Enge Hosen verbessern die Leistungsfähigkeit von Läufern sportpoint / Shutterstock.com

Kompressionskleidung im Sport

Sportkleidung Ist Kompressionskleidung beim Sport sinnvoll oder Quatsch?

Kompressionskleidung soll die Leistungsfähigkeit im Sport steigern. Stimmt das wirklich? Das sagen die Wissenschaft und ein Marathonläufer dazu

Während Kompressionsstrümpfen früher noch ein verstaubtes Senioren-Image anhaftete, ist um Funktionskleidung mit Kompressionseffekt mittlerweile ein regelrechter Hype ausgebrochen. Ständig sieht man Männer mit hautengen Shirts und Hosen beim Laufen und im Gym. Ausdauersportler wie der langjährige Ultramarathonläufer Hubert Beck sind davon überzeugt. Er sagt: "Ich habe Kompressionskleidung bei längeren Läufen und erschwerten Umgebungsbedingungen in der Wüste und im Gebirge ausprobiert und das ist eine hilfreiche Sache." Doch bringt das wirklich was? Wir haben den Check gemacht.

Was ist Kompressionskleidung überhaupt?

Damit ist enganliegende Sportkleidung gemeint, etwa Strümpfe, Hosen, Shirts, Sleeves, Unterwäsche und sogar Ganzkörperanzüge, die einen Druck auf die Muskulatur ausüben. Dieser soll laut der Hersteller die Arterien weiten und den venösen Rückfluss des Blutes erleichtern. Die Folgen: eine verbesserte Leistungsfähigkeit und schnellere Regeneration. Indem die Funktionskleidung das Muskelgewebe während des Sports stützt, soll sie zugleich die Verletzungsanfälligkeit senken.

Aus was besteht Kompressionskleidung?

Die Funktionskleidung besteht aus atmungsaktiven Materialien, die Feuchtigkeit transportieren, schnell trocknen und eng anliegen. Nur so können sie eine Druckwirkung erzeugen, erklärt Prof. Dr. med. Rüdiger Reer, Generalsekretär des Deutschen Sportärztebundes und Leiter des Arbeitsbereichs Sportmedizin an der Universität Hamburg. Zum Einsatz kommen daher oft Stoffe wie Polyamid, Elastan, Viskose, Baumwolle und Mikrofasern.

Welche Wirkung hat enge Funktionskleidung für Sportler?

Darüber herrscht Uneinigkeit in der Wissenschaft. Einige Studien bestätigen den Effekt der Kompression, andere weisen keinen nach. Kritisch sind dabei vor allem geringe Probandenzahlen und die Messmethoden. Zudem wurde bislang fast ausschließlich die Wirkung von Kompressionsstrümpfen untersucht. In einem Vergleich von 40 Studien zur Kompressionskleidung kamen Forscher der Universität in Valencia 2019 zu dem Fazit: Kompressionskleidung kann zur Regeneration nach dem Sport, nicht aber zur Leistungssteigerung während des Sports beizutragen.

Wie hilft Kompressionskleidung bei der Regeneration?

Auch das Bundesinstitut für Sportwissenschaften rät im Spitzensport zu Kompressionskleidung zur Regeneration nach dem Sport. Etwa zur Erholung über Nacht und bei mehrtägigen Wettkämpfen, empfehlen die Sportwissenschaftler Prof. Alexander Ferrauti von der Ruhr-Universität Bochum und Prof. Mark Pfeiffer von der Johannes Guttenberg-Universität Mainz.

Das Tragen von Kompressionskleidung bringt eine bessere Durchblutung und damit auch eine bessere Sauerstoffzufuhr mit sich, erklärt Sportmediziner Reer. Durch den höheren Blutstrom könnten Sportler auch "Laktat schneller aus dem Gewebe bringen." Laktat ist ein Stoffwechselzwischenprodukt, das beim Training in der Muskulatur entsteht, wenn diese nicht mehr mit ausreichend Sauerstoff versorgt wird. Und das muss abtransportiert und neue Energie in Form von Glukose bereitgestellt werden. In anderen Worten: Wer Kompressionskleidung trägt, ist schneller wieder fit. So regenerierst du schneller.

Verbessert Kompressionskleidung die Körperwahrnehmung?

