renommierte Institutionen oder Organisationen wie beispielsweise das Robert Koch Institut oder die Deutsche Aidshilfe. Vorsicht ist geboten, wenn die Gesundheitsinformation offen oder verdeckt Werbung enthält.

Hilfreiche Angebote findest du zum Beispiel hier:

Gesundheitsinformation.de: Herausgeber ist das staatlich finanzierte ­Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Die Artikel sind thematisch und zeitlich immer auf dem neuesten Stand der Wissenschaft. Das Angebot trägt das HONcode-Label, ein ­Qualitätssiegel, das die Schweizer Organisation Health On The Net vergibt.

Krebsinformationsdienst.de: Das Angebot des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) Heidelberg setzt beim Verfassen von Artikeln auf Ärzte und Fachautoren. Die Texte sind teilweise anspruchsvoll, aber top seriös. Trägt HONcode- und ­afgis-Label (­vom Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem e.V.).

Lifeline.de: Die fachlich genauen Artikel werden von Ärzten und Wissenschaftsjournalisten verfasst und sind auch für Laien gut verständlich geschrieben. Weiterer Pluspunkt der Seite: Im Forum „Expertenrat“ beantworten Ärzte die Fragen der User. Lifeline trägt das Qualitätssiegel afgis-Label.

Netdoktor.de: Neben aktuellen und gut aufbereiteten Texten sowie Infos zu Medikamenten, Laborwerten und Untersuchungsmethoden bietet Netdoktor auch eine Suchfunktion für Selbsthilfegruppen und Ärzte an. Zertifiziert durchs HONcode-Label.

Für die meisten ist das Googeln nach Krankheiten zum Glück nicht krankhaft. Wenn man sich durch Dr. Google kränker fühlt als vorher, kann man nur raten: Geh mit Logik und nicht mit Panik an die Analyse. Und vor allem: Geh zu deinem Hausarzt. Der hat dich schließlich viele Jahre gut beraten.