Damian Hardung: "Manche Gesundheitsregeln scheitern eben an der Lebensfreude"

Neuer Film "Corpus Delicti"
Schauspieler Damian Hardung: "Manche Gesundheitsregeln scheitern eben an der Lebensfreude"

ArtikeldatumVeröffentlicht am 30.09.2026
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Szene aus Corpus Delicti: Damian Hardung als Insasse in einer Einrichtung
Foto: Leonine Studios

Mit Corpus Delicti adaptiert Regisseur Moritz Holl Juli Zehs düstere Dystopie für die Leinwand – ein Film über Überwachung, Kontrolle und den Preis der Sicherheit.

Im Zentrum: Damian Hardung als Protagonist einer Gesellschaft, in der Gesundheit zur Pflicht wird und Abweichung zur Bedrohung. Im Interview spricht der Schauspieler und angehende Mediziner über Fitness-Druck, Freiheit und die Frage, was ein gutes Leben wirklich ausmacht.

Im Film wird Gesundheit zu einem Maßstab dafür, ob jemand ein guter Bürger ist. Sehen wir heute bereits Ansätze davon, wenn Disziplin und Fitness als Zeichen eines starken Charakters gelten?

Vielleicht kommt diese Frage auch gerade daher, dass Gesundheit eines der wenigen Statussymbole ist, die man sich nicht vollständig kaufen kann. Das macht es auf eine Art zum ultimativen Statussymbol. Gleichzeitig leben wir durch das Internet heute im sogenannten Unikontext: Wir vergleichen uns nicht mehr nur mit der sozialen Gruppe um uns herum, sondern potenziell mit Menschen auf der ganzen Welt. Gerade im visuellen Medium kann Fitness dadurch schnell zum sichtbaren Beweis für Disziplin und dadurch abgeleitet Charakter werden. Und genau darin liegt eine Gefahr: dass aus dem Wunsch, gesund und fit zu sein, irgendwann der Druck entsteht, perfekt sein zu müssen – und wir dabei die Freiheit verlieren, es nicht zu sein.

Würdest du für die Aussicht auf ein langes Leben akzeptieren, dass dein Verhalten, deine Ernährung und deine Bewegung permanent kontrolliert werden?

Wenn wir im Namen der Sicherheit unsere Freiheit aufgeben, machen wir uns abhängig von der Person oder Institution, die diese Sicherheit kontrolliert. Und sobald Sicherheit von der Willkür des Kontrollierenden abhängt, ist sie ihrem Wesen nach keine Sicherheit mehr.

Gesundheit gilt heute fast als persönliche Leistung: Wer sich richtig ernährt, genug bewegt, gut schläft und seine Werte kennt, macht angeblich alles richtig. Ab welchem Punkt wird aus Eigenverantwortung Selbstüberforderung?

Ich glaube, das entscheidet zum Glück noch jeder für sich selbst. Wie beim Stress gibt es einen individuellen Punkt, an dem Eustress, also positiver, motivierender Stress, in Distress umschlägt, also negativen, überfordernden Stress. Und für mich ist der Punkt definitiv erreicht, wenn mir der Spaß abhanden kommt.

Damian Hardung in seiner Rolle in Corpus delicti, wie er angelehnt an eine Wand dramatisch nach oben schaut
Leonine Studios

Du beschäftigst dich durch dein Medizinstudium wissenschaftlich mit Gesundheit und Krankheit. Hat dieses Wissen deinen Wunsch verstärkt, möglichst lange gesund zu leben – oder hat es dich eher gelassener gemacht?

Es hat mir vor allem die Unterscheidung zwischen den Dingen gezeigt, die wir beeinflussen können, und denen, die wir irgendwann loslassen müssen. Und das gibt mir eher mehr Gelassenheit. Denn die Antwort liegt dann entweder im Tun oder in der Akzeptanz. Fürs Hadern bleibt dann weniger Raum.

Gibt es eine Gesundheitsregel, die du bewusst nicht mehr befolgst?

Wir spielen Fußball mittlerweile oft so lange, bis sich einer verletzt – und auffällig häufig bin das ich. Schienbeinbruch, Schlüsselbein, Außenbandriss … Eigentlich müsste ich längst auf andere Sportarten ausweichen. Aber Fußball macht einfach zu viel Spaß. Manche Gesundheitsregeln scheitern eben an der Lebensfreude.

Der Film zeigt eine Gesellschaft, die den Menschen ein längeres, sichereres und gesünderes Leben verspricht. Was dürfte dieses Versprechen deiner Meinung nach niemals kosten?

Jeder Wert wird für mich bedenkenswert, sobald er ins Totalitäre abrutscht und für sich beansprucht, immer Vorrang vor allen anderen Abwägungen zu haben. Wenn ich eine Sache fürs Multiple-Choice-Staatsexamen gelernt habe, dann: Eine Antwort, in der "immer" steht, ist fast immer falsch.

Der Film zeigt, dass Gesundheitsdaten zur Waffe werden können. Welche Daten über deinen eigenen Körper würdest du niemals teilen, egal wie groß der versprochene Nutzen wäre?

Ich glaube, es geht für mich weniger darum, welche Daten ich teile, sondern wem gegenüber ich sie teile. Meinem Arzt würde ich allein aufgrund seiner Schweigepflicht so ziemlich alles anvertrauen.

Du bist Schauspieler, dein Körper wird öffentlich wahrgenommen und bewertet. Wie beeinflusst das deinen eigenen Umgang mit Gesundheit und Selbstbild?

Was für den Pianisten das Klavier ist, ist für den Schauspieler sein Körper – ein Instrument, das sich der Instrumentalisierung entzieht und Wert an sich hat. Mein Fokus liegt daher darauf, bei jedem Projekt neue Akkordfolgen zu lernen.

Was nimmst du persönlich aus dieser Rolle mit – hat "Corpus Delicti" etwas an deinem eigenen Verhältnis zu Gesundheit, Kontrolle oder Freiheit verändert?

Ich glaube, ganz im Sound von Moritz Holl hat die Rolle meinen Blick dafür geschärft, wie notwendig Freiheit und Menschlichkeit sind. Für mich hallt durch den ganzen Film ein Satz von Margot Friedländer: "Seid Menschen." Und vielleicht ist das die einfachste und gleichzeitig anspruchsvollste Form von Freiheit.

Fazit