Definitiv, meint Reer: "Studien zeigen, dass man ökonomischer läuft, besser landet, besser Kraft einsetzen kann." Grund dafür sei eine verbesserte Propriozeption, die Wahrnehmung des Körpers im Raum. Denn durch den Druck der Kompressionskleidung würden die Rezeptoren in den Muskeln, Bändern, Sehnen, Gelenken und der Haut verstärkt angesprochen. Diese Informationen kann dein Körper nutzen, um die Bewegung effizienter und kraftsparender auszuführen. Weitere Benefits seien dadurch auch ein geringeres Verletzungsrisiko und eine Leistungsverbesserung.

Hilft Kompressionskleidung auch Amateursportlern?

Gerade Langstreckenläufer, die Kompressionskleidung tragen, sind bereits aufgrund der verbesserten Körperwahrnehmung etwas schneller und leistungsfähiger, ist sich der 63-jährige Marathonläufer Beck sicher. Zwar sei die Veränderung minimal, aber dennoch spürbar. "Es kann einen Unterschied machen zwischen Goldmedaille und fünften Platz", bestätigt Sportprofessor Reer für Spitzensportler. Trotzdem sei gerade im Amateursport der Effekt noch größer. Denn die Körperwahrnehmung steige zwar bei allen Sportlern. Allerdings sind Profis viel trainierter und nutzen dadurch zum Beispiel ihre Muskelpumpe bereits deutlich effektiver beim Sport. Diese unterstützt den Blutkreislauf. Denn sobald sich ein Muskel zusammenzieht, wird das Blut in den Venen zum Herz gedrückt. Amateure sind weniger trainiert und nutzen die Muskelpumpe weniger effektiv. Der Effekt der Kompressionskleidung sollte bei Freizeitsportlern also deutlich größer sein. Plus: Hobbysportler machen häufiger technisch falsche Bewegungen, die rasch zu Verletzungen führen können. Dagegen helfe die Kompressionskleidung als Schutz.

Welche Kompressionskleidung gibt es?

Kompressionskleidung eignet für zahlreiche Sportarten – ganz gleich, ob zum Laufen, Winter- oder Ballsport, so Experte Reer. Dementsprechend viele Kompressionsprodukte gibt es auf dem Markt:

Kompressionsstrümpfe

Stützstrümpfe (54,95€) sollen über Fuß und Unterschenkel gezogen das Sprunggelenk und den Wadenmuskel schützen. Aber auch im Alltag helfen sie bei langen Fahrten im Auto, Bus, Zug oder Flieger vor einer Thrombose.

Kompressionshosen

Was aussieht wie eine Damenleggins, ist die Kompressionshose. Im Vergleich zu den Kompressionsstrümpfen übt sie zusätzlichen Druck auf die Oberschenkelmuskulatur aus. Damit eignet sie sich vor allem für alle Sportarten, bei denen Beinkraft gefragt ist. Es gibt sie als Kompressionshose (69,95€) oder Shorts (54,95€)

Kompressionsshirts

Kompressionsshirts zeichnen nicht nur die Bauchmuskulatur ab, sondern sollen auch den Oberkörper beim Training unterstützen. Sie fokussieren sich auf Bauch-, Rücken-, Schulter- und zum Teil die Armmuskulatur – je nachdem ob mit oder ohne Ärmel. Damit kommt das Shirt in kurzärmlig (29,95€) oder langärmlig (84,95€) vor allem für Sportarten, bei denen der Oberkörper stark beansprucht wird.

Kompressions-Kombi-Sets

Für alle die sich komplett ausstatten wollen, gibt es auch Kompressionssets von Niksa, bestehend aus Hose und Shirt. Davon soll sowohl die Unter- als auch Oberkörpermuskulatur profitieren.

Kompressions-Sleeves

Punktuelle Unterstützung von Muskeln und Gelenken sollen Sleeves bieten. Diese gibt es für fast alle Körperpartien – egal, ob Ober- oder Unterschenkel Beinlinge von CEP, Kniegelenk, Ober- oder Unterarm von CEP sowie den Ellenbogen.

Kompressionsunterwäsche

Und auch für das beste Stück gibt es Kompressionsshorts von Roadbox (3er Pack). Sie sollen nicht nur die Gesäßmuskulatur, sondern auch den Oberschenkel unterstützen.

