Es ist Morgen. Du wachst auf und erhebst dich – was hier bedeutet: Du schwebst halb aus dem Bett. Die Gravitation in deinem neuen Zuhause hat nur etwas mehr als ein Drittel der Erdschwerkraft, also brauchst du kaum Druck, um dich aufzurichten. Ein sanftes Schieben, und du gleitest Richtung Schleusentür. Der federnd-fliegende Gang zum Training ist aber längst Routine geworden.
Draußen, hinter der Plexi-Kuppel, tanzt der rote Staub. Innen surren die Luftfilter, die CO₂ aus deiner Atemluft zurückgewinnen. Auf dem Weg zum Fitnessmodul schnappst du dir deine Trinkflasche – darin: destilliertes Schmelzwasser aus der Eiskappe, aufbereitet durch das Habitat-System.
Das Gym ist klein, aber nur mit Hightech ausgestattet: 10 Quadratmeter, ein Laufband im Unterdruckzelt, ein Widerstandsgerät mit Kolben statt Gewichten, ein Satz elastischer Seilzüge. Kein Schweißgeruch, kein dröhnender Bass – nur das gedämpfte Zischen der Druckpumpen. So könnte er aussehen, dein Fitness-Morgen auf dem Mars. Willkommen beim härtesten Workout, viele Millionen Kilometer von der Erde entfernt.
Warum Training auf dem Mars überlebenswichtig wäre
Was du hier tust, machst du nicht zum Spaß. In der Erdumlaufbahn hat man es längst bewiesen: Ohne Training bauen Astronauten, etwa auf der ISS, bis zu 20 Prozent Muskelmasse in 2 Wochen ab. Auch Knochen verlieren pro Monat bis zu 1 Prozent ihrer Dichte – eine Art beschleunigte Osteoporose.
Auf dem Mars herrscht keine völlige Schwerelosigkeit, aber fast: Seine 0,38 g Gravitation – also nur 38 Prozent der für dich gewohnten Schwerkraft – reichen nicht, um deine Muskeln und Knochen dauerhaft zu stimulieren. Forschungsteams der NASA und der ESA berechnen, dass Bewohner einer Marsstation wohl trotz Teilgravitation täglich 90 bis 120 Minuten gezieltes Training bräuchten, um funktionsfähig zu bleiben.
Ohne diese Routine drohen:
- Muskelschwund, besonders in Beinen und Rumpf,
- sinkende Knochendichte,
- Kreislaufschwäche durch geringere Herzbelastung,
- mentale Instabilität durch Bewegungsmangel.
Auf dem Mars gilt also noch mehr als auf der Erde: Training ist kein Lifestyle – es ist Medizin.
Das Mars-Gym: Training unter künstlicher Last
Das Fitnessmodul deiner Raumstation gleicht eher einem Labor als einem Studio. Hanteln wären hier sinnlos – auch sie wiegen nur ein gutes Drittel dessen, was sie auf der Erde wiegen. Stattdessen erzeugen Geräte den Widerstand durch Druck, Vakuum oder Elastizität.
Das Herzstück: das Advanced Resistive Exercise Device for Mars (ARED M), eine marstaugliche Weiterentwicklung eines ISS-Fitnessgeräts. Hydraulische Zylinder simulieren bis zu 300 Kilogramm Druckwiderstand – unabhängig von Gravitation. Damit lassen sich Kniebeugen, Kreuzheben oder Bankdrücken exakt dosieren.
Fun Fact: Beim Bankdrücken auf dem Mars "hebst" du 3-mal so viel – aber nur auf dem Papier. Auf dem Mars fühlt sich deine 100-Kilo-Hantel an wie 38 Kilo – bis sie sich zur Seite bewegt. Durch die geringere Gravitation kannst du sie viel schneller beschleunigen und absenken, aber genau das macht die Sache tückisch: Ihre Masse bleibt gleich, sie bleibt genauso schwer zu stabilisieren, bei Seitwärtsbewegungen und Rotationen lauern Gefahren. Tja, Physik hat Humor.
