Was bedeutet es heute, ein Mann zu sein? Zwischen traditionellen Vorstellungen von Stärke und neuen Erwartungen an Sensibilität, Offenheit und emotionale Nähe geraten viele Männer in einen widersprüchlichen Spagat. Riccardo Simonetti spricht darüber, woher diese Rollenbilder kommen, warum sie so hartnäckig bestehen bleiben und wie Männer sich von ihnen lösen können.
Riccardo, wann hast du zum ersten Mal in deinem Leben das Gefühl vermittelt bekommen: So, wie du bist, bist du nicht "männlich genug"?
Ich denke, das war schon im Kindergarten – ironischerweise, weil ich hauptsächlich mit Mädchen befreundet war.
Du beschreibst in deinem Buch, dass sich unser Männerbild gerade in der Nachkriegszeit stark verengt hat. Was ist dabei verloren gegangen – und warum halten wir trotzdem so hartnäckig an diesem Bild vom starken, souveränen, unangreifbaren Mann fest?
Viele Dinge, die wir heute als typisch für Männer empfinden, sahen früher komplett anders aus. Die Farbe Rosa zum Beispiel war ursprünglich einmal als maskuline Farbe etabliert, bis zum Dritten Reich. Das verdeutlicht, dass alles nur eine Momentaufnahme ist und wir das, was als gegeben gilt, nicht zu ernst nehmen sollten. Das kann morgen schon wieder ganz anders aussehen.
Ich glaube, die Gesellschaft hält gerne an dem Bild des Mannes als starken Ernährer fest, weil sie eine Zeit romantisiert, in der alles seinen festen Platz hatte. Alle schienen zu wissen, wohin sie gehören – natürlich nur, wenn man das Bild von außen betrachtet. Bei genauerem Hinsehen bringen fehlende Begrifflichkeiten zu mentaler Gesundheit, Abhängigkeit von Substanzen und häuslicher Gewalt die Fassade schnell zum Bröckeln.
Müssen wir traditionelle Männlichkeit komplett über Bord werfen? Oder gibt es Eigenschaften wie Mut, Stärke, Beschützen oder Übernehmen von Verantwortung, von denen du sagst: Die würde ich durchaus gern behalten – nur eben anders verstehen?
Ich verbinde diese Eigenschaften gar nicht unbedingt mit Männern. In meinem Leben waren zum Beispiel immer Frauen diejenigen, die sich schützend vor mich gestellt haben. Die mutig waren und definitiv mehr Verantwortungsbewusstsein hatten. Was natürlich nicht bedeutet, dass all diese Eigenschaften nicht an Männern genauso als wertvoll eingestuft werden können. Die Frage ist nur: Was passiert mit einem Mann, der so ist, wenn er auf jemanden trifft, der theoretisch nicht beschützt werden muss, weil er ihm ebenbürtig ist?
Männer sollen heute sensibel sein, Gefühle zeigen und über Ängste sprechen – gleichzeitig sollen sie selbstbewusst, erfolgreich, stark und möglichst souverän auftreten. Verlangen wir von Männern inzwischen vielleicht sogar widersprüchliche Dinge?
Ich denke, es ist nicht so einfach, das neue Männerbild zu navigieren, weil unsere Vorbilder natürlich ganz anders geprägt waren. Dennoch glaube ich daran, dass Männer sich oftmals einen Käfig bauen, der sie darin beschränkt, wirklich ihr wahres Selbst zu sein, aus Angst davor, ihren Status als Mann in der Gesellschaft zu verlieren. Deshalb empfinde ich mein Schwulsein heute oft als Privileg – weil ich mit dem Gedanken aufgewachsen bin, dass viele Menschen mich gar nicht als richtigen Mann sehen werden, egal, wie sehr ich mich bemühe, diesem Idealbild zu entsprechen. Daraus entsteht auch eine Freiheit, alles sein zu können, was man will. Diese Freiheit wünsche ich allerdings allen Männern und deshalb habe ich auch dieses Buch ("Wann ist ein Mann ein Mann?!") geschrieben.