Welche Kompressionskleidung ist die richtige für mich?

Das ist immer eine Frage der Strecke, so Experte Beck: "Je kürzer der Lauf, desto weniger nützt die Kompressionskleidung. Bei einem Marathon, der zum Beispiel auf einer flachen Straße ist, genügen im Prinzip die Strümpfe, idealerweise noch ein Shirt." Für Rennen unter Extrembedingungen empfiehlt er den Ganzkörperanzug. Prinzipiell solle man Kompressionskleidung für die Körperpartien kaufen, deren Muskeln während des Sports verstärkt benötigt werden, ergänzt Sportmediziner Reer. Für Tennisspieler ist also zum Beispiel ein Shirt zu empfehlen, da sie den Oberkörper beim Spiel verstärkt einbeziehen.

Entscheidend ist zudem das subjektive Empfinden beim Tragen der Funktionskleidung. Wohlfühlen lautet hier das Stichwort. Denn wer sich gut in seiner Sportbekleidung fühlt, hat bessere Voraussetzungen für sportliche Höchstleistungen. "Kompressionskleidung gibt ein gutes Körpergefühl. Das ist auch ein Effekt, der dann psychisch wirkt: Man fühlt sich besser und stärker", betätigt Beck.

Wie finde ich die richtige Größe?

Garant für die perfekte Passform ist eine korrekte Körpermessung. So sind beim Kauf von Kompressionsstrümpfen beispielsweise neben Geschlecht und Schuhgröße auch die Länge des Unterschenkels sowie der Waden- und Knöchelumfang zu beachten. Bei Kompressionsshirts ähnelt die Größe eigentlich immer der von normalen T-Shirts. Für alles Weitere bieten die meisten Hersteller von Kompressionsbekleidung Größentabellen an.

Der Besuch beim Fachmann lohnt sich immer, damit auch die Druckwirkung auf die Muskulatur stimmt, rät Sportmediziner Reer. Denn hier gilt nicht je mehr, desto besser. Zu viel Druck könne den Blutfluss abschnüren. Die Faustregel: "Wenn ich Kompressionskleidung trage, darf sie nach zwei Minuten keinen unangenehm spürbaren Druck mehr ausüben. Sie muss sich angenehm anfühlen und gut passen", so Ausdauersportler Beck.

Was muss ich beim Tragen der Kompressionskleidung beachten?

Neben der richtigen Größe und Druckklasse ist es wichtig, die Kompressionskleidung faltenfrei zu tragen. Du ziehst sie am besten direkt morgens, an, rät Experte Reer. Zu diesen Zeitpunkten ist die Muskulatur am entspanntesten – und damit am flachsten. Bei Kompressionsstrümpfen sollte erst der Fuß in den Sockenteil schlüpfen und dann die Ferse übergezogen werden. Anschließend sollte das Strumpfbein langsam nach oben gerollt werden. Um Rissen im Material vorzubeugen, seien gepflegte Finger- und Fußnägel Grundvoraussetzung.

Doch zu häufiges Tragen der Funktionskleidung kann auch unliebsame Konsequenzen mit sich ziehen, erklärt der Sportmediziner: "Regelmäßiges Tragen trocknet die Haut aus. Das kann durch Reibung und bei kleinen Wunden sehr unangenehm werden." Abhilfe: eine feuchtigkeitsspendende Pflege. Ein besonders schnell einziehendes Gel gibt es hier bei amazon.de. Wenn deine Haut eher trocken ist, findest du hier einen pflegenden Balsam.

Wie wasche ich Kompressionskleidung richtig?

"Täglich waschen ist ideal", antwortet Reer. Wichtig sei hierbei: Das Hightech-Gewebe nicht zu heiß waschen. Am besten bei bis zu 30 Grad im Schonwaschgang oder gar per Handwäsche. In den Wäschetrockner sollte die Funktionskleidung definitiv nicht. Das hilft, wenn deine Sportklamotten nach Schweiß riechen.

Ob wissenschaftlich bewiesen oder nicht: Sofern Kompressionskleidung einen Effekt auf dein Wohlbefinden beim Sport hat und dich im Training motiviert, ist sie definitiv zu empfehlen.

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