Die 3 Säulen beim Training auf dem Mars
1. Krafttraining – Widerstand ist alles
Ohne echte Gewichte läuft alles über hydraulischen oder elastischen Widerstand. Klassische Übungen bleiben, aber die Intensität variiert:
- Kniebeugen gegen mit Vakuumsystemen erzeugten Widerstand
- Deadlifts mit Seilzug: langsam, kontrolliert, Fokus auf Exzentrik
- Klimmzüge mit federndem Gegenzug: um trotz Schwerkraftdefizit den Muskelreiz zu halten
Ziel: Muskelerhalt durch Spannung, nicht durch Gewicht.
2. Cardio – Laufen mit Unterdruck
Cardio-Training machst du auf einem Laufband, auf dem du per Hüftgurt nach unten gezogen wirst – simulierte Erdschwerkraft! So kannst du normal laufen, ohne über die Oberfläche zu "hüpfen". Trainiert werden Herzleistung, Durchblutung und Atmung. Marsluft ist dünn (Atmosphärendruck: 6 mbar), also trainierst du drinnen, das Habitat simuliert irdischen Sauerstoffanteil. Trotzdem spürst du auch hier: Jeder Atemzug ist kostbar.
3. Koordination und Geist – Training für den Kopf
Gleichgewichtstraining ist Pflicht. Schon wenige Tage in reduzierter Gravitation verändern das propriozeptive System – der Körper "vergisst", wo oben und unten ist. Balance-Module mit VR-Projektionen helfen, den Gleichgewichtssinn zu schärfen. Das Bonusprogramm: eine halbe Stunde "Mars-Yoga" in virtueller Landschaft – gut für Muskeln und Moral.
Der Alltag drumherum – Fitness in der Kuppel
Klar, zwischen deinen Workouts läuft das Leben weiter – geregelt, technisch perfektioniert, diszipliniert. Das Wasser, das du trinkst, stammt wie erwähnt aus geschmolzenem Eis. Dein Proteinshake basiert auf Hydroponik-Soja, fermentiert mit Algenprotein. Und falls du dich fragst, ob es Eier gibt: Ja, man überlegt tatsächlich, genetisch angepasste Mars-Hühner zu züchten – klein, widerstandsfähig, CO₂-tolerant.
Nach dem Training wischst du dich nicht ab, dafür ist das Wasser zu kostbar, du wirst abgesaugt: Eine Luftdusche entfernt Schweiß und Staub. Dann geht’s weiter an die Arbeit – vielleicht im Labor, vielleicht draußen im Rover. Bewegung ist allgegenwärtig, aber Training bleibt das Zentrum deiner Gesundheit.
Was sich auf dem Mars ändert – und was bleibt
Der Körper passt sich dem Leben auf dem Mars erstaunlich schnell an. Nach ein paar Monaten da oben sind Sprünge fast mühelos, Bewegungen eleganter, aber der Schein trügt. Tatsächlich werden deine Muskeln dünner. Du bist stärker, wenn man nur das gehobene Gewicht misst – aber schwächer, wenn die Funktion angeschaut wird. Das zeigt, was Training hier wirklich bedeutet: Nicht kräftiger werden, sondern funktionsfähig bleiben.
Übrigens: Über viele Generationen hinweg könnten sich Menschen auf dem Mars sogar körperlich verändern – etwa schmalerer Körper, vergleichsweise größerer Kopf, andere Proportionen – aber das ist Langzeit-Evolution. Solltest du auf den Mars gelangen, ginge es vor allem darum, Muskeln und Knochen überhaupt funktionsfähig zu halten.
Was du auf der Erde aus der Mars-Fitness-Vision lernen kannst
Das Mars-Training ist eine Science-Fiction-Fantasie, so viel man auch bereits darüber weiß, wie sie aussehen müsste. Aber einiges davon könnte zum Vorbild für deine Trainingsphilosophie auf der Erde werden:
- Mehr Fokus auf Spannung statt Masse.
- Gezielte Bewegungsökonomie: maximaler Reiz bei minimaler Belastung.
- Kraft als Überlebensprinzip – nicht als Eitelkeit.
In der Raumfahrtforschung nennt man das Countermeasure Exercise – auf der Erde sagt man schlicht: funktional fit bleiben.