Der Begriff "toxische Männlichkeit" fällt bei solchen Diskussionen schnell. Manche Männer hören darin aber nur: "Männlichkeit ist etwas Schlechtes." Ist der Begriff hilfreich – oder erreicht man damit ausgerechnet diejenigen nicht, mit denen man eigentlich ins Gespräch kommen müsste?
Ich empfinde Männlichkeit als etwas sehr Schönes. Und ich glaube nicht daran, dass es per se schlecht ist, einem traditionellen Männlichkeitsbild zu entsprechen. Ich glaube, toxisch – so ausgelutscht dieser Begriff auch ist – wird es dann, wenn man sich selbst und anderen Menschen durch seine Vorstellung von Männlichkeit schadet. Wenn es wichtiger wird, von anderen als vermeintlich richtiger Mann gesehen zu werden, statt auf sich zu achten und seine Bedürfnisse zu berücksichtigen, selbst wenn sie nicht in dieses Männerbild passen.
Gerade junge Männer suchen im Netz wieder verstärkt nach sehr klassischen männlichen Vorbildern: stark sein, Geld verdienen, Frauen erobern, keine Schwäche zeigen. Warum ist dieses Alpha-Männerbild ausgerechnet jetzt wieder so attraktiv?
Ich denke, dass hier zwei Faktoren ganz entscheidend sind. Zum einen fehlt Jungs oft der Zugang zu dem Männerbild, das sie brauchen würden, um zu verstehen, dass sie kein performativer Alpha-Mann sein müssen, um die Dinge zu erreichen, von denen sie träumen.
Und auf der anderen Seite wissen all diese Männer-Influencer, die ihr Geld damit verdienen, Männern und Jungs zu verkaufen, dass sie durch ihre Techniken ein besseres Leben als Mann führen werden, wie sie ihre Follower manipulieren können. Dann werden Fitnessprogramme verkauft und Dating-Kurse, die aber nur für ganz wenige Menschen wirklich funktionieren. Es wird eine Illusion geschaffen, die voll ist von Frauenfeindlichkeit und Imagegestaltung. Es geht vor allem darum, sich selbst zu bereichern, aber nicht darum, den Zuschauenden Tipps zu geben, die ihnen wirklich helfen sollen, ein besseres Leben zu führen.
Wir reden häufig darüber, was problematische Männerbilder Frauen antun. Du betonst aber auch, dass starre Rollenbilder Männern selbst schaden. Wo zahlen Männer deiner Meinung nach den höchsten Preis dafür, unbedingt "ein richtiger Mann" sein zu wollen?
Ich denke dann, wenn sie anfangen, sich nicht zu erlauben, Dinge zu tun, die ihnen Freude bereiten, aus Angst davor, verurteilt zu werden. Das fängt schon im Kindesalter an, wenn man sich und anderen Jungs verbietet, mit bestimmten Spielsachen zu spielen. Und geht im Erwachsenenalter weiter, wenn man aus Scham die Dinge zur Seite schiebt, die man eigentlich gerne machen würde, aber nicht machen kann, weil sie von der Gesellschaft als unmännlich eingeordnet werden.
Dabei ist eben genau das nur eine Momentaufnahme und kann morgen eben komplett anders aussehen. Was dich heute zu dem Typen macht, der von allen als der richtige Mann gesehen wird, kann dich morgen wie den größten Loser wirken lassen. Warum also dann nicht einfach das tun, was einem auch wirklich Spaß macht?
Und dann müssen wir natürlich die Frage beantworten, die du selbst auf den Titel geschrieben hast: Wann ist ein Mann ein Mann? Wenn du nach der Arbeit an diesem Buch den Satz "Ein Mann ist ein Mann, wenn …" vervollständigen müsstest – wie würde er enden?
Vielleicht, wenn er einfach mal ist – statt sich seine Männlichkeit permanent verdienen und beweisen zu müssen. Wie wäre es damit